Türkei Vestel statt Apple – Erdogan kündigt Boykott von US-Elektroprodukten an

Der Konflikt zwischen der Türkei und den USA weitet sich aus: Der türkische Präsident Erdogan ruft zu einem Boykott von US-Produkten auf.
Update: 14.08.2018 - 12:21 Uhr Kommentieren
Präsident Erdogan kämpft gegen den Verfall der Währung. Quelle: AFP
Türkei

Präsident Erdogan kämpft gegen den Verfall der Währung.

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Athen/Istanbul/DüsseldorfIm Streit mit den USA verschärft die Türkei ungeachtet des wirtschaftlichen Drucks ihren Konfrontationskurs. Es sei wichtig, an „unserer entschiedenen politischen Haltung“ festzuhalten, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag. Als Reaktion auf US-Handelseinschränkungen kündigte er an, dass elektronische Produkte aus den USA boykottiert werden sollen.

Laut Erdogan werde sein Land nicht länger amerikanische iPhones anschaffen, sondern auf koreanische Samsung-Geräte oder in der Türkei hergestellte Vestel-Produkte zurückgreifen. „Wenn sie das iPhone haben, gibt es anderswo Samsung. Wir haben Vestel“, sagte Erdogan.

Der Haken an Erdogans Ankündigung: Die Smartphones des Herstellers enthalten, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg schreibt, Bauteile des US-Chipherstellers Qualcomm und laufen mit dem Betriebssystem Android des US-Konzerns Google.

Wie der Präsident den Boykott umsetzen will, blieb unklar. Entsprechende Maßnahmen würden bereits umgesetzt, sagte er nur. Die Aktien von Vestel Elektronik legte nach der Äußerung Erdogans an der Istanbuler Börse um bis zu 7 Prozent zu. Vestel ist unter anderem für die Produktion von Fernsehgeräten bekannt und vertreibt diese auch unter der deutschen Traditionsmarke Telefunken.

Erdogan wiederholte vor dem Hintergrund der Talfahrt der türkischen Lira und Kursverlusten am türkischen Aktienmarkt auch den Aufruf an seine Landsleute, US-Dollar in türkische Lira umzutauschen, um die Landeswährung zu stärken. Unternehmen rief er dazu auf, ihre Investitionspläne in der Türkei nicht auf Eis zu legen. „Wenn wir unsere Investitionen verschieben, wenn wir unsere Währung aus Furcht in ausländische Währungen tauschen, dann werden wir uns dem Gegner ergeben haben.“

Die türkische Währung hat sich nach den heftigen Kursverlusten am Dienstag wieder etwas erholt. Die Lira legte zu wichtigen Währungen wie Dollar und Euro jeweils um rund 5 Prozent zu. Marktbeobachter sehen darin eine Reaktion auf die Ankündigungen der türkischen Zentralbank, die am Montag die Liquidität der Geschäftsbanken erhöht hatte.

Die leichte Erholung der türkischen Währung gleicht aber die Einbußen der vorangegangenen Tage nicht annähernd aus. Allein am vergangenen Freitag hatte die Lira zeitweilig fast 20 Prozent ihres Außenwerts verloren, am Montag ging es noch einmal rund sieben Prozent bergab. Nach seinem Einbruch in den vergangenen zwei Handelstagen stieg der türkische Leitindex ISE 100 kurz nach dem Handelsbeginn um mehr als 2 Prozent.

US-Präsident Donald Trump hatte wegen der Inhaftierung eines amerikanischen Pastors Einfuhrzölle gegen bestimmte Produkte aus der Türkei erhöht. Seit Anfang der Woche wird Stahl aus der Türkei mit Abgaben in Höhe von 50 Prozent statt bislang 25 Prozent belegt, wie das Weiße Haus zuvor verkündet hatte.

F-35-Kampfjets werden zum Politikum

Trump hatte die Verdoppelung am vergangenen Freitag angeordnet – und am Montagabend den Druck auf die Türkei weiter erhöht: Der US-Präsident unterzeichnete einen Gesetzentwurf zum Verteidigungsetat. Der Entwurf enthält eine Klausel, mit der die Auslieferung bereits bestellter F-35-Kampfjets des US-Herstellers Lockheed Martin an die Türkei bis auf weiteres ausgesetzt wird.

Die Türkei will in den kommenden Jahren bis zu 100 Tarnkappen-Flugzeuge des Typs F-35 beschaffen. Dagegen gibt es aber vor allem im US-Senat starke Widerstände, weil die Türkei zugleich russische Luftabwehrraketen des Typs S-400 bestellt hat. Nato-Militärexperten fürchten, dass Russland damit Einblicke in die Sicherheitsarchitektur der Allianz bekommt.

Die erste für die Türkei bestimmte F-35 wurde zwar bereits Ende Juni ausgeliefert, das Flugzeug bleibt aber zu Trainingszwecken zunächst in den USA. Die Überführung der ersten Maschinen ist erst für den Herbst 2019 geplant – sofern der politische Streit bis dahin beigelegt ist.

Über dem milliardenschweren Rüstungsprogramm schwebt aber ohnehin jetzt ein Fragezeichen: Es ist unklar, wie die Türkei die neuen Flugzeuge angesichts des Kursverfalls der Lira überhaupt finanzieren kann.

Derweil gibt es bei den Bemühungen um eine Entspannung zwischen Ankara und Washington wenig Fortschritte. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte am Montag erklärt, die Türkei sei „offen für Diplomatie und Konsens“. Am Montagabend sprach der türkische Botschafter in Washington bei Trumps Nationalem Sicherheitsberater John Bolton vor. Bei dem Gespräch ging es vor allem um das Schicksal des in der Türkei wegen Terrorvorwürfen festgehaltenen amerikanischen Pastors Andrew Brunson.

Die USA verlangen seine bedingungslose Freilassung. Der türkische Staatschef Erdogan hat hingegen mehrfach durchblicken lassen, dass er Brunson nur im Austausch gegen den in Pennsylvania lebenden Exil-Prediger Fethullah Gülen herausgeben will. Erdogan vermutet seinen Erzfeind Gülen hinter dem Putschversuch vom Juli 2016. Bereits vergangene Woche hatte eine aus der Türkei nach Washington angereiste Regierungsdelegation Lösungsmöglichkeiten sondiert – erfolglos, wie es heißt.

Fortschritte in den Beziehungen beider Länder könne es nur dann geben, „wenn Pastor Brunson heimkehrt“, sagte eine Sprecherin des State Department damals. Auch beim Treffen des türkischen Botschafters Serdar Kilic mit Bolton habe es keine Annäherung gegeben, berichten Insider: Washington bestehe auf einer Freilassung des Pastors.

Wirtschaftsverbände melden sich zu Wort

Angesichts der Währungskrise in der Türkei haben zwei wichtige Wirtschaftsverbände umgehende Maßnahmen der Regierung in Ankara gefordert. Unter anderem müssten die Beziehungen zu „unserem wichtigsten Wirtschaftspartner“, der Europäischen Union, wieder gestärkt werden, teilten der Unternehmerverband TÜSIAD und die Union der Kammern und Börsen in der Türkei (TOBB) am Dienstag in einer auf Twitter verbreiteten Erklärung mit. Die Bemühungen, die Probleme mit den USA zu überwinden, müssten fortgesetzt werden.

Die Verbände begrüßten zudem die Erklärung der Zentralbank vom Vortag, dass Banken sich zusätzliche Mittel in Fremdwährung leihen könnten. Um die hohe Inflation dauerhaft zu drücken, müsste „umgehend“ ein Fahrplan zur Vertrauensbildung fertiggestellt werden. Die beiden Verbände erklärten auch, das Fundament der türkischen Wirtschaft sei stabil.
Mit Agenturmaterial

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