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Für die Freiheit

In der Redaktion hat sich die Stimmung mittlerweile wieder etwas entspannt.

(Foto: AFP)

Türkei „Cumhuriyet“ sieht sich an der Spitze der Anti-Erdogan-Bewegung – zu recht?

Die Tageszeitung „Cumhuriyet“ war die wichtigste regierungskritische Zeitung. Erdogan-Kritiker streiten darüber – und schwächen so die Kraft der Opposition.
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IstanbulAlev Coskun ist erbost. „Ich akzeptiere nicht, dass man mir vorwirft, auf der Seite der Regierung zu stehen!“ Alle hätten geschrieben, dass er nun zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan halte, aber niemand hätte ihn nach seiner Meinung gefragt. „Schreiben Sie das so auf!“, diktiert der Verlagschef der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ mit erhobenem Finger.

Der 83-Jährige war von 1993 bis 2013 bereits Chef der Stiftung, zu der die türkische Tageszeitung gehört. Er gilt in dem Land als ein Mann der alten Elite. Helle Haare und helle Haut, ein Anzug nach Maß, am Revers eine Anstecknadel mit dem Konterfei des Staatsgründers Atatürk.

Nach einem zweijährigen Rechtsstreit steht er nun wieder an der Spitze der Erdogan-kritischen Tageszeitung. Doch Coskuns wichtigster Gegenspieler war nicht der türkische Präsident. Sondern der ehemalige Chefredakteur der „Cumhuriyet“, der derzeit im deutschen Exil lebt: Can Dündar.

Dündar hält Alev Coskun für einen Denunzianten. Sein Vorwurf: Coskun habe die Zeitung und ihre Journalisten verraten, um sich selbst an die Spitze des Verlags zu hieven. In einer Kolumne in einem deutschen Wochenmagazin schreibt er über Coskun: „Nachdem es der „Cumhuriyet“ gelungen war, allem Druck standzuhalten und sich mit ihrem Freiheitskampf international Anerkennung zu verschaffen, fiel sie leider der Machtgier zum Opfer.“

„Cumhuriyet“ sieht sich weiter an der Spitze der Anti-Erdogan-Bewegung. Sie gilt im In- und Ausland als Pfeiler der Pressefreiheit in einem Land, in dem Dutzende Journalisten in Haft sitzen. Doch es brodelt nicht nur außerhalb des Redaktionsgebäudes. Unter den Journalisten der Zeitung ist ein lange unbeobachteter Machtkampf entbrannt. Sie sind sich nur noch darin einig, den Staatspräsidenten stürzen zu wollen. Doch anstatt sich gemeinsam zu organisieren, bekämpfen sich die regierungskritischen Lager gegenseitig – und lähmen sich dabei selbst.

Im Alltag wirkt das Verlagsgebäude wie eine Bastion. Die Redaktionszentrale im Istanbuler Stadtteil Sisli, gleich gegenüber einem katholischen Friedhof, ist seit der Anschlagsserie 2015 streng bewacht. Um das Grundstück ist ein Polizeizaun gezogen, vor dem Eingang steht eine gepanzerte Kabine, von der aus die Wachleute jeden Besucher im Blick haben. Jedes Mal, wenn in den vergangenen Jahren Angestellte der Zeitung angeklagt oder verhaftet worden waren, versammelten sich Tausende Oppositionelle um das Verlagsgebäude, um sich solidarisch zu zeigen.

Die älteste Publikation des Landes sieht sich als Erbe des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Sie gilt als links-nationalistisch, während die aktuelle Regierung als rechts-konservativ charakterisiert wird. Kein Wunder, dass die „Cumhuriyet“ regelmäßig aneckt. Und das bereits vor Erdogans Aufstieg. 1993 wurde der damalige Chefredakteur Ugur Mumcu sogar von Islamisten mit einer Bombe aus Plastiksprengstoff ermordet. Er ist einer von bislang sechs Journalisten der Zeitung, die ihre Arbeit mit dem Leben bezahlten.

In der jüngeren Vergangenheit hat sich die Zeitung vor allem dadurch verdient gemacht, in einem zunehmend repressiven Umfeld nicht von ihrer kritischen Linie abzuweichen. Das blieb nicht ohne Folgen. Vor drei Jahren wurde der damalige Chefredakteur Dündar erst festgenommen, dann zu einer Haftstrafe verurteilt und kurz nach einem Gerichtstermin auf offener Straße mit einer Pistole bedroht. Dündar überlebte unverletzt, floh anschließend nach Berlin. Der Angreifer erhielt Anfang Oktober eine Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung.

Streit über Ausrichtung der Zeitung

Im Herbst 2015 fanden Polizisten bei einer Razzia in einer Wohnung von IS-Terroristen im südtürkischen Antalya Pläne für einen Anschlag auf das Redaktionsgebäude der „Cumhuriyet“ in Istanbul. Nach einem blutigen Putschversuch im Juli 2016 landete mehr als ein Dutzend Journalisten der Zeitung in Untersuchungshaft. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Unterstützung von Terrororganisationen. Einige der Urteile stehen noch aus.

Doch die Journalistinnen und Journalisten ließen sich nicht abhalten, berichteten etwa über versteckte Offshore-Gesellschaften türkischer Minister und ihrer Familienangehörigen. Vor allem Berat Albayrak, derzeit Finanzminister und Erdogans Schwiegersohn, ist oft das Ziel der Recherchen. Die Investigativ-Redakteurin Pelin Ünker ist dafür zuletzt erneut angeklagt worden. Der Vorwurf lautet nicht, dass sie etwas Falsches aufgeschrieben haben könnte – sondern dass sie die Persönlichkeitsrechte von Albayrak und Co. missachtet habe.

Doch Dündars Abgang hat ein Machtvakuum hinterlassen. Und im Verlag ist ein Streit entbrannt: über die künftige Ausrichtung der Zeitung – und über die Frage, was in der Türkei eigentlich Opposition ist und was nicht.
Viel wurde nach Coskuns Sieg Anfang September über die „Cumhuriyet“ geschrieben, auch in deutschen Medien. Viele meinten, die angeblich letzte kritische türkische Tageszeitung sei nun auf Regierungslinie gebracht worden. „Journalismus auf dem Totenbett“ lautete eine Schlagzeile oder: „Der Abriss des letzten gallischen Dorfes“.

Wer es ins Gebäude der „Cumhuriyet“ schafft, muss erst einmal durch eine Sicherheitskontrolle. Anschließend geht es in einem engen Aufzug aus den 1970er-Jahren in den fünften Stock. Ein weißer Plastik-Wasserspender steht wie ein Wächter vor einer großen schwarzen Türe. Hier residiert Alev Coskun, der alte und jetzt wieder neue Verlagschef. Mit 25 Jahren wurde er jüngster Abgeordneter der Atatürk-Partei CHP. In den 1970er-Jahren war er auch einmal Kulturminister, vergrub sich aber ansonsten in der Parteihierarchie.

1993 wurde er schließlich gebeten, die Verlagsführung der „Cumhuriyet“ zu übernehmen. Er leitete das traditionsreiche Verlagshaus 20 Jahre lang. Im Sommer 2013 erhielt das Blatt einen neuen Chefredakteur: Can Dündar. Auch der Verleger wurde in einer Kampfabstimmung neu gewählt, Coskun wurde abgesetzt.

Viele feierten die „Cumhuriyet“ dafür, den Topjournalisten Dündar anzustellen. Doch intern gab es schon früh Kritik. Dündar habe bei seinem Amtsantritt viele Redakteure entlassen und dafür seine eigenen Leute mit hochbezahlten Jobs in der Redaktionsleitung versorgt. Und das, während die Zeitung mitten in einer Auseinandersetzung mit der Regierung um Anzeigen kämpfte. Ein langjähriger Redakteur sagt: „Wir mussten mehrere Male auf unser Gehalt verzichten, während Dündars Leute absahnten.“ Die meisten Angestellten erhalten ein Gehalt, das nur knapp über dem staatlichen Mindestlohn liegt, umgerechnet derzeit knapp 400 Euro. Dündar äußert sich dazu nicht.

Kontroverse über Gülen-Bilder

Ein anderer interner Vorwurf wiegt jedoch schwerer: Dündar soll die Gülen-Verbindung zu häufig in der Zeitung erwähnt haben. Die Bewegung des islamischen Predigers hat über vier Jahrzehnte den türkischen Staatsapparat infiltriert. Die Regierung und ein Großteil der Opposition sind überzeugt, dass Fethullah Gülen und seine Leute für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich sind, bei dem mehr als 250 Menschen ums Leben gekommen sind und in dessen Folge die Regierung mit Notstandsgesetzen Richter und Professoren, Unternehmer und Journalisten absetzte und einsperrte.

Ein Jahr vorher, am 23. Mai 2015, platzte dem eigentlich pensionierten Verlagschef Coskun der Kragen. Auf der Titelseite „seiner“ „Cumhuriyet“ prangte ein Bild Gülens. Verantwortlich soll der damalige Chefredakteur gewesen sein: Can Dündar. Dündar selbst schrieb später über den Artikel: „In dem betreffenden Bericht ging es […] darum, dass Erdogans Schwiegersohn […] den zum ‚größten Feind‘ erklärten Gülen zu Hause besucht hatte.“ Einen Tag später erschien erneut ein Bericht mit Gülen auf der Titelseite. Auch Staatschef Erdogan war auf dem Foto zu sehen.

Für Alev Coskun waren die beiden Veröffentlichungen jener Artikel der Anstoß, sich wieder einzumischen. Er regt sich noch heute darüber auf, dass Dündar für die Gülen-Berichte sogar das Logo der Zeitung verschoben habe. „Nicht einmal am Todestag von Atatürk haben wir das Logo verschoben!“, echauffiert sich Coskun im Gespräch mit dem Handelsblatt. Dündar äußert sich dazu wie folgt: „Der 83-jährige Ex-Funktionär ist kein Journalist und glaubt offenbar, in einer Zeitung drucke man nur Fotos von Leuten, die man mag.“

Es ist eine Sache, ob ein Verleger alter Schule auf ein konventionelles Layout besteht. Eine andere Sache ist es, wenn auch die Leser das so sehen. Schon im September 2014, kurz nach Dündars Amtsantritt, trafen sich viele treue „Cumhuriyet“-Abonnenten, um „über unsere Einstellung und Maßnahmen gegen den Wechsel bei Autoren und bei der Redaktionsleitung von ,Cumhuriyet‘ zu diskutieren“, wie es in der damaligen Einladung hieß.

Im November 2015 protestierten „Cumhuriyet“-Leser auf einer Buchmesse in Istanbul gegen den umtriebigen und umstrittenen Chefredakteur. Manche nannten Dündar damals einen „Verräter von Atatürks Werten“. Seitdem verlor die Zeitung kontinuierlich Abonnenten. Waren es zu Beginn von Dündars Amtsantritt noch gut 60.000 täglich verkaufte Ausgaben ist die Zahl auf inzwischen 32.000 gesunken.

Alev Coskun hat seine Prinzipien. Wenn er spricht, lässt er keinen Einspruch zu. „Wir folgen einzig Atatürks Werten“, betont er immer wieder, und es scheint, als meinte er mit „wir“ die komplette Hälfte der Bevölkerung, die bei der jüngsten Präsidentschaftswahl für die Opposition gestimmt hatte.

Einige Redakteure kündigten

Schließlich zog Coskun gegen die „Cumhuriyet“, die er selbst 20 Jahre lang angeführt hatte, vor Gericht. Und das auch noch, während mehr als ein Dutzend Redakteure unter Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft saßen. In einem parallel abgehaltenen zivilen Rechtsstreit um den Vorsitz in der Eigentümerstiftung der Zeitung errang Coskun schließlich nach zwei Jahren einen Sieg. Das war im September dieses Jahres.

Auch er gibt zu, dass er lieber einen Rechtsstreit vermieden hätte. Aber der Vorwurf, dass er nun mit der Erdogan-Führung flirte, bringt ihn in Rage. „Es hat sich nichts an unserer kritischen Einstellung gegenüber der Regierung geändert!“ Als Beleg zeigt er Titelseiten der Zeitung aus den vergangenen Tagen. In der Tat schreibt die Zeitung regelmäßig kritisch über Staatschef Erdogan, seine Partei und seine Familie. So berichteten die Redakteure kürzlich über eine geheime Stiftung von Erdogans Schwiegersohn.

In der Redaktion hat sich die Stimmung mittlerweile wieder etwas entspannt. Mehr als 20 Journalisten haben aus Protest gegen den neuen Verlagschef gekündigt. Die übrig Gebliebenen scheinen sich wohlzufühlen. „Es gab zwei Lager unter den Kollegen, das ist nie gut“, sagt eine Redakteurin dem Handelsblatt.

Eine der Kolumnistinnen der Zeitung, Mine Kirikkanat, griff jüngst all jene an, die nun glaubten, die Zeitung würde ihre Ausrichtung ändern, könne nun gar mit der Regierung paktieren – und veröffentlichte diese Kolumne auf Twitter sogar in einer deutschen Übersetzung. Sie kritisierte darin auch Ex-Chefredakteur Can Dündar und den Ex-Chef der Eigentümerstiftung, der nach Coskuns Sieg vor Gericht seinen Posten räumen musste, und sorgte in der Türkei für Furore.

Sie hätten die Zeitung heruntergewirtschaftet und zu sehr mit Gülen gekuschelt. „Unsere heutige Zeitung steht der aktuellen Regierung noch entschlossener gegenüber, weil wir eine unabhängige Opposition führen“, argumentiert Kirikkanat, „auch unabhängig von EU-Positionen.“ Ein Wink an Dündar, der jetzt im EU-Land Deutschland lebt. In Bezug auf die Journalisten, die seit der Gründung der Zeitung 1924 getötet worden sind, schreibt sie weiter: „Wir führen ihr Erbe fort und schreiten den Weg, den Atatürk uns eröffnet hat, mit viel Mut weiter und sind bereit, dafür jeden Preis zu bezahlen.“

Die Opposition in der Türkei, sie ist noch lange nicht tot. Doch sie ist zu sehr gespalten, um ein wirkliches Gegengewicht zum mächtigen Staatspräsidenten zu bilden.

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