Treffen in Singapur Warum der Koreagipfel erst der Anfang brisanter Verhandlungen ist

Selbst eine Absichtserklärung zur Abrüstung wäre noch kein Durchbruch für den Nordkorea-Gipfel. Denn auch die USA müssen Verlässlichkeit beweisen.
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SingapurDer Countdown für den Atompoker zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un läuft. Am Dienstag werden sie in Singapur ab neun Uhr Ortszeit über die Denuklearisierung Nordkoreas sprechen. Doch schon jetzt ist klar, dass dieser Gipfel auch im besten Fall erst der Anfang brisanter Verhandlungen werden wird.

„Denuklearisierung ist ein sehr komplexes Unterfangen, dass Jahre benötigen wird,“ meint Frank von Hippel, ein altgedienter Abrüstungsexperte an der Princeton-Universität. Von Hippel kennt sich aus in der Materie. In den 1980er-Jahren hat der Physiker den sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow über atomare Abrüstung gebrieft, dieses Jahr auch die südkoreanische Regierung.

Und er spricht daher aus Erfahrung, wenn er den nordkoreanischen Fall als einmalige Herausforderung beschreibt. Libyen oder Irak, die ihre Atomprogramme aufgaben, oder der Iran, der seine Entwicklung bremste, verfügten noch nicht über Bomben, als sie dem Abbau zustimmten.

Hürde 1: Größe des Atomwaffen-Arsenals

Nicht einmal Südafrikas Aufgabe seiner Atomwaffen in den 1980er-Jahren ist vergleichbar. Denn damals handelte es sich um gerade einmal sechs Atomwaffen. Nordkoreas Arsenal wird hingegen auf 60 Sprengköpfe geschätzt, Interkontinentalraketen noch dazu. Daher gibt es nicht nur ein paar Einrichtungen zu überprüfen, sondern Hunderte und Tausende von Experten, die an Bomben und Raketen gearbeitet haben.

Ein weiterer Grund ist das Sicherheitsbedürfnis des Nordens. Kim sieht Atomwaffen als Sicherheitsgarantie gegen Sturzversuche oder Angriffe der USA. „Ich glaube nicht, dass die schnell aufgeben werden,“ meint von Hippel.

Hürde 2: Großer Deal wäre hochkomplex

Nordkorea könnte als spektakuläre vertrauensbildende Maßnahme einige Raketen, etwas radioaktives Material oder ein paar Atombomben sofort übergeben, mutmaßen Experten. Aber niemand glaubt an einen großen Deal, sondern allenfalls an einen schrittweisen Prozess, bei dem Nordkorea an jedem Meilenstein politische und wirtschaftliche Zugeständnisse erwarten wird. 

Und auch im besten Fall wird dieser Prozess eine Geduldsprobe, warnt Siegfried Hecker von der Stanford-Universität, der als einziger amerikanischer Experte mehrfach nordkoreanische Atomanlagen besuchen durfte. „Sie werden sicherlich versuchen, sich abzusichern, in dem sie Teile ihres Programms behalten.“ 

Trump und Kim versetzen Singapur in Ekstase
Schwer bewacht
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Polizisten patrouillieren vor dem St. Regis Hotel, der Unterkunft von Nordkoreas Machthaber Kim.

Viel Polizei
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Weit weniger martialisch wirken die Polizisten die vor dem Capella Hotel, dem kolportierten Treffpunkt zwischen Trump und Kim, patrouillieren.

Zum Palast
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Die Autokolonne mit US-Präsident Trump fährt am Montag die Orchard Road hinunter. Ihr Ziel: Der Präsidentenpalast in Singapur.

Treffen mit dem Ministerpräsidenten Singapurs
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Donald Trump (links) und Lee Hsien Loong schütteln sich die Hände. Wie schon Diktator Kim traf auch der US-Präsident zunächst mit Singapurs Premierminister zusammen.

Vor dem Istana-Palast
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In dem Gebäude hat Singapurs Ministerpräsident nicht nur Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un empfangen, sondern auch US-Präsident Donald Trump. Hunderte wollen einen Blick auf die Regierungschefs erhaschen.

Viel Publikum
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Eine Menge Schaulustiger wartet darauf, dass die Wagenkolonne von US-Präsident Trump den Präsidentenpalast wieder verlässt.

Kulinarische Besonderheiten
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Eine Kellnerin eines Restaurants in Singapur zeigt einen speziellen Hamburger, der aus Anlass des Treffens Trump und Nordkoreas Machthaber Kim kreiert wurde.

In einer Studie hat er mit zwei Kollegen daher einen detaillierten Zehn-Jahresplan für eine Denuklearisierung vorgelegt. Hecker selbst glaubt aber, dass der Prozess eher 15 Jahre dauern würde.

Hürde 3: Dokumentation der Nuklear-Bestände

Der erste wirklich wichtige Schritt wäre, dass Nordkorea den USA eine Bestandsaufnahme an Atomwaffen und radioaktivem Material überreicht. Mehr hält Experte von Hippel derzeit nicht für möglich: „Ich denke nicht, dass sie uns schon zu Beginn die Einrichtungen verraten oder uns gar Zugang gewähren. Denn damit würden sie de facto dem Pentagon eine Liste mit Zielen für Militärschläge übergeben.“ 

Danach müssten beide Seiten den Zugang der Experten der internationalen Atomenergieagentur IAEA zu Anlagen aushandeln. Dass Nordkorea kein Plutonium mehr herstellt, wäre dabei noch relativ einfach zu überprüfen. Aber kein Land ist glücklich, wenn es Kontrolleuren Zugang zu allen Anlagen gewähren muss, die sie sehen wollen.

In der Vergangenheit war die Frage der Verifizierung eine wichtige Sollbruchstelle in Verhandlungen mit Nordkorea. 1992 hätte die IAEA die Nordkoreaner beim Lügen über ihr Plutoniumprogramm ertappt, erzählt der Experte. Und die Nordkoreaner hätten daraufhin den Prozess abgebrochen. 

2008 forderte die Regierung Bush plötzlich Kontrollen, die ursprünglich erst für die nächste Stufe vorgesehen waren und die Verhandlungen kollabierten. „Das könnte jetzt wieder passieren“, warnt von Hippel.

Hürde 4: Wer überwacht eine Abrüstung?

Doch auch wenn die Unterhändler diese Hürde überwinden sollten, bleiben die Herausforderung groß. Eine Frage wäre, wie Nordkoreas Atomwaffen auseinandergenommen werden, von den Nordkoreanern selbst oder anderen Ländern. 

Auch die Verfolgung von waffenfähigem spaltbaren Material ist schwierig. Die Menge an produziertem Plutonium könnten Experten relativ genau ermitteln, meint von Hippel. „Aber bei hochangereichertem Uran sind wir nicht annähernd so gut.“ 

Hürde 5: Was passiert mit den konventionellen Raketen und Biowaffen?

Ein weiterer Streitpunkt dürfte Nordkoreas Raketenprogramm sein. Eine Aufgabe der Interkontinentalraketen wäre wahrscheinlich, wenn Nordkorea sich auf einen Deal einigt. „Aber ich glaube nicht, dass ein Abkommen auch Raketen kürzerer Reichweite verbieten wird“, so der US-Experte. Denn Nordkorea müsse auch die eigene Verteidigung mit konventionellen Sprengköpfen gestattet werden. 

Eine wichtige Frage ist allerdings, wo die Linie gezogen wird. Bei 500 Kilometern? Dann befände sich nur Südkorea im Visier der Nordkoreaner. 1500 Kilometer? Da würde Japan protestieren, weil es weiterhin in Reichweite des Regimes wäre. Oder 4000 Kilometer, so dass Kim auch Guam bedrohen kann? Schließlich würden von dort im Ernstfall amerikanische Langstreckenbomber starten. 

Doch damit nicht genug: Die USA fordern auch eine Abwicklung von Nordkoreas biologischen und chemischen Waffen. Außerdem hat Nordkorea buchstäblich tiefgreifende Lehren aus dem Korea-Krieg gezogen, in dem US-Bomber die Städte eingeebnet hatten. 

Hürde 6: Kann Nordkorea eine Einigung umgehen?

Flächen wie Berge sind von Tunneln durchzogen, um wichtige Anlagen zuerst vor Satelliten zu verstecken und im Ernstfall vor Bomben zu schützen. „Wenn wir wirklich das ganze Land durchkämmen wollen, bräuchten wir eine Armee“, meint von Hippel. 

Das wichtigste sei daher die Frage des Zugangs. Auch als Südafrika seine sechs Atombomben aufgegeben hat, waren sich die Experten nicht sicher, ob das Land nicht doch noch eine Bombe versteckt hatte. Aber die Südafrikaner gewährten dann so freien Zugang zu Experten, dass Vertrauen wuchs und die Zweifel schwanden. „Die Herausforderung wird sein, auch in Nordkorea mit den Experten sprechen zu können.“

Hürde 7: Sind die USA überhaupt verlässlich?

Doch auch Nordkorea hat Grund zur Sorge, meint der Amerikaner. „Die USA sind das am wenigsten berechenbare Land in diesem Prozess.“ Schon oft haben Initiativen Regierungswechsel nicht überstanden. George W. Bush hat Clintons Nordkorea-Deal endgültig begraben, Trump das Atomabkommen mit dem Iran, dass während Barack Obamas Amtszeit ausgehandelt worden war. 

Alle Sicherheitsgarantien und Versprechen an Nordkorea müssten daher in diesem Fall von allen Parteien unterstützt werden, um ansatzweise glaubwürdig zu sein. Trump hat hier allerdings einen Vorteil, den Clinton und Obama nicht hatten. Er ist Teil der Republikaner, die bislang vehement Widerstand gegen eine Annäherung an Nordkorea geleistet hatten. Von Hippel hegt daher eine Hoffnung: „Wenn die Republikaner mit seinen Absprachen einverstanden sind, könnte es sein, dass die Demokraten sie letztlich respektieren.“

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1 Kommentar zu "Treffen in Singapur: Warum der Koreagipfel erst der Anfang brisanter Verhandlungen ist"

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  • Ich gehe davon aus, daß Herr Trump viel zu dumm ist, sachlich die Verhandlungen zu führen und auf Grund dessen Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit wird es kein positives Verhandlungsergebnis geben.Die Nordkoreaner sind den US - Amerikanern sowieso an Intelligenz überlegen und werden sich von Herrn Trumps
    Erpressungen nicht beindrucken lassen.
    Leider wird dieses Treffen scheitern.

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