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Tourismus in der Türkei Der Schock nach den Schocks

Krieg im Nachbarland Syrien, mehrere Terroranschläge und ein Putschversuch: Die Türkei hat schwierige Monate hinter sich. Die Folgen sind dramatisch – nicht nur für die Tourismusbranche.

Freie Liegestühle und leere Schwimmbäder: So wirkt sich Terror auf den Tourismus aus

IstanbulZum Ende der Sommersaison blickt die Tourismusbranche der Türkei auf ein schwieriges Jahr zurück: Erst die durch eine Reihe von Terroranschlägen ausgelöste Unsicherheit unter Urlaubern, dann tiefe Einschnitte, die das Resultat einer diplomatischen Eiszeit mit Russland waren. Mitten im Sommer machte der Putschversuch des Militärs die wirtschaftliche Lage noch prekärer: Nach Unruhen mit 270 Toten wurde der Notstand ausgerufen, anschließend kam es zu Tausenden Festnahmen und Entlassungen.

Der stellvertretende Regierungschef Mehmet Simsek räumte ein, der gescheiterte Staatsstreich am 15. Juli und seine Folgen hätten die Wirtschaft geschwächt. Gleichzeitig pries er ihre Stabilität angesichts der Probleme. Tourismus ist ein wesentlicher Devisenbringer für die Türkei, die damit ihr gähnendes Leistungsbilanzdefizit stopfen muss. Doch gerade die Reisebranche verzeichnete die schlimmsten Einbußen.

Vor allem die russischen Touristen blieben weg. Die Zahlen gingen um 89 Prozent zurück, nachdem die Türkei im vergangenen Jahr einen russischen Kampfjet abgeschossen hatte. Das ist fatal – denn Russen stellen die zweitgrößte Touristengruppe in der Türkei. 2014 hatten 4,5 Millionen Menschen Ziele wie die Touristenmetropole Antalya besucht.

Bis Ende 2016 könnte die Türkei durch das Fehlen russischer Gäste zwischen sieben und neun Milliarden Euro Einnahmen aus dem Tourismus verlieren, warnt der Generalsekretär des türkischen Tourismusverbandes TÜRSAB, Cetin Gürcün. „Wenn wir das Volumen des russischen Marktes betrachten, dann ist es nicht einfach, die Lücke zu füllen.“ Zwar sind die Wogen zwischen Moskau und Ankara inzwischen geglättet. Doch eine Erholung des Marktes erwartet Gürcün nicht vor 2017.

Und es waren nicht nur Russen, die den türkischen Stränden und Kulturstätten fernblieben. Auch der britische Tourismuskonzern Thomas Cook meldete vor kurzem, die Nachfrage nach türkischen Zielen sei „deutlich unter dem Vorjahresniveau“. Insgesamt seien die Buchungen für die Sommersaison 2016 um fünf Prozent gesunken, vor allem wegen „geopolitischer Störungen“. Offizielle türkische Zahlen für die gesamte Sommersaison liegen bisher nicht vor. Doch allein im Juni und Juli brachen die Ankünfte im Vergleich zum Vorjahr um 40 sowie 36 Prozent ein.

Dadurch litten auch die Umsätze im Einzelhandel: Nach Darstellung von Sami Kariyo, Leiter der United Brands Association – einer Dachorganisation mit 150 Mitgliedsunternehmen und 500 Marken – ging der Umsatz aufgrund gesunkener Touristenzahlen um fünf Prozent zurück.

„Rechtsstaatlichkeit ist immens wichtig“

Mehr als 40.000 Festnahmen in der Türkei
Zehntausende Türken von Säuberungswelle betroffen
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli hart durgegriffen. Von der „Säuberungswelle“ sind bislang Zehntausende Menschen betroffen. 79.900 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes hätten ihre Jobs verloren, sagte Ministerpräsident Binali Yildirim am späten Mittwochabend in einer im Fernsehen übertragenen Rede.

(Foto: AFP)
Mehr als 40.000 Menschen festgenommen
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40.029 Menschen seien festgenommen worden, gegen 20.355 von ihnen sei Haftbefehl ergangen, sagte Yildirim weiter.

(Foto: dpa)
Zahlreiche Firmen geschlossen
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Zudem wurden 4262 Firmen und Einrichtungen geschlossen, weil sie mit dem Prediger Fethullah Gülen zusammengearbeitet haben sollen. Die türkische Regierung sieht Gülen als Drahtzieher des Putsches.

(Foto: dpa)
Tausende Unternehmen müssen noch zittern
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Ermittler des  Finanz-, Innen- und Justizministeriums seien dabei, rund 4000 Gülen-nahe Firmen und Organisationen zu durchleuchten, schrieb kürzlich die regierungsnahe Zeitung „Sabah“. Unternehmer, die Gülen finanziell unterstützten, müssen mit Anklagen wegen Geldwäsche und Beihilfe zum Terrorismus rechnen. Betroffen von den Säuberungen in der Geschäftswelt war unter anderem der Boydak-Konzern. Das Familienunternehmen ist im Energie- und Finanzsektor aktiv. Der Firmenchef Mustafa Boydak und weitere Manager des Familienunternehmens wurden festgenommen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete.

(Foto: dpa)
Säuberungen betreffen auch die Finanzwelt
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Die Behörden hatten bereits unmittelbar nach dem Putschversuch Gülens Finanznetzwerk ins Visier genommen und die Bank Asya geschlossen. Das wichtigste Geldinstitut der Bewegung soll liquidiert werden.

(Foto: Reuters)
Angebliche Gülen-Anhänger im Visier
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Die von Erdogan durchgesetzten „Säuberungen“ richten sich gegen Anhänger von Fethullah Gülen (Foto) in Polizei, Militär, Justiz, Verwaltung, Bildungswesen und Medien.

(Foto: AFP)
Zahlreiche Zeitungen geschlossen
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Mehr als 130 Zeitungen und andere Medien wurden ebenso geschlossen wie Schulen und Universitäten. Gegen Dutzende regierungskritische Journalisten gab es Haftbefehle.

(Foto: dpa)

Auch die Industrieproduktion fiel im Juli um fast fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat – der stärkste Rückgang seit Beginn dieser Statistiken 2005. „Der Putschversuch im Juli scheint sehr starke negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Tätigkeit zu haben“, sagt William Jackson, Experte für Schwellenländer beim Beratungsunternehmen Capital Economics.

Insgesamt erlitt die türkische Wirtschaft einen Schock – oder vielleicht sogar mehrere. Die Wachstumsprognosen wurden nach unten korrigiert: 2016 wird das Land voraussichtlich ein – auf den ersten Blick – vernünftiges Wachstum von knapp über drei Prozent melden. Doch vor dem Putschversuch hatten die meisten unabhängigen Konjunkturprognostiker mit rund vier Prozent gerechnet.

Das ist eine deutliche Veränderung, insbesondere für ein Schwellenland, das über weite Strecken der vergangenen 25 Jahre viel mehr gewohnt war. Der Lebensstandard könnte sinken und die Unsicherheit, die viele im Land spüren, noch verschärft werden.

Der Istanbuler Wirtschaftsprofessor Erhan Aslanoglu hält die türkische Wirtschaft für robust genug, die Turbulenzen durchzustehen. Gleichzeitig betont er jedoch, die Türkei brauche mehr als vier Prozent Wachstum, um die Arbeitslosigkeit auf niedrigem Niveau zu halten: „Es ist besser als in vielen europäischen Staaten, aber nicht genug für die Türkei.“

Erdogans zweifelhafte Mega-Bauten
Dritte Bosporusbrücke in Istanbul
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Innerhalb von weniger als vier Jahren entstand bis 2016 eine rund 1,4 Kilometer lange Brücke über den Bosporus – die dritte ihrer Art. Mit einer achtspurigen Straße und zwei Gleisen verbindet sie den europäischen und den asiatischen Teil von Istanbul.

(Foto: dpa)
Rekordverdächtiger Flughafen
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Der Grundstein wurde zwar erst im Juni 2014 gelegt. Doch wenn er 2018 wie geplant fertiggestellt wird, sollen am Flughafen „Istanbul Yeni Havalimani“ bald bis zu 150 Millionen Passagiere abgefertigt werden können. Er wäre damit der größte der Welt.

(Foto: Istanbul Yeni Havalimani)
Präsidentenpalast
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Als „Dienstgebäude des Ministerpräsidenten“ war der Prunkbau in der Hauptstadt Ankara konzipiert worden. Als er 2014 fertig wurde, war Erdogan aber schon Präsident – und zog eben in den umbenannten Palast.

(Foto: picture alliance /dpa)
Präsidentenpalast
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1.000 Zimmer soll der rund 400 Milliarden Euro teure Amtssitz laut türkischen Medien haben. Kritiker monieren, der Bau sei illegal in einem Naturschutzgebiet errichtet worden.

(Foto: picture alliance /dpa)
Bosporustunnel
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Der erste transkontinentale Tunnel der Welt wurde 2013 eröffnet, rechtzeitig zum 90. Geburtstag der Republik. Der Bahntunnel „Marmaray“ soll dabei helfen, einen Verkehrsinfarkt in Istanbul abzuwenden. Im erst fast fertiggestellten Avrasya-Tunnel sollen Autos auf zwei Ebenen von Europa nach Asien und umgekehrt fahren können.

(Foto: Avrasya Tüneli)
Mega-Moschee
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Auf einem Hügel über Istanbul entsteht seit 2013 die größte Moschee der Türkei. Bis zu 50.000 Gläubige sollen später darin beten können. Ihre rund 107 Meter hohen Minarette gehören zu den höchsten der Welt.

(Foto: istanbulcami.com)
Kanal İstanbul
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Erdogan selbst spricht von einem „verrückten Projekt“, wenn es um den „Kanal Istanbul“ (mittig im Bild) geht. Die 145 Meter breite und 25 Meter tiefe Schiffsroute soll den Bosporus als parallele Wasserstraße entlasten. Bis 2023, also zum hundertsten Geburtstag der modernen Türkei, sollen Schiffe den Kanal durchfahren können.

(Foto: Wikipedia)

Hinzu kommt, dass ausländische Investoren abwandern dürften, wenn die Türkei zunehmend autoritär regiert wird. Doch gerade sie werden dringend gebraucht zur Finanzierung des hohen Leistungsbilanzdefizits, das im vergangenen Jahr 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrug. Auch die Chance auf einen EU-Beitritt würde ein autoritäreres Regierungsmodell weiter schmälern.

Seit dem Putschversuch wurden Zehntausende Staatsbedienstete und Regierungsbeamte entlassen und zahlreiche Unternehmen geschlossen – wegen mutmaßlicher Verbindungen zum im US-Exil lebenden Geistlichen Fethullah Gülen, den die Regierung in Ankara für den Putschversuch verantwortlich macht. Gülen weist das zurück. Atilla Yesilada, Analyst bei der auf Schwellenmärkte spezialisierten Beratungsfirma GlobalSource Partners, warnt: „Rechtsstaatlichkeit ist immens wichtig.“

Brexit 2019
  • ap
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