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Türkei Türkische Wirtschaft präsentiert sich stark – steht aber vor großen Risiken

Den Unternehmen am Bosporus geht es besser als erwartet. Doch es lauern Gefahren, die auch die deutsche Wirtschaft treffen können. Staatschef Erdogan steht vor einem Dilemma.
31.05.2021 - 12:55 Uhr Kommentieren
Derzeit baut der Automobilhersteller den beliebten Transit auch in einem türkischen Werk. Quelle: Reuters

Derzeit baut der Automobilhersteller den beliebten Transit auch in einem türkischen Werk.

(Foto: Reuters)

Istanbul Wenn die Pandemie eine Branche global so richtig erwischt hat, dann wohl die Luftfahrt. Die türkische Fluglinie Turkish Airlines überrascht dennoch mit einem Gewinn im ersten Quartal, obwohl Analysten mit roten Zahlen gerechnet hatten. Bei vielen anderen Unternehmen am Bosporus sieht es ähnlich aus.

Auch dem Rest der türkischen Wirtschaft schien es Anfang dieses Jahres gut zu gehen. Das Bruttoinlandsprodukt des Landes ist im ersten Quartal um sieben Prozent gewachsen, wie das Türkische Statistikinstitut (Tüik) am Montag bekannt gegeben hat. Analysten hatten mit 6,3 Prozent gerechnet. In den USA wuchs die Wirtschaft im selben Zeitraum um 6,4 Prozent, während die deutsche Wirtschaft um 1,8 Prozent schrumpfte.

Auch im Vergleich zum Vorquartal Ende 2020 wuchs die türkische Wirtschaft noch einmal um 1,7 Prozent. Damit setzt die Volkswirtschaft am Bosporus ihren Trend vom Pandemiejahr 2020 fort, alle G20-Länder außer China beim Wirtschaftswachstum hinter sich zu lassen.

Viele Unternehmen im Land meldeten überraschend gute Quartalszahlen, doch im laufenden Quartal droht der türkischen Wirtschaft ein herber Dämpfer. Lockdowns und hohe Rohstoffpreise, in Kombination mit politischen Querelen im Land, drücken schon jetzt auf die Stimmung. Die schwache Lira erzeuge außerdem eine „Wechselkurs-Illusion“, kommentiert Enver Erkan, Chefökonom bei Tera Yatirim.

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    Das Wachstum habe einen Preis, im wahrsten Sinne des Wortes: Denn in der Türkei steigen die Preise, die Inflation droht den Firmen des Landes die Luft abzuschnüren. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Beschaffung und Bezahlung von Rohstoffen. Deutsche Firmen, die von Importen vom Bosporus abhängen, müssen sich auf Lieferengpässe einstellen.

    Der Start ins neue Pandemiejahr fiel allerdings für zahlreiche Unternehmen prächtig aus. Getrieben von einem kreditfinanzierten Wachstumsprogramm der Regierung unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan blieb die Kauflaune vieler Türkinnen und Türken bis in den Winter hinein hoch.

    Am türkischen Immobilienmarkt bildete sich eine Preisblase, die immer noch nicht geplatzt ist, während der darbende Tourismus immerhin von einer Heerschar inländischer Touristen profitierte. Auch die Nachfrage nach Haushaltsgütern, Autos und Elektronikartikeln erholte sich nach dem Covid-bedingten Dämpfer schnell wieder.

    Der Konsum stieg laut Tüik um 7,4 Prozent, während die Investitionen im Land um 11,4 Prozent zulegten. Die ausländische Nachfrage nach türkischen Gütern und Dienstleistungen stieg ebenfalls an: Während die Exporte im ersten Quartal um 3,3 Prozent stiegen, sanken die Importe um 1,1 Prozent.

    Hohe Nachfrage, hohe Nettogewinne

    Dieser Trend zeigt sich in den Zahlen türkischer Unternehmen. Der türkische Lufthansa-Konkurrent Turkish Airlines meldete für das erste Quartal in diesem Jahr ein Nettoeinkommen in Höhe von 438 Millionen Lira (44 Millionen Euro). Analysten hatten mit einem Verlust von 235 Millionen Lira gerechnet. Im Vorjahreszeitraum hatte Turkish Airlines noch zwei Milliarden Lira verloren, als das neuartige Coronavirus Mitte März 2020 den weltweiten Flugverkehr lahmgelegt hatte.

    Der türkische Ford-Produzent Ford Otosan hat seinen Nettoprofit zwischen Januar und März verdreifacht und liegt damit 25 Prozent über den Erwartungen der Analysten. Vor allem unerwartet hohe Exporte sollen viele Devisen in die Kassen des Joint Ventures gespült haben. Auch der Telekom-Dienstleister Turkcell steigerte sein Nettoergebnis um 27 Prozent und das Ebitda um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

    Der Glashersteller Sisecam konnte sein Nettoergebnis sogar verdreifachen. Der Reifenhersteller Brisa steigerte sein Nettoergebnis um 270 Prozent, bei einer Ebitda-Marge von 27 Prozent. Der Baukonzern Tekfen steigerte seinen Nettoprofit um 776 Prozent, während sich das Betriebsergebnis (Ebitda) mehr als verfünffacht hat.

    Der Lebensmittelproduzent Tat Gida vermeldete zwar beim Geschäftsergebnis (Ebitda) ein Minus von 27 Prozent. „Das liegt vor allem am hohen Basiseffekt aufgrund der Panikkäufe im vergangenen Jahr, als die Pandemie begonnen hatte“, kommentieren die Analysten von Oyak Yatirim. Trotzdem stieg das Nettoergebnis um 218 Prozent, weil der Konzern sich zwischenzeitlich vom weniger profitablen Molkereigeschäft getrennt hatte.

    Türkische Exporte: Günstiger als die Konkurrenz

    Die türkischen Unternehmen haben von hohen Auftragseingängen profitiert, kommentiert Alper Kanca vom Verband der Automobilzulieferer (Taysad). Das liegt an der angezogenen weltweiten Konjunktur, die sich im Winter langsam, aber sicher an den Corona-Rhythmus gewöhnt hatte. „Das hat die Umsätze türkischer Unternehmen beflügelt.“ Die Industrieproduktion in der Türkei zog Anfang des Jahres um elf Prozent an.

    Dass die Türkei davon im Speziellen profitieren kann, dürfte daran liegen, dass Waren und Dienstleistungen aus dem Land auf den Weltmärkten derzeit günstig zu haben sind. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn rund 14 Prozent an Wert verloren. Im Umkehrschluss heißt das, dass ausländische Käufer weniger Euro oder Dollar ausgeben müssen, um türkische Rohstoffe, Maschinen oder Dienstleistungen einzukaufen.

    Von der erhöhten wirtschaftlichen Aktivität haben auch Finanzdienstleister profitiert. Die Garanti Bank, an der die spanische BBVA beteiligt ist, meldete einen Quartalsprofit von 2,529 Milliarden Lira (256 Millionen Euro), mehr als 50 Prozent höher, als Analysten erwartet hatten, und 55 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Der Return on Equity stieg von 7,3 Prozent im Vorquartal auf jetzt 16,1 Prozent.

    Auch Banken profitieren von dem Aufschwung

    Analysten etwa von Oyak machen für das starke Plus vor allem Handelsgewinne und Gebühreneinnahmen durch Transaktionen verantwortlich. Das klingt nur auf den ersten Blick paradox: Denn wenn die Lira an Wert verliert, handeln mehr Türkinnen und Türken an den Finanzmärkten, um die Verluste abzufedern. Türkische Banken, die selbst für einfache Kontoüberweisungen eine Gebühr verlangen, verdienen daran kräftig mit.

    Ob sich der Trend im zweiten Quartal fortsetzt, ist allerdings fraglich. Das dürfte vor allem am Dienstleistungssektor liegen. Anfang April verhängte die Regierung von Staatschef Erdogan einen Teil-Lockdown, der die gesamtwirtschaftliche Nachfrage im Land nach unten gedrückt hat. Dieser Lockdown wurde später noch einmal verschärft, für drei Wochen befand die Türkei sich in einem „Voll-Lockdown“. Inländer und Ausländer mit Aufenthaltstitel in der Türkei durften bis zum 17. Mai nur noch mit triftigem Grund auf die Straße. Inlandsreisen waren praktisch verboten, Restaurants geschlossen, ebenso wie Strände und Einkaufszentren. „Vor allem der Dienstleistungssektor wird im zweiten Quartal schlechter performen“, warnen die Analysten von Oyak Yatirim.  

    „Die neuen Maßnahmen haben sich auf das Wirtschaftsleben ausgewirkt“, fürchtet auch der Automotive-Lobbyist Kanca. Die zwischenzeitlich zugespitzte Infektionslage vor dem Durchbruch bei der Impfstrategie in europäischen Ländern – den Hauptabnehmern türkischer Maschinenprodukte – bereitet ihm ebenfalls Sorgen.

    Deutsche Wirtschaft: Importe aus der Türkei sind wichtig

    Vor allem der weltweite Chipmangel dürfte auch die türkische Wirtschaft treffen. Ford Otosan hatte im April bereits mehrere Wochen die Werke schließen müssen, weil nicht genügend Schaltteile geliefert werden konnten. „Das wird die Produktionszahlen im zweiten Quartal drücken“, fürchtet Kanca. Auch die deutsche Wirtschaft wäre davon betroffen, wenn türkische Zwischengüter nicht rechtzeitig in der deutschen Endproduktion ankommen.

    Hinzu kommen hohe Preise für Rohstoffe wie Stahl und Bitumen, die seit Jahresbeginn um bis zu 70 Prozent teurer geworden sind. Da hilft die schwache Lira dann auch nicht mehr, wenn die inländischen Produzenten immer mehr Geld für solche Produkte ausgeben müssen. Und dann werden diese Produkte auch für deutsche Importeure teurer.

    Am Ende hängt das Schicksal der türkischen Volkswirtschaft – wie immer – vom Willen der Politik ab. Die Lira leidet nicht nur unter weltweiten Faktoren wie den anziehenden Zinsen in den USA, sondern vor allem auch unter den Volten von Staatschef Erdogan. Als er abermals den Zentralbankchef austauschte, ging es mit der Lira abwärts.

    Der Nachfolger Sahap Kavcioglu betont zwar, dass er die Inflation bekämpfen wolle, hat aber die Priorität dieser Aufgabe bei seiner Arbeit als oberster Geldwächter zuletzt aus den wichtigen Kommentaren der Notenbank streichen lassen.

    Das Dilemma, in dem sich das Schwellenland befindet, ist offensichtlich: Wie kann die Administration in Ankara den Preisdruck dämpfen, ohne die Wirtschaft zu sehr abzukühlen? In zwei Jahren wird in der Türkei gewählt. Bis dahin dürften Wachstum und Jobs Priorität haben.

    Mehr: Erdogan verliert die Bodenhaftung, mit Gefahren für die Wirtschaft. Ein Kommentar.

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