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Ukraine Das Epizentrum des Widerstands

Die meisten Demonstranten auf dem Maidan stammen aus der Westukraine. Der Protest hat hier Tradition. Schon immer wurden die Menschen hier als „Separatisten“ und „Nationalisten“ bezeichnet. Ein Ortsbesuch in Lemberg.
4 Kommentare

Freunde und Gegner Russlands stoßen auf der Krim aufeinander

LembergDie Menschen in Lemberg tragen das Revoluzzer-Gen in sich. Wenn es um Protest geht, sind sie an vorderster Front dabei. Sie kämpfen, wenn man kämpfen muss. Und wenn der Protest blutig niedergeschlagen wird, hauen sie nicht etwa ab, sondern holen immer mehr nach. So war das auch auf dem Maidan in Kiew. Viele von den Menschen, die ums Leben gekommen sind, kamen aus dem Westen der Ukraine. Einige auch aus Lemberg unweit der polnischen Grenze.

Am vergangenen Freitagabend wurden zwei von ihnen auf dem Hauptplatz von Lemberg, auf ihrem Maidan, aufgebahrt. Tausende Menschen sind gekommen, um ihnen bei einer Trauerfeier die letzte Ehre zu erweisen. Als die beiden Särge eintreffen, rufen die Menschen „Helden sterben nicht!“ Viele haben dabei Tränen in den Augen. Eigentlich sollten sie sich freuen, weil sie das wofür sie monatelang gekämpft haben, endlich erreicht haben. Präsident Viktor Janukowitsch ist abgesetzt und der Weg für einen echten Neuanfang ist frei. Doch den meisten ist nicht zum Feiern zumute. Die Trauer über die vielen Toten, sie ist überall.

Trauer in Lemberg
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Auf dem Hauptplatz in Lemberg trauern die Menschen um die Opfer der Proteste in der Ukraine.

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Immer wieder halten die Menschen inne, zünden eine Kerze an, einige sprechen ein Stoßgebet. Im Fernsehen werden Aufnahmen der blutigen Gefechte in Kiew gezeigt. Gestürzte Leninstatuen flackern auf, dazwischen Fotos von Getöteten. TV-Bilder haben eine besondere Macht, das wissen auch Janukowitsch-Anhänger. Und so haben sie vergangene Woche Provokateure nach Lemberg geschickt, um die Fenster der Prokurator und der Miliz einzuschlagen und die Gebäude scheinbar einzunehmen. „Es ging darum zu zeigen, wie radikal die Lemberger sind“, erklärt Politikwissenschaftler Anatoliy Romanyuk. Es war das erste Mal, dass es zu Ausschreitungen dieser Art gekommen war.

Auch dass sich die Stadt für autonom oder unabhängig erklärt habe, wie vergangene Woche gemeldet wurde, sei falsch. „Wir genießen hier im ehemaligen Galizien schon immer eine besondere Form von Freiheit“, meint Romanyuk. Deshalb spreche man traditionell vom „Zentrum des Separatismus“. In der Praxis bedeutet das aber nichts anderes als ein besonders ausgeprägtes Maß an Selbstverwaltung. „Wenn es ein Problem zu lösen gibt, nimmt das unser Bürgermeister selber in die Hand und fragt nicht erst in Kiew nach Erlaubnis“, so der Politikwissenschaftler. Als es zum Beispiel darum ging nach den Pogromen die Sicherheit in der Stadt sicherzustellen, hat er eine freiwillige Bürgerwehr eingesetzt, die das Zentrum vor weiteren Attacken schützen soll. Außerdem hat man Restaurants dazu angehalten, nach 18 Uhr keinen Alkohol mehr auszuschenken, um möglichen Konflikten vorzubeugen. Galizien gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Kaiserreich Österreich-Ungarn, mit etwa 700 Kilometern ist die Entfernung von Wien nach Lemberg vergleichsweise gering.

„Lemberg ist eine revolutionäre Stadt“

„Die Stadtverwaltung in Lemberg arbeitet im Sinne des Bürgers“, erklärt Anatoliy Romanyuk, „damit unterscheidet sie sich von vielen anderen in der Ukraine“. Viele Teile des Landes, vor allem im Osten, sind noch stark sowjetisch geprägt. Die Nähe zu Russland ist vor allem geografisch und sprachlich gegeben. Und doch waren in den vergangenen Monaten auch Menschen aus Charkiw oder Donezk auf dem Maidan in Kiew. Zahlenmäßig waren sie in der Minderheit, weil sie damit nicht selten ihren Job riskiert haben. Dabei sind viele Ostukrainer ebenfalls unzufrieden mit Viktor Janukowitsch. Das Problem: Ihre Proteste wurden meist ziemlich schnell und ziemlich brutal niedergeknüppelt. Die Menschen im Westen der Ukraine – mit ihrem Revoluzzer-Gen – ließen sich im Gegensatz dazu nicht entmutigen. Sie haben immer weiter für einen Systemwechsel gekämpft, und vor allem für eine Perspektive.

Doch wie sieht die Perspektive aus? In Lemberg sagen die Menschen: Wir waren nicht drei, vier oder fünf Mal auf dem Maidan in Kiew, damit jetzt wieder Julia Timoschenko an die Macht kommt. Für viele ist sie ein Relikt aus vergangener Zeit. „Jetzt geht es darum, einen echten Neuanfang zu wagen“, meint der Journalist und Schriftsteller Taras Voznyak. Der künftige Präsident müsse das Land einen und nicht versuchen, es künstlich zu spalten. Dabei attestiert er Box-Weltmeister Vitali Klitschko und auch Schokoladenkönig Petro Poroschenko die besten Chancen. Dass in den vergangenen Tagen im ganzen Land Lenin-Statuen abgebaut wurden, sieht er als wichtiges Zeichen dafür, dass die Sowjet-Ära endlich vorüber sei. Symbolpolitik schlägt in diesem Fall Realpolitik.

Auch Nataliya Pipa wollte ein Zeichen setzen, indem sie zum Boykott aufgerufen hat: Lebensmittel, die von Abgeordneten der Janukowitsch-Partei hergestellt wurden, sollten künftig ignoriert werden. In der Innenstadt verteilte die Aktivistin Flugblätter, auf denen die Marken der einzelnen Lebensmittel abgebildet waren. Darunter Käse genauso wie Tee, Wurst und Schokolade. „Der wirtschaftliche Faktor ist bedeutend –  wenn wir den Banditen weh tun wollen, müssen wir das beim Umsatz tun“, sagt die 30-Jährige. Der Boykott zeigt bereits erste Auswirkungen, denn manche Lebensmittel lassen sich einfach nicht mehr verkaufen. Deshalb wirbt man nun mit Dumpingpreisen.

„Die Menschen haben keine Angst mehr“

Viktor Janukowitsch flieht im Helikopter

„Lemberg ist eine revolutionäre Stadt, weil wir keine Angst haben, unsere Meinung offen zu sagen“, meint Nataliya Pipa. Und vor allem werden Kritik oder Anregungen von Bürgermeister Andriy Sadowyy ernstgenommen. Deshalb ist er bereits seit acht Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung. Er verkörpert einen neuen Typus Politiker – nah am Volk, unprätentiös, pragmatisch. Sollte die Ukraine in Zukunft tatsächlich einen Westkurs einschlagen, könnte er zum Vorbild für viele andere Städte in der Ukraine werden. „Wir haben keine romantischen Vorstellungen mehr wie nach der Orangenen Revolution“, sagt Nataliya Pipa, „wir wissen, dass wir uns nicht auf die Politik verlassen können und das wir selber einen Beitrag zum Umbruch des Landes leisten müssen – aber ich bin mir sicher, die meisten sind dazu bereit.“

Der Journalist Taras Voznyak ergänzt: „Die Menschen haben keine Angst mehr, das ist eigentlich der wichtigste Verdienst dieser Revolution.“ Und dass das Land drohe in zwei Teile zu zerfallen, sei russische Propaganda. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die Menschen auf der Krim so leben wollen wie die in Transnistrien oder Abchasien!“ Fakt ist, das Land steht vor einem Staatsbankrott. Fakt ist auch, dass viele Menschen für die Idee von Europa gestorben sind. Darunter waren kluge, gebildete Männer – mit dem Revoluzzer-Gen. Die Erinnerung an sie wird die eigenen Ansprüche nach oben schrauben. Den Ukrainern ist klar, dies ist erst der Anfang. Aber: Dieses Mal will man alles dafür tun, es richtig zu machen. Lemberg wird mit seiner westlichen Tradition sicher eine wichtige Vorreiterrolle einnehmen.

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4 Kommentare zu "Ukraine: Das Epizentrum des Widerstands"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • >>eine solche Menge von bewaffneten und gewaltbereiten "Demonstranten", wie sie, von weither herangeschafft, den Maidan bevölkerten,<<

    Wie eine Frau in einem Spiegel Forum berichtet, die selbst zu der Demonstrationszeit vor Ort war, wurden die Demonstranten von überall her in Bussen heran gefahren.
    Sie bekamen dafür 100 $ pro Person und wer eine Waffe mitbrachte, bekam 50$ mehr, auch jene, die sich in die vordersten Reihen begaben.....

  • Ich finde es interessant, dass Putin nicht die Gunst der Stunde nutzt, um die Ostukraine einschließlich der Krim zu besetzen. Man hätte mit Sevastopol dann endlich wieder einen ordentlichen Hafen am Schwarzen Meer und man könnte sich auch besser gegen die islamische Einflussnahme durch die südlichen Republiken Usbekistan, Tadschikistan wappnen. Der ukrainischen Bevölkerung wäre es unter der Hegemonie Russlands sowieso besser ergangen, weil Russland das Land mit Milliarden an Hilfen und Energielieferungen unterstützt, während die bankrotten Europäer nur mit IWF Krediten winken, die die arme ukrainischen Bevölkerung auf Jahre versklaven wird. Also bis zum Dnepjr könnte sich Russland problemlos nach Westen ausdehnen. Wäre für alle besser.

  • Wenn die Ukrainer genauso selbstbewusst protestieren, wenn sie merken, was die EU so alles bieted bzw nicht bieted, dann nur rein mit ihnen. Davon könnten die anderen "Europäer" lernen.

    Aber am meisten könnten "die Europäer" lernen, wenn man die Ukraine pleite gehen lässt.

    Ich wette hundertausende Deutsche würden freiwillig helfen, wenn in der Ukraine jemand verhungern sollte vor lauter Mitgefühl. Die Deutschen in erster "Front", weil sie gutmütige Menschen sind. Vollgepackte Autos würden in die Ukraine fahren.. usw...
    Aber es dreht sich dummerweise nicht um Menschen in erster Linie, das wissen wir doch - alle, oder?







  • Ich denke, eine solche Menge von bewaffneten und gewaltbereiten "Demonstranten", wie sie, von weither herangeschafft, den Maidan bevölkerten, hätte sich z.B. in Washington gar nicht bilden können. Schon das erste renitente Grüppchen ware vermutlich von schwerbewaffneten Polizisten und Elitekämpfern niedergemacht und als "Terroristen" auf Jahrzehnte eingesperrt worden. Wehe ihnen, wenn auch nur ein einziger Polizist zu Schaden gekommen wäre! (Zur Erinnerung ein Vorgang aus dem vergangenen Jahr: Eine junge Autofahrerin mit Kleinkind auf dem Rücksitz ist von Polizei durch Washingtoner Straßen gejagt worden; als sie, von einer Straßensperre gestoppt, aus dem Wagen stieg, ist sie von dort auf der Lauer liegenden vermummten Scharfschützen erschossen worden!) Weder unsere Politiker noch unsere Medien würden wagen, die dortigen Opfer von Staatsgewalt als heldenhafte "Revoluzzer" zu feiern und ihnen etwa den US-Präsidenten als "Massenmörder" gegenüberzustellen! Im Gegenteil, selbst die vielen Opfer mörderischer US-Drohnen sind ihnen kein Anlass, den Verantwortlichen im Weißen Haus an den Pranger zu stellen. Ist dieses Messen mit zweierlei Maßstäben nicht typisch für die Art und Weise, wie Politik und Medien uns lenken? Wir sind daran so sehr gewöhnt, dass die meisten es nicht einmal wahrnehmen.