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Gezi-Proteste

2013 kam es im Gezi-Park in Istanbul zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.

(Foto: dpa)

Türkei „Nichts wie weg hier“ – Warum junge Türken vor Erdogan fliehen

Ärzte, Akademiker, IT-Spezialisten: Immer mehr gut ausgebildete Menschen kehren der Türkei den Rücken. Die meisten gehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
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Ahnenforschung ist derzeit eine beliebte Beschäftigung in der Türkei. Nicht aus Neugier oder wissenschaftlichem Interesse, sondern aus ganz praktischen Gründen: Viele Türken suchen nach Vorfahren aus heutigen EU-Staaten – weil sie auswandern wollen.

Auch Hasan Ö., der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, um sich und seine Familie „nicht in Schwierigkeiten zu bringen“, hat seinen Stammbaum zurückverfolgt – und wurde fündig: „Mein Urgroßvater lebte Ende des 19. Jahrhunderts im heutigen Rumänien“, sagt der 35-jährige Familienvater. „Nach rumänischem Recht habe ich als Urenkel Anspruch auf die rumänische Staatsbürgerschaft“, erzählt Hasan erfreut.

Mit den EU-Pässen, die er demnächst im rumänischen Konsulat in Istanbul abzuholen hofft, will die Familie auswandern. Der Grund heißt Recep Tayyip Erdogan. „Diese Regierung mischt sich mit ihrer islamischen Ideologie immer stärker in unser Privatleben ein“, klagt Hasan. „Unser Motto ist: Leben und leben lassen. Aber das gilt in der Türkei nicht mehr.“

Hasan hat einen gut bezahlten Job als Software-Ingenieur in der türkischen Niederlassung eines ausländischen Konzerns, spricht fließend Englisch und Deutsch. Die berufliche Zukunft ist für den zweifachen Vater auch nicht das Problem. Auslöser für den Entschluss, das Land zu verlassen, war die Einführung des Präsidialsystems nach den Wahlen vom vergangenen Juni.

„Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun. Unsere individuellen Freiheitsräume werden immer kleiner, man muss immer vorsichtiger sein mit dem, was man mit Kollegen diskutiert oder in sozialen Netzwerken äußert“, sagt Hasan und zieht Konsequenzen: „Nichts wie weg hier“, sagt der Familienvater. „Wir gehen vor allem für unsere beiden Jungs“, erklärt er. „Ich möchte nicht, dass meine Söhne in einem Polizeistaat aufwachsen müssen.“

Viele denken wie Hasan. Belastbare Zahlen zur Auswanderung gibt es nicht. Aber nach einer Studie der Oppositionspartei CHP haben im vergangenen Jahr 113.326 Menschen die Türkei verlassen, 63 Prozent mehr als im Vorjahr. Andere Schätzungen kommen auf eine Größenordnung von 250.000. In diesem Jahr dürfte die Zahl weiter angestiegen sein, als Reaktion auf Erdogans entscheidenden Wahlsieg im Juni und den wirtschaftlichen Abschwung, der im Sommer einsetzte.

Der typische türkische Auswanderer ist zwischen 20 und 35 Jahre alt. Die Mehrheit kommt aus den Ballungsräumen Istanbul, Ankara und Izmir. Fast die Hälfte sind der die Studie der CHP zufolge Frauen.

Die Auswanderer sind überwiegend gut ausgebildete Fachkräfte, vor allem aus der IT-Branche, aber auch Ärzte und Akademiker. Die meisten verlassen das Land nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil sie in dem politischen System unter Erdogan keine Zukunft für sich und ihre Familien sehen, stellt die Untersuchung fest.

Zahl der Religionsgymnasien hat sich verzehnfacht

Eine große Rolle spielt dabei die Islamisierung des türkischen Bildungswesens. So darf die Evolutionstheorie an türkischen Schulen nicht mehr gelehrt werden. Während die Naturwissenschaften im Lehrplan an Bedeutung verlieren, nimmt der islamische Religionsunterricht eine immer größere Rolle ein.

Wenige Tage vor der Wahl im Juni versprach Erdogan auf einer Massenkundgebung in Istanbul, sein Ziel sei es, „eine fromme Generation von Muslimen heranzuziehen“. Seit Erdogans erstem Wahlsieg 2002 hat sich die Zahl der Imam Hatip Schulen, der Religionsgymnasien, von 450 auf 4500 verzehnfacht. Immer mehr reguläre Schulen werden in Religionsschulen umgewandelt. Sie bekommen aus dem Etat des Erziehungsministeriums durchschnittlich doppelt so viel Geld wie säkulare Gymnasien.

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Viele Auswanderer gehen auch unter dem Druck unmittelbarer Verfolgung. Nach dem Putschversuch vom Juli 2016 ließ Erdogan per Dekret mehr als 6000 Professoren und 20.000 Lehrer feuern. Auch zweieinhalb Jahre später gehen die Säuberungsaktionen mit unverminderter Härte weiter. Keine Woche vergeht ohne neue Festnahmen mutmaßlicher Anhänger des Exil-Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan als Drahtzieher hinter dem Umsturzversuch vermutet.

Schon ein unbedachtes Wort bei Facebook oder Twitter kann schlimme Folgen haben: Im vergangenen Jahr leitete die Justiz 20.539 Ermittlungsverfahren wegen „Präsidentenbeleidigung“ ein. Darauf stehen bis zu vier Jahre Haft. Seit Erdogans Amtsantritt als Präsident im Jahr 2014 kamen 9234 solcher Fälle vor Gericht. Davon endeten 5964 mit einer Verurteilung.

Viele versuchen, sich im Ausland drohender Verfolgung zu entziehen. Seit März hat sich die Zahl der Asylsuchenden aus der Türkei in Nordrhein-Westfalen mehr als verfünffacht.

Asylanträge von Türken in NRW haben sich vervierfacht

Nachdem 2018 im ersten Quartal 560 politische Flüchtlinge aus der Türkei in NRW registriert wurden, waren es im dritten Quartal bereits 2494. Der Grund für den Anstieg sei „klar und traurig zugleich“, sagte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Ursachen sind die Politik Erdogans, das Zurückdrängen demokratischer Kräfte, die Beschneidung der Pressefreiheit, die Verhaftung tausender Menschen und die Entlassung von Zehntausenden vermeintlichen Anhängern der Gülen-Bewegung.“

Dass ausgerechnet viele der besten Talente auswandern, könnte für das Land gerade jetzt, wo ein wirtschaftlicher Abschwung eingesetzt hat, zum Problem werden. Der Türkei droht ein Braindrain.

Es gebe „eine spürbare Migration“ von Fachkräften ins Ausland, sagt Ufuk Günes, der Vorsitzende des Verbandes der türkischen Software-Industrie. „In jüngster Zeit ist eine große Zahl junger Software-Entwickler ins Ausland gegangen, und der Trend hält an“, sagt Günes. Diese Abwanderung müsse gestoppt werden, mahnt der Verbandschef. Inoffiziell heißt es in der Branche, bereits zehn Prozent der Software-Entwickler hätten das Land verlassen.

Staatschef Erdogan appellierte bereits an ausgewanderte Akademiker, in die Türkei zurückzukehren. „Ich lade alle ein, mit uns an der Entwicklung der Wissenschaft und der Technologie zu arbeiten“, sagte Erdogan im September auf einer Technologie-Konferenz. Rückkehrern versprach er ein Monatsgehalt von umgerechnet 4000 Euro – viel Geld für türkische Einkommensverhältnisse.

Dass viele dem Ruf in die Heimat folgen werden, ist dennoch nicht zu erwarten. Wenige Wochen nach Erdogans Appell ließ die türkische Justiz 13 prominente Akademiker verhaften. Ihnen wird vorgeworfen, zu den Massenprotesten vom Sommer 2013 angestiftet zu haben. Unter den Beschuldigten sind der Dekan der Istanbuler Bilgi-Universität, Turgut Tarhanli, und die bekannte Mathematik-Professorin Betül Tanbay. Ihnen werden staatsfeindliche und terroristische Aktivitäten vorgeworfen.

Zwar kamen die meisten inzwischen wieder auf freien Fuß. Aber die Verhaftungen sind kein gutes Signal an mögliche Rückkehrer.

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