Überwachungsskandal „Datenschutz ist nicht mehr realistisch"

Nach dem US-Datenskandal geht die Angst um: Haben die Amerikaner auch Deutsche ausspioniert? Der ehemalige Hacker Sandro Gaycken kritisiert marode Sicherheitsstandards und nennt Alternativen zur digitalen Überwachung.
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Sandro Gaycken forscht an der Freien Universität Berlin und ist Experte für Cyber-Krieg und Hochsicherheits-Infrastrukturen. Er berät unter anderem das Auswärtige Amt zu dessen Sicherheitsstrategien. Quelle: dpa

Sandro Gaycken forscht an der Freien Universität Berlin und ist Experte für Cyber-Krieg und Hochsicherheits-Infrastrukturen. Er berät unter anderem das Auswärtige Amt zu dessen Sicherheitsstrategien.

(Foto: dpa)

Seit 2007 überwacht die US-Behörde NSA Telefon- und Internetdaten auch über soziale Netze wie Facebook oder Twitter. Doch wie weit geht die Überwachung? Und inwiefern sind deutsche Bürger betroffen? Handelsblatt Online sprach mit dem IT-Experten Sandro Gaycken von der Freien Universität Berlin über Geheimdienste, Hacker-Angriffe auf Unternehmen und die Zukunft des Datenschutzes.

Handelsblatt Online: In den USA hat der Nationale Sicherheitsdienst (NSA) systematisch Datenbanken der großen Internetfirmen angezapft.  Welche Daten können sich Nachrichtendienste eigentlich alles beschaffen?
Sandro Gaycken: Wenn wir von den großen, technischen Nachrichtendienste sprechen: die können alles. Die kommen an geschlossene Netzwerke heran, entwickeln auch die Programme, um Netzwerke gezielt anzugreifen. Die Sicherheitsstandards der meisten Unternehmen und Internetfirmen sind nicht so gut, um solche Nachrichtendienste aufzuhalten, von Privatleuten ganz zu Schweigen.

Von welchen Dimensionen sprechen wir denn hier? Wie viele Leute müssten zum Beispiel zusammenarbeiten, um eine Google-Datenbank zu knacken?
Da reichen 20 Leute. Bei den Nachrichtendiensten arbeiten nur Experten, jeder kennt sich in ein bis zwei Systemkomponenten aus. Selbst wenn die großen Internetanbieter ihre Systeme über verschiedene „Schutzschichten“ sichern. Wenn mehrere Experten zusammenwirken, kommt man auch da ran.

Und solche Geheimdienste beschäftigen insgesamt...
..."ein paar Tausend Leute. Die NSA zum Beispiel rund 5000. Bei den Europäern sind es ein paar Hundert.

Hat die NSA auch Daten von Deutschen abgegriffen?
Das könnte ich mir gut vorstellen. Einige Informationen, zum Beispiel innereuropäischer E-Mail-Verkehr, werden zum Beispiel über Server in den USA geleitet. Das heißt, die Information geht von Deutschland erst in die USA und erst dann, zum Beispiel, in die Türkei. In dem Moment aber, in dem die Daten in den USA sind, können sie auch legal, also nach US-Recht, ausgewertet werden.

Könnte man verhindern, dass deutsche Informationen auf amerikanische Server umgeleitet werden?
Da müsste man den großen Internetanbietern, den tier one providern, schon rechtlich vorschreiben, die Wege der Nachrichtenübermittlung, das Routing, vorzudefinieren. 

„Meldepflicht von Hacker-Angriffen wichtiger Schritt"
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18 Kommentare zu "Überwachungsskandal: „Datenschutz ist nicht mehr realistisch""

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  • Es gibt drei Probleme:
    Menschen - Die meisten Leute sind schlichtweg überfordert und dann kommt noch die Gruppe, die zu faul ist. Sie wurden diesbezüglich jedoch auch zu wenig unterstützt!
    Beispiel WLAN-Verschlüsselung: Es musste erst ein Gerichtsurteil entscheiden, bis per Standard diese verschlüsselt ausgeliefert werden - seitdem wird es verwendet.

    Technik - Möglichkeiten unbegrenzt; Fortschritt zu schnell? Sehe ich nicht so. Wofür sind wir ein führendes, hoch entwickeltes technisches Land? 30 Jahre und dann heißt es lapidar: #Neuland, wo man selbst eines der frühsten C-Netze klobig in der Hand hielt. Die Technik ist zu komplex, weil es kaum sinnvolle, einfache Lösungen gibt, geschweige technische Anleitungen (s.Link).

    Datenschutz - wurde bekämpft statt gestärkt! Es gibt Datenschutzbeauftragte ( Bund, Land ), diverse Seiten, doch es ist ein Wirr- Warr entstanden - ohne Standards.

    Das Problem ist, dass man sich nur insoweit informieren kann, wie Informationen zugänglich sind. Und bezüglich Datenschutz gab' es bereits Einschränkungen in der Pressefreiheit, zudem Geheimhaltungs-Gesetze, die die Verfassung scheinbar aushebeln.

    Hierbei sind die Politiker gefordert - andernfalls sollten sie diese Lügen aus den Wahlprogrammen streichen!! Bezüglich Klagen bin ich froh, dass es diese kleinen Parteien sind, die versuchen viele Zustände auch durch Klagen zu erreichen.

    Mit Verlaub kenne ich nur eine Partei, die aktiv was tut - vermutlich, weil sie nie an einer Regierung beteiligt war und es ihr Feld ist. So wie einst die Atomkraft das Feld der Grünen war.

    Sie starten Kryptoparty-Kampagnen, erklären wie E-Mail-Verschlüsselung einzurichten ist (http://www.piratenpartei.de/2013/07/09/video-kattas-und-miezes-kleine-welt-der-technik-heute-pgp-benutzen) und bewegen das, was andere Parteien - bewusst oder unbewusst - viele Jahre verschlafen haben. Deswegen sind die bisherigen Parteien mit der Technik und #Neuland überfordert - obwohl sie gut beraten werden könnten.

  • Die skandalösen in den Medien bekannt gewordenen Umstände im Fall Mollath sind wohl (hoffentlich!!) Ausnahmen, über die anderen angeführten Fälle ist mir nicht genug bekannt. Das ändert aber nichts daran, dass die Glaubwürdigkeit unseres Rechtsstaats tatsächlich ernsthaft auf dem Spiel steht, wenn solche Fälle nicht unverzüglich, gründlichst und in aller Öffentlichkeit aufgeklärt werden.

  • Nee, ist durchaus mein voller Ernst. Meine überlegung: Wenn de facto längst schon kein echter Datenschutz mehr möglich ist, sollten wenigstens klare rechtliche Grundlagen geschaffen werden, um mit dieser Tatsache so umgehen zu können, dass die legitimen Interessen aller gewährleistet sind. Das Problem zu leugnen oder es zu verdrängen bringt gar nichts.

  • Informiert bleiben (Zeitung/Internet/TV und sonstiges, Gespräche). Aktiv werden bei Bekanntwerden von Verstößen (Anzeige erstatten, Öffentlichkeit herstellen, Hilfe anbieten u.a.m.), und zwar höchstselbst. Ist mühsam, klar. Bringt aber was, vorausgesetzt, man lässt nicht locker. Was denn sonst?

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Der Begriff Verschwörungstheorie wird immer dann verwandt, wenn man etwas durch Lächerlich machen verdrängen will!

  • @ Netti
    "dass der Rechtsstaat einwandfrei funktioniert" Genau das erleben wir zur Zeit im Fall Mollath. Oder auch die Klage gegen Pfarrer Lothar König!
    Es gibt keinen Rechtsstaat in Deutschland mehr. Das Gesetz wird zugunsten der Reichen gebeugt. Unentwegt mehr oder weniger offen.gesetzte werden nur noch im Sinne reichen erlassen, z.t. von denen eingebracht. Das Recht wird durch den Besitz diktiert.

    In dieser Realität leben wir, die DDR war uns gegenüber ein Muster an Rechtsstaatlichkeit!

  • Spionage durch "unsere Freunde"
    Seit mindestens 1992 warne ich als Security-Berater vor diesen Praktiken. Damals gingen Informationen um, dass bestimmte Dienste durch Sponsoren finanziert würden. Diese Sponsoren erwarten selbstverständlich Gegenleistungen. Da angeblich alles, was im IT-Sektor Rang und Namen hatte, auf der Liste stand, war das Ziel klar. Dazu kam die Erklärung eines offiziellen Vertreters, dass "die Beschaffung von Informationen zugunsten der heimischen Wirtschaft" legal sei. Alles klar?

  • Wäre es jetzt nicht eine Sache der Ehrlichkeit, den Bundesdatenschutzbeauftragten abzuschaffen.

    Nicht dass hier der Eindruck entsteht, dass er keinen guten Job macht. Ich bin nur der Meinung, dass er seinen Job "für die Katz' macht".

    Er sollte niederlegen, wenn die Bundesregierung hier nicht massiv tätig wird und die USA keinen Respekt mehr vor dem Hoheitsgebiet der Bundesrepublik haben.

  • @Nettie

    "Von allergrößter Wichtigkeit ist jetzt, dass jeder Einzelne darauf achtet, dass der Rechtsstaat einwandfrei funktioniert, damit im Umgang mit und vor allem bei der Auswertung der - ohnehin gesammelten - Daten rechtsstaatliche Prinzipien peinlichst genau eingehalten werden."

    Super Idee! Einfach genial! Aber warte mal - wie soll der Einzelne dies ueberpruefen?

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