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An der Grenze

Das Leben in der russisch-ukrainischen Grenzregion ist trotz des Stillstands des Konflikts immer schwieriger geworden.

(Foto: AP)

Ukraine-Konflikt Kein Krieg, aber auch kein Frieden: Der Donbass versinkt im Elend

Der Konflikt in der Ostukraine ist eingefroren, die Wirtschaft im Donbass durch den Krieg aber fast vollständig zerstört. So wächst die Armut.
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Stanyzja LuhanskaLangsam schiebt sich die Menschenmenge am Grenzübergang Stanyzja Luhanska zwischen der Ukraine und dem Separatistengebiet voran. Dann gibt es Streit: „Jetzt, wo Journalisten da sind, geht es auf einmal vorwärts, vorher haben sie uns endlos warten lassen“, schimpft eine ältere Frau. „Eine Unverschämtheit, so das eigene Volk zu schikanieren.“

Bis zu zehn Stunden müssten sie manchmal in der Schlange ausharren und würden dann doch teilweise am Schalter zurückgewiesen, sagt sie an die Journalisten gewandt. Ein ukrainischer Soldat widerspricht. „Unsinn, Sie sind doch nur auf Stimmungsmache aus.“

Doch die resolute Dame lässt sich nicht einschüchtern. Sie geht einen Schritt auf den Uniformierten zu und schimpft weiter. Sie lüge nicht. Das sei im Sommer gewesen, versichert sie. Der Soldat winkt ab – und die Journalisten weiter. Die Menge bleibt zurück.

Stanyzja Luhanska ist der einzige Übergang in der ostukrainischen Region Luhansk und einer von insgesamt sieben Übergängen entlang der 430 Kilometer langen Kontaktlinie zwischen der von Kiew kontrollierten Ukraine und den von Moskau unterstützten Separatistengebieten.

Jährlich müssen sich nach Angaben von Wadym Tschernysch, ukrainischer Minister für Binnenflüchtlinge, zwölf Millionen Menschen durch diese sieben Nadelöhre zwängen, um auf die jeweils andere Seite der Front zu gelangen.

Einer von ihnen ist Waleri. Auf Krücken humpelt der Einbeinige über die zwei Kilometer lange Brücke, denn Autos kommen dort nicht durch. Er will zu Mutter und Schwester in Krasnodon in der von prorussischen Separatisten beherrschten „Luhansker Volksrepublik“ (LVR) besuchen.

„Ich habe nur ein Bein, aber meiner 1935 geborenen Mutter gehorchen beide Beine nicht mehr“, sagt der Afghanistan-Veteran. Und so macht er sich auf den beschwerlichen und gefährlichen Weg, um sie zu besuchen und aufzuheitern. „Auch wenn ich ihr in meinem Zustand kaum helfen kann“, sagt Waleri.

Die meisten der Wartenden jedoch wollen in die andere Richtung, Richtung Ukraine. Es sind Rentner aus den Separatistengebieten. Einmal alle zwei Monate müssen sie in die Ukraine reisen, um ihre Rente zu bekommen. Ansonsten verlieren sie ihren Pensionsanspruch. „Also musst du rüber, ob du kannst oder nicht. Notfalls kriechst du rüber“, sagt die Rentnerin Jekaterina Iwanowna.

Auch, wenn sich die bewaffneten Zwischenfälle an diesem Ort wieder häufen. Waren es im Dezember noch 17, wurden im Januar schon etwa 40 und im Februar mehr als 60 gemeldet.

Preise in den Separatistengebieten höher als auf urkainischer Seite

Trotzdem machen sich die Menschen auf den Weg. Nicht nur wegen der Rente, sondern auch um einzukaufen. Denn in den selbst ernannten, aber international nicht angekannten Volksrepubliken unter prorussischer Führung seien die Preise trotz bitterer Armut viel höher als auf der Gegenseite und die Qualität wegen der Versorgungsengpässe schlechter, sagt Vitali Swistula.

Swistula ist geschäftsführender Direktor der Hilfsorganisation „Miloserdije“, einer Partnerorganisation der Caritas im Donbass-Gebiet. „Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass ich mich einmal mit Wohltätigkeit befassen werde, hätte ich ihm nicht geglaubt“, sagt er.

Bis zum Krieg hat der rothaarige Mittdreißiger in Luhansk als Manager bei der Raiffeisenbank gearbeitet. „Ich hatte einen guten Job“, erzählt er. Doch dann musste er Hals über Kopf die Sachen packen. Zuerst schickte er die Familie aus dem Kriegsgebiet, im Sommer floh er selbst. „Ich habe den letzten Zug genommen“, sagt er. Inzwischen ist der Bahnverkehr eingestellt.

Swistula musste wie viele der 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge sein Leben an einem anderen Ort ganz neu aufbauen. Sein Versuch scheiterte, in Kiew bei der Bank zu arbeiten. Der Zustrom qualifizierter Kader drückte die Löhne.

„Das Gehalt dort hätte gerade einmal gereicht, um die Miete zu zahlen“, erzählt er. Also ging er in den Donbass zurück und übernahm das Management bei „Miloserdije“. Die Organisation musste ebenfalls aus Luhansk fliehen. Eine Zusammenarbeit mit den Machthabern dort war unmöglich. Auch die Caritas hat wegen der unsicheren Lage ihre Arbeit in den Separatistengebieten im Sommer vorerst eingestellt.

Hilfsbedarf gibt es auch auf der ukrainisch kontrollierten Seite der Pufferzone genug. Die Ukraine war schon vor dem Konflikt 2014 eines der ärmsten Länder Europas. Das Elend speziell im Donbass ist durch die Kriegshandlungen weiter gewachsen. Die Wirtschaft in der einstigen Industrieregion ist vielerorts zusammengebrochen.

Die meisten der Kohleschächte liegen auf der Seite der Separatistengebiete – und damit größtenteils brach, auch wenn es Berichte gibt, dass ein Teil der Kohle inzwischen nach Russland verladen wird. Ohne die billige heimische Kohle sind die auf der anderen Seite angesiedelte Stahlwerke wenig lukrativ und daher kaum noch ausgelastet.

Das für den Handel wichtige Verkehrsnetz ist zusammengebrochen. Die Straßen haben sich durch schweres Kriegsgerät, harte Winter und fehlende Reparaturen in eine schlammige Schlaglochpiste verwandelt, bei der selbst kürzere Entfernungen zur langen Tortur werden.

In der Grenzregion ist das Leben für die Bürger besonders hart. Dort ist die Wirtschaft zusammengebrochen. Quelle: Reuters
Eine ukrainische Rentnerin nahe der russischen Grenze

In der Grenzregion ist das Leben für die Bürger besonders hart. Dort ist die Wirtschaft zusammengebrochen.

(Foto: Reuters)

Wer fliehen konnte, ist geflohen. Zurückgeblieben sind Alte und sozial Schwache. 3,5 Millionen Menschen sind inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dazu gehört auch Anja. Die Siebenjährige leidet an spastischer Lähmung, hat gerade erst gelernt, zu gehen. Eine Sozialarbeiterin von Miloserdije hilft ihr beim Sprechen lernen. Mit Gesichtsmassagen wird die nötige Mundmuskulatur zur Artikulation von Lauten aufgebaut.

Die Mutter hat die Tochter vor langer Zeit verlassen. Der Vater, der die Kleine versorgte, musste vor einem Monat nach Polen zur Saisonarbeit, um Geld für den Lebensunterhalt und die Reha zu verdienen. So ist Anja bei den Großeltern geblieben.

Zusammen bekommen sie 140 Euro Rente. Ohne Lebensmittelhilfe und Medikamente der Caritas kämen sie nicht über die Runden, bestätigt Großvater Jakow. Er sei dankbar dafür und doch „ist es bis ins tiefste Innere schmerzlich” und erniedrigend auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen zu sein, obwohl die Ukraine ein so großes Land sei und alle Voraussetzungen habe, auch wohlhabend zu sein.

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