Ukraine-Krieg: Kreml-Kritiker Kasparow: „Putin kann die Niederlage nicht überleben“
Herr Kasparow, nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin eine Teil-Mobilmachung angekündigt hat, verlassen viele Männer das Land fluchtartig. Nicht nur in Moskau gibt es Proteste. Kann das Putins Regime ins Wanken bringen?
Das Regime ist schon destabilisiert. Die Mobilmachung ist ein Akt der Verzweiflung. Zum ersten Mal in den mehr als zwanzig Jahren seiner Herrschaft hat Putin den ungeschriebenen Vertrag mit der russischen Bevölkerung verletzt. Bisher konnte man tun, was man wollte, solange man Putins Agenda nicht in die Quere kam. Jetzt verlangt er von den Leuten, Opfer zu bringen.
Aber dazu sind viele Russen nicht bereit.
Die Antwort der russischen Gesellschaft ist für jeden sichtbar: Die Männer flüchten, sie zahlen enorme Summen, nur um das Land zu verlassen. Das sagt alles über die reale Unterstützung für den Krieg. Ich will meine Landsleute, die kein oder wenig Mitgefühl mit dem Schicksal der Ukrainer gezeigt haben, nicht entschuldigen. Sie haben den Krieg so lange unterstützt, wie sie ihn im Fernsehen verfolgen konnten. Sobald sie sich daran beteiligen sollten, hatten sie kein Interesse mehr. Immer wieder werde ich gefragt, warum es so wenig Proteste gibt. 22 Jahre lang wurde in Russland alles eingefroren, wie in einem riesigen Eisschrank. Man kann nicht erwarten, dass es in 22 Stunden wieder auftaut.