Türkei Neue Debatte um Militärschläge in Syrien

Die Türkei ist in Sachen Syrien hin- und hergerissen. Einerseits befürwortet sie mittlerweile eine Intervention. Andererseits birgt die Stationierung ausländischer Truppen für Regierungschef Erdogan große Risiken.
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Regierungschef Erdogan hat inzwischen einer militärischen Intervention in Syrien zugestimmt. Die Erdogan-kritische Presse sieht dagegen in dem Eingreifen des Westens ein zu großes Risiko. Auf Erdogan lastet jetzt viel Verantwortung. Quelle: AFP

Regierungschef Erdogan hat inzwischen einer militärischen Intervention in Syrien zugestimmt. Die Erdogan-kritische Presse sieht dagegen in dem Eingreifen des Westens ein zu großes Risiko. Auf Erdogan lastet jetzt viel Verantwortung.

(Foto: AFP)

IstanbulAls direkte Nachbarin des Bürgerkriegslandes Syrien mit einer 900 Kilometer langen Grenze spielt die Türkei bei den Überlegungen für westliche Militärschläge gegen Präsident Baschar Al-Assad eine wichtige Rolle. Sein Land sei zur Teilnahme an einer internationalen Koalition gegen Assad bereit, sagt Außenminister Ahmet Davutoglu, der im engen Kontakt mit seinem US-Kollegen John Kerry steht. Doch obwohl Ankara einen Sturz Assads anstrebt, ist eine Militärintervention in der Türkei heftig umstritten - und für Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan politisch riskant.

Der frühere Assad-Partner Türkei ist heute ein Erzfeind des syrischen Staatschefs. Erdogan und Davutoglu hatten Assad zu Beginn des syrischen Aufstandes vor zwei Jahren beschworen, die Lage mit politischen Reformen zu beruhigen. Assad hielt die Türken hin, tat aber nichts. Darauf schlug sich die Türkei auf die Seite der Assad-Gegner und erlaubte es den politischen und militärischen Organisationen der Regierungs-Gegner, sich auf türkischem Boden zu formieren.

Vergeblich fordert Ankara seit Monaten die Einrichtung von UN-kontrollierten Schutzzonen auf syrischem Gebiet. Inzwischen halten sich rund 500.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei auf, das Grenzgebiet wird immer instabiler: Islamistische Kämpfer reisen mit ihren Waffen aus der Türkei nach Syrien hinein, während sich türkische Truppen fast täglich Scharmützel mit syrischen Schmugglern liefern, die Diesel in die Türkei bringen wollen.

Das zunehmende Chaos nährt Befürchtungen, dass Giftgasraketen aus Syrien in die Türkei abgefeuert werden könnten. Die NATO schickte deshalb Ende des vergangenen Jahres drei Patriot-Raketenabwehrsysteme aus den USA, den Niederlanden und aus Deutschland nach Südostanatolien. Bisher mussten die NATO-Soldaten nicht auf den Knopf zur Zündung der Patriots drücken - doch der mutmaßliche Giftgaseinsatz gegen Zivilisten in Syrien am 21. August hat gezeigt, wie real die Gefahr ist.

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11 Kommentare zu "Türkei: Neue Debatte um Militärschläge in Syrien"

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  • Zitat Fortunio:

    "In der jetzigen Phase der Geschichte ist zu bemerken, dass der sog. arabische Frühling also eine "Demokratisierung" der Region genau das Gegenteil von dem gezeitigt hat, was die amerikanischen Strategen im Hintergrund beabsichtigt haben, nämlich Blutvergießen ohne Ende und ein menschliches Elend wie es diese Region
    seit dem Völkermord an den Armeniern nicht mehr gesehen hat.

    Fazit, die Verhältnisse in der Region sind derart komplex, auch die Grenzziehungen und Konflikte der Religionen, Sunniten, Schiiten, Alaviten, syrische Christen, koptische Christen, Feueranbeter (Die gibt es auch noch), dass ein Eingreifen von außen nur dazu beiträgt den Druck im Kessel zu erhöhen anstatt ihn abzusenken.

    Für die deutsche Politik bedeutet das aüßerste Zurückhaltung und wenn Beteiligung "erzwungen" wird durch Bündnisszugehörigkeit, diese Beteiligung auf niedrigstem Niveau zu halten."

    Guter Beitrag, danke - genauso sehe ich das auch.

  • Rheingold schreibt :

    "Die Türkei leistet sich eine sehr große Armee - die zweitstärkste in der NATO. Wieso können die Türken sich nicht selbst ein paar Patriot-Abwehrraketen hinstellen ? Wieso muss da schon wieder die Bundeswehr den Kopf hin halten ?

    Wenn die USA nun wirklich ohne UN-Mandat einen Krieg anfangen, dann ist es die Pflicht unserer Regierung, die Bundeswehrsoldaten aus dieser Gefahr heraus zu holen."

    Ja, volle Zustimmung. Die Bundeswehr war schon im Kosovo an einem Krieg beteiligt, der OHNE UN-Mandat geführt wurde. So etwas ist völkerrechtswidrig !

  • @Torsten_Steinberg
    Der Schwierigkeiten und der Unverträglichkeiten in dieser Region bin ich mir bewusst. Das darf aber nicht hinderlich sein, auf einige historische Umstände zu verweisen, die dazu beitrugen. Ausdrücklich erachte ich einen Vergleich der politischen Missstände im alten osmanischen Reich mit der heutigen modernen Türkei als falsch. Zu Jugoslawien: Die westliche Politik hätte m.E. stärker auf die Verständigung im Vielvölkerstaat drängen müssen, anstatt einen Leitfaden für Separatisten zu stricken. Nun drängen unversöhnliche Separatistengebilde in die EU und hoffen, dass wir deren Probleme mit unendlich viel Geld lösen werden. Wer sich außerhalb unseres freiwilligen Staatenbundes nicht verträgt, hat m.E. in unserer Gemeinschaft nichts zu suchen. Grundlage unsere Gemeinschaft ist ein Wertekanon, der mit ethnischen Streitigkeiten völlig unvereinbar ist. Das gilt insbesondere angesichts der riesigen Probleme, die selbst bei der Vertiefung des Miteinander unter Gleichgesinnten zu lösen sind. So befürchte ich, dass uns das zerfallenen Jugoslawien auch künftig Ungemach bereiten könnte (Beispiel: Grenzstreitigkeiten zw. Kroatien und Slowenien).

  • Die Türkei leistet sich eine sehr große Armee - die zweitstärkste in der NATO. Wieso können die Türken sich nicht selbst ein paar Patriot-Abwehrraketen hinstellen ? Wieso muss da schon wieder die Bundeswehr den Kopf hin halten ?

    Wenn die USA nun wirklich ohne UN-Mandat einen Krieg anfangen, dann ist es die Pflicht unserer Regierung, die Bundeswehrsoldaten aus dieser Gefahr heraus zu holen.

  • Völlig falsche Darstellung! Syrien war römische Provinz nur bis ins 7. Jahrhundert, Bestandteil des Osmanischen Reiches aber erst seit 1516. Da unterschlagen Sie so leichter Hand mal 900 Jahre, was auch nach historischen Maßstäben kein kurzer Zeitraum ist. Dazwischen war Syrien Bestandteil eines islamischen Reiches, das mal von Eliten aus dem heutigen Saudi-Arabien, dann von solchen aus dem heutigen Ägypten beherrscht war. Dort ist man vernünftig genug, daraus keinen Anspruch auf Syrien herleiten zu wollen, zumal diese Staatengebilde sich ebensowenig national definierten wie das Osmanische Reich. Dieses trug nicht umsonst den Namen seiner Herrscherdynastie, denn anders als heute die Türkei definierte es sich nicht über die im Lande vorherrschende Nationalität der Türken, sondern verstand sich als Vielvölkerstaat. Ein Führungsanspruch der Türken war nicht Dogma des Osmanischen Reiches. Wie stellen Sie sich das vor, dass im Zeitalter der Nationalstaaten, alle Kurden sich glücklich und zufrieden friedlich in einem "moderat-islamischen türkischen Vaterland" integrieren? Größer als Ihre Wunschvorstellung, auf diese Weise einen dauerhaften Frieden zu gewinnen, ist nur die Wunschvorstellung, dass es in der Wahrnehmung der Kurden so ein Vaterland geben könnte. Wenn Türken und Kurden in der Türkei einen friedlichen Modus vivendi heute ernsthaft zu suchen scheinen, ist das vernünftig, über alle Maßen begrüßenswert und jeglicher Unterstützung würdig. Damit, dass für die Kurden höchstes Ziel ihrer Wünsche neuerdings ein "türkisches Vaterland" sein soll, darf das aber nicht verwechselt werden.

    Und apropos: Würden Sie in Erinnerung an die Balkankriege der Post-Tito-Aera und angesichts der undemokratischen Blödsinnigkeiten, die sich neuerdings in Ungarn ereignen, es für eine Lösung halten, auch eine Reaktivierung des Habsburger Reiches zu fordern?

  • Wenn Bündnispartner ohne UN-Mandat in Syrien eingreifen, darf Deutschland dem nicht blind folgen. Es ist nicht rechtens! Vorsichtshalber darum keine Blockpartei wählen, weil sie Kriegsbeteiligung bedeuten! AfD wählen!

  • WFriedrich

    Die Wiederherstellung eines neoosmanischen Großreichs als
    Ordnungsfaktor in der Region dürfte wohl ein Traum bleiben.

    Zweifelsohne war die Situation vor 1918 für die meisten Beteiligten besser als heute aber keinesfalls für alle,
    Z.B. nicht für die< Armenier, die einen der größten Völkermorde der Geschichte zu beklagen hatten und zwar ausgeführt von der Macht, die Sie als Ordnungsfaktor auch heute wieder empfehlen.

    Historische Schuld haben, wie Sie in einem anderen Beitrag geschrieben haben, die Engländer, die das Erbe der Osmanen nach 1918 angetreten haben und auch nach 1945 nicht willens waren, Verhältnisse zu schaffen, die für Stabilität in der Region gesorgt hätten.

    In der jetzigen Phase der Geschichte ist zu bemerken, dass der sog. arabische Frühling also eine "Demokratisierung" der Region genau das Gegenteil von dem gezeitigt hat, was die amerikanischen Strategen im Hintergrund beabsichtigt haben, nämlich Blutvergießen ohne Ende und ein menschliches Elend wie es diese Region
    seit dem Völkermord an den Armeniern nicht mehr gesehen hat.

    Fazit, die Verhältnisse in der Region sind derart komplex, auch die Grenzziehungen und Konflikte der Religionen, Sunniten, Schiiten, Alaviten, syrische Christen, koptische Christen, Feueranbeter (Die gibt es auch noch), dass ein Eingreifen von außen nur dazu beiträgt den Druck im Kessel zu erhöhen anstatt ihn abzusenken.

    Für die deutsche Politik bedeutet das aüßerste Zurückhaltung und wenn Beteiligung "erzwungen" wird durch Bündnisszugehörigkeit, diese Beteiligung auf niedrigstem Niveau zu halten.


  • Die Gefahr dürfte ja wohl vom Russen / China ausgehen, denn der Russe verliert mit Syrien seinen letzten Mittelmeer-Hafen.

    Gerade lese ich hier, dass der Russe seine Staatsbürger aus Syrien ausfliegt. Was das konkret bedeutet ist eh klar. Trotzdem kann man sich fragen, was der Russe konkret machen wird, wenn die Rakten in Damaskus einschlagen? Der Russe ist ein (Schach-) Taktiker und überlegt sehr wohl von langer Hand, was zu machen ist.

    Ob er dabei auf die Interessen der Türkei Rücksicht nehmen wird, ist zu bezweifeln. Könnte ja sein, dass eine Ami Rakete vom Kurs abkommt und den eigenen Flugzeugträger zerstört.

  • Wer 100 Jahre (ein historisch kurzer Zeitraum) zurückschaut oder Karten aus jener Zeit anschaut, wird erstaunt feststellen, dass es die meisten der heutigen Staaten nie gab. Das heutige syrische Staatsgebiet war stets Teil des osmanischen Reiches, seit die römische Provinz namens Syria unterging. Heute müssen wir zugestehen, dass mit der Zerstörung dieses Reiches durch die Briten ein unverzichtbarer Ordnungsfaktor verloren ging. Diese Feststellung gilt auch eingedenk der Untaten der damaligen Regenten. Die heutige Regierung des wirtschaftlichen Fortschritts und moderaten Islam sollte m.E. diese Untaten nicht leugnen, sondern auf die damaligen Täter hinweisen, denn Schuld vererbt sich bekanntlich nicht. Sollte es zu einem Krieg um Syrien kommen (egal ob er Vergeltungsaktion genannt wird), muss die Wiederherstellung der türkischen Souveränität, d.h. die Revision der Grenzen aus 1918/1919 oberste Priorität haben. Dauerhafter Friede verlangt diese Vorbedingung. Ohne Integration aller Kurden im moderat-islamischen türkischen Vaterland - in den historischen Grenzen vor 1918 - erscheint Frieden eher eine Wunschvorstellung zu sein. Die nun gegeben Chance sollte besser genutzt werden, als nach dem Irak-Krieg. Vielleicht begünstigt ein außer Kontrolle geratener Militäreinsatz sogar eine vernünftige regionale Neuordnung. Zugleich wäre garantiert, dass die Einfallstore für Al-Kaida wieder geschlossen werden, die Obama weit geöffnet hat.

  • Es sind hauptsächlich Kurden, die Diesel in die Türkei schmuggeln, und das schon sehr viel länger, als der Konflikt mit Syrien besteht. Der Schmuggel läuft hauptsächlich über den Irak, und in der irakisch-türkischen Grenzregion haben in den vergangenen Jahren tatsächlich häufiger Scharmützel zur Bekämpfung dieses Schmuggels stattgefunden, vor allem deshalb, weil er sich nicht allein auf Diesel beschränkte. Inwieweit dieser Schmuggel heute noch stattfindet und weiterhin mit Waffengewalt unterbunden wird, während Türken und Kurden neuerdings um eine friedliche Regelung ihrer Streitigkeiten bemüht sind, scheint nicht bekannt zu sein. Immer mal wieder für Schlagzeilen gut waren derartige Vorfälle aber nur in der Vergangenheit und nicht in Verbindung mit dem syrischen Bürgerkrieg.

    Die Gefahr, dass das syrische Regime die Türkei überhaupt angreift, geschweige denn, dass es die Türkei mit Giftgas angreift, tendiert nicht nur gegen Null, sie ist Null. Jedenfalls so lange, wie erstens von der Türkei kein Angriff auf Syrien ausgeht und zweitens das syrische Regime weit davon entfernt ist, die eigene Grenzregion zur Türkei auch nur annähernd unter Kontrolle zu bringen. Das wird zur Zeit ja nicht einmal mehr versucht. Die deutschen Soldaten in der Türkei brauchen keinen zitternden Finger auf dem Zündknopf für ihre Patriots zu haben. Und bei einem kurzen und begrenzten Militärschlag gegen Syrien, besteht auch gar keine Notwendigkeit, die Türkei als Flugzeugträger zu verwickeln, solange doch den Amerikanern reale Flugzeugträger und Griechenland, den Engländern Südzypern zur Verfügung steht.

    Fazit: So eine miese Analyse der ernsten Situation braucht die Welt wirklich nicht. Aber wie es in Kriegszeiten nun einmal ist: Die Wahrheit stirbt zuerst.

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