Türkei in der Krise „Wer fliehen kann, der flieht“ – Erdogan vergrault die Investoren

Die Krise in der Türkei spitzt sich dramatisch zu: Die Investoren verlieren das Vertrauen, die Währung stürzt ab. Ökonomen warnen vor den Folgen für Europa.
Update: 12.08.2018 - 22:51 Uhr 2 Kommentare
Lira-Absturz in der Türkei: Erdogan vergrault die Investoren Quelle: Presidential Press Service via AP, Pool
Recep Tayyip Erdogan am Freitag in Ordu

Der Präsident befindet sich in einer selbst verursachten Zwangslage.

(Foto: Presidential Press Service via AP, Pool)

Istanbul, DüsseldorfEs ist die Welt, wie Donald Trump sie liebt: ein schneller Tweet – und schon ist das mittelschwere Erdbeben da. Die türkische Lira verlor gegenüber dem Dollar fast ein Viertel ihres Werts, nachdem der US-Präsident am Freitag eine Verdopplung der Zollsätze auf türkische Stahl- und Aluminiumprodukte angekündigt hatte. Der Risikoaufschlag für die Versicherung gegen einen Zahlungsausfall der Türkei, sogenannte Credit Default Swaps, schoss um 63 Punkte auf 433 Basispunkte in die Höhe.

Die Angst vor der Ansteckung geht um in Europa. „Wir befinden uns in einer Run-Situation: Die Investoren versuchen, ihr Kapital möglichst schnell abzuziehen, weil sie wissen, dass andere Investoren das auch tun“, warnt Ifo-Chef Clemens Fuest im Interview mit dem Handelsblatt: „Wer fliehen kann, der flieht.“ Keiner wolle der Letzte sein.

Fuest sieht kaum Auswege aus der Krise: Präsident Recep Tayyip Erdogan stecke „in einer Zwangslage, in die er sich selbst hineinmanövriert hat“. Gleichzeitig forderte Fuest ein Engagement der europäischen Partner: „Es liegt im Interesse Europas, einen wirtschaftlichen Absturz der Türkei zu verhindern.“ Die Türkei ist wichtiger Handelspartner, Nato-Mitglied und stabilisierender Faktor im Nahen Osten.

Seit Jahresbeginn hat die Lira mehr als die Hälfte ihres Werts gegenüber dem Dollar verloren. Durch den Verfall steigt das Risiko, dass türkische Banken und Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Das wiederum hat negative Folgen für europäische Banken. Besonders spanische Institute sind betroffen: Sie haben nach Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich 82 Milliarden Euro an türkische Institute verliehen. Für deutsche Banken stehen 17 Milliarden Dollar im Feuer.

Gleichzeitig schießt die Inflation in die Höhe, was die türkischen Bürger belastet. „Wenn die Menschen einen Verfall ihres Lebensstandards erleben, wird es für jede Regierung kritisch“, warnt Fuest: „Diese Krise könnte Erdogan das Amt kosten.“

Erdogan hat viele Fehler begangen

Wenn der türkische Präsident eine Bühne betritt, ist eines gewiss: Es lohnt sich zuzuhören. So war das auch im November 2016, als der türkische Staatschef eine Gruppe anatolischer Bürgermeister empfing. Erdogan hatte vier Monate zuvor einen Putschversuch überlebt, war immer noch im Amt und so mächtig wie nie.

Nach seiner üblichen Propaganda redete Erdogan über die große Politik. „Wir werden die Bedrohungen höchstpersönlich dort angehen, wo sie entstehen“, sagte er – und richtete seine Außenpolitik neu aus. Er brach mit alten Partnern, wandte sich Russland und dem Iran zu. Türkisches Militär marschierte zweimal in Syrien ein. Er ließ sich erneut zum Präsidenten wählen und änderte die Verfassung.

Erdogan will aus einer Position der Stärke agieren, doch er hat viele Fehler begangen. Das zeigte sich auch am Freitag: Die türkische Lira brach im Laufe des Tages teilweise um fast 20 Prozent ein. Der Kurs des Dollars stieg in der Spitze um fast 18 Prozent. Die USA weiten derweil ihren Handelskrieg auf die Türkei aus. US-Präsident Donald Trump begründete den Schritt damit, dass das Verhältnis zur Türkei derzeit wirklich nicht gut sei.

In einem Interview vor der jüngsten Wahl Ende Juni kündigte Erdogan an, seinen Einfluss über die eigentlich unabhängige Notenbank ausweiten zu wollen. Marktteilnehmer reagierten schockiert, die Lira sackte schon damals ab. Erdogan denkt, er handele richtig, weil er die Macht dazu habe. Doch er übersieht die Fehler, die er dabei begeht. Wenn etwas schiefläuft, schiebt er es auf „den Westen“.

Kurz nach seiner Rede vor den Dorfwächtern 2016 wurde der Amerikaner Andrew Brunson verhaftet, ein Pastor, der seit über 20 Jahren in der Türkei lebt. Ihm wird Terrorunterstützung vorgeworfen.

Eigentlich ist er nur eine Geisel, um den Anführer der Gülen-Bewegung dingfest zu machen – der in den USA lebt. Als das Weiße Haus zum ersten Mal die Freilassung Brunsons forderte, konterte Erdogan: „Ihr habt ja auch einen Geistlichen, den wir gerne hätten.“ Ein Satz mit diplomatischer Sprengkraft.

Die Stimmung dreht sich gegen Erdogan

Die Amerikaner denken nicht im Traum daran, sich auf diesen Handel einzulassen. Und so nutzten sie den Dollar-Hebel. Das Vertrauen der Marktteilnehmer ist heute erodiert, Anleger laufen in Scharen davon. Und Investoren verlieren langfristig den Glauben an einen Staatschef, der vieles besser machen wollte, jetzt aber nur noch Machtpolitik auf Kosten des Landes betreibt. 

Selbst bei regierungsnahen Organisationen steigt die Verunsicherung. „Ich bin enttäuscht“, sagt ein Regierungsberater. Die Stimmung droht zu kippen – gegen Erdogan. „Es geht nicht mehr darum, für oder gegen die Regierung zu sein“, sagt der Redakteur einer regierungsnahen Zeitung. „Wir machen uns jetzt Sorgen um die Zukunft.“

Erdogan warnt Unternehmen

Erdogan reagierte prompt auf den Lira-Absturz. Er betonte, der Dollar werde die Türkei „nicht vom Weg abbringen“. In der Tat versucht das Finanzministerium, die Dollar-Abhängigkeit zu verringern. Trotzdem ist die Verzweiflung in Ankara mit Händen zu greifen.

Finanzminister Berat Albayrak kündigte in einem Interview mit der „Hürriyet“ zudem einen Aktionsplan an, um die Märkte zu beruhigen. Der sei bereits vorbereitet, so der Minister. Am Montag würden dann Institutionen die notwendigen Maßnahmen ergreifen und mit dem Märkten kommunizieren, fügte er hinzu.

Staatspräsident Erdogan forderte indes von heimischen Unternehmen, sich vor der derzeitigen Situation nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Nicht nur die Regierung habe die Pflicht, die Nation am Leben zu erhalten, sagte Erdogan am Sonntagabend. „Es ist auch die Pflicht der Industriellen und der Händler.“ Er warnte die Firmen zudem davor, Bankrott anzumelden: „Wenn ihr das macht, begeht ihr einen Fehler!“

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2 Kommentare zu "Türkei in der Krise: „Wer fliehen kann, der flieht“ – Erdogan vergrault die Investoren"

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  • Der Grössenwahnsinn und familiärer Klientelismus haben noch jedem Diktator geschadet. Da hilft auch sein kolossaler, nutzloser Palast im Naturschutzgebiet nichts mehr, da hat er übrigens nie offen gelegt, wie er das Monument bezahlt und wie er die Baugenehmigung erhalten hat. Die Türkei war auf dem besten Wege erfolgreich zu sein, dann kam der Grössenwahnsinn, die finanzielle Befriedigung der ihn umgebenden Profiteure und die Staatsreligion dazu. Auch am Abbruch der erfolgreichen Story sind die wahlberechtigen Türken im Ausland, die massenweise für ihn gestimmt haben. Die Füsse im Wohlstand wohlverstanden!
    Der Zeiger zeigt gegen Süden, schade um das tolle Land.

  • Hat der Erdogan Clan eigentlich keine Dollarguthaben, und wenn ja, hat er diese im Rahmen des nationalen Aufrufs schon in Lira umgetauscht? Es wäre sicher interessant, hierüber und die evtl. Höhen dieser Geldmengen etwas zu erfahren. Dies sollt auch dem türkischen Volk bekanntgemacht werden, damit es evtl. dem guten Beispiel folgen kann, und sein Vertrauen in die Führung gestärkt wird.

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