Ukraine-Krieg: Russische Armee in Kaliningrad simuliert Atomangriff
Russland droht mit einer nuklearen Aufrüstung an seiner Westflanke.
Foto: IMAGO/SNADüsseldorf. In der Exklave Kaliningrad an der Ostsee hat die russische Armee Angriffe mit dem atomwaffenfähigen Raketensystem Iskander-M simuliert. Etwa 100 Soldaten rückten mit 20 Fahrzeugen aus, wie das russische Militär mitteilte. Dann seien einzelne oder massenhafte Starts simuliert worden, um gegnerische Raketensysteme, Flugplätze, Bunker oder Truppen zu treffen.
Iskander-M kann mit Marschflugkörpern oder Raketen bis zu 500 Kilometer weit schießen. Von Kaliningrad aus liegen damit Warschau, Berlin und andere Hauptstädte in Reichweite.
Kremlchef Wladimir Putin hatte seine Atomstreitkräfte im Februar in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Er drohte mit „blitzschneller“ Vergeltung, sollte die Nato in den Ukraine-Konflikt eingreifen.
Westliche Beobachter gehen davon aus, dass das russische Staatsfernsehen derzeit darum bemüht ist, die Öffentlichkeit auf den Einsatz von Atomwaffen vorzubereiten. Der russische Journalist und Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow warnte am Dienstag: „Seit zwei Wochen hören wir auf unseren Fernsehschirmen, dass die Atomsilos geöffnet werden sollten.“
Russland drohte mit Aufrüstung von Atomwaffen in Kaliningrad
Der nahende Beitritt Finnlands und Schwedens in die Nato hatte den Kreml mehrfach dazu veranlasst, mit atomrarer Aufrüstung in Kaliningrad zu drohen. Finnland will einem Zeitungsbericht zufolge schon am 12. Mai seine Aufnahme in das transatlantische Verteidigungsbündnis beantragen.
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Auch im schwedischen Parlament gibt es eine Mehrheit für einen solchen Schritt. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat schon vorauseilend erklärt, dass ein Beitrittsantrag beider Länder schnell und mit positivem Ausgang geprüft werden würde.
Oblast Kaliningrad: Hinweise auf Stationierung von Atombomben
Ein Beitritt der beiden Staaten zum Bündnis wäre strategisch von großer Bedeutung. Russland hat deshalb bereits „ernsthafte Konsequenzen“ für den Fall angekündigt. Dann würden russische Streitkräfte an Land, zu Wasser und in der Luft gestärkt und womöglich Nuklearwaffen in der Region stationiert werden – wobei es Hinweise gibt, dass Russland solche Waffen bereits in die Exklave Kaliningrad verbracht hat.
Der Regierung in Moskau ist sehr wohl bewusst, dass ein Beitritt Schwedens und Finnlands zur Nato die strategischen Verhältnisse im Gebiet der Ostsee nennenswert verschieben würden.
Der russische Präsident versetzte bereits im Februar seine Atomstreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft.
Foto: IMAGO/SNAVor allem die baltischen Staaten, die als Schwachpunkte der Nato gelten, wären gestärkt. Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis hatte unlängst bei einer Pressekonferenz mit seiner deutschen Kollegin Annalena Baerbock auf die Bedeutung eines Beitritts der beiden Ostsee-Anrainer hingewiesen.
Mit Schweden und Finnland als Nato-Staaten könne das Binnenmeer weit besser gesichert werden, sagte er und verwies dabei auf vor allem für die Balten wichtige Handelsrouten zur See. Bei der Versorgung etwa mit Flüssiggas sei die Ostsee die wichtigste Route. Dies wird immer wichtiger, da auch die Balten möglichst schnell unabhängig werden wollen von russischen Energieträgern.
Estland, Lettland und Litauen sind geografisch in einer sensiblen Lage. Litauen grenzt als südlichste der baltischen Republiken an die russische Exklave Kaliningrad. Hier befindet sich auch die sogenannte Suwalki-Lücke, die als Achillesferse der Nato gilt. Litauen und damit das gesamte Baltikum sind lediglich durch einem 65 Kilometer breiten Korridor mit dem Nato-Staat Polen verbunden. Westlich davon liegt Kaliningrad, östlich der russische Verbündete Belarus.
Finnland wiederum hat eine rund 1300 Kilometer lange Grenze zu Russland und würde als Nato-Mitglied das Kräfteverhältnis in der Region massiv verändern. Die Halbinsel Kola ist für Russland von strategischer Bedeutung für die nationale Sicherheit, hier ist auch die russische Nordmeerflotte stationiert – und Sankt Petersburg liegt nur rund 170 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt.