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Ukraine-KriegUSA boykottieren russisches Öl – Deutschland wird nicht mitziehen

Joe Biden verkündet den ersten amerikanischen Alleingang bei Sanktionen im Ukrainekrieg. Der Schritt ist mit den Europäern abgestimmt. Dass sie nicht mitmachen, wird Biden recht sein.Katharina Kort, Nicole Bastian, Jakob Blume, Moritz Koch, Julian Olk und Carsten Volkery und Mathias Brüggmann 08.03.2022 - 21:27 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Im vergangenen Jahr war Russland das drittwichtigste Land für Einfuhren von Rohöl und Petroleumprodukten für die USA.

Foto: Reuters

Berlin, Brüssel, Düsseldorf, Houston, London, Zürich. Als Reaktion auf Wladimir Putins Angriffskrieg in der Ukraine haben die USA und Großbritannien weitere Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt. Washington stoppt die Einfuhr von russischem Öl, London lässt den Ölimport zum Jahresende auslaufen.

Die Märkte reagierten mit starken Ausschlägen auf die Nachrichten: Amerikanisches Rohöl verteuerte sich zwischenzeitlich um acht Prozent auf über 129 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). Die Aktienmärkte wiederum drehten vorübergehend ins Minus. Der deutsche Leitindex Dax verlor knapp ein Prozent auf 12.730 Punkte, erholte sich dann jedoch wieder.

Der Stopp der Ölimporte aus Russland ist nach Angaben von Wirtschaftsminister Robert Habeck eng mit den Europäern abgestimmt. Deutschland werde aber nicht folgen, es gebe auch keine entsprechenden Forderungen aus den USA. Für die Amerikaner sei die Lage günstiger – anders als einige europäische Länder gehören die USA nicht zu den Großimporteuren von russischem Erdöl.

Im Fall eines Gas- und Ölembargos in Europa fürchtet Habeck „eine schwere Wirtschaftskrise“. Ökonomen sowie die Akademie der Wissenschaften Leopoldina kommen in Studien zu anderen Ergebnissen: Aus ihrer Sicht sei ein Energieembargo für Deutschland „handhabbar“, es gingen „keinesfalls die Lichter“ aus.

Auch aus der Wirtschaft gibt es mittlerweile Forderungen nach einem Importstopp für russische Energielieferungen. So sagt etwa Lars Brzoska, Chef des Maschinenbauers Jungheinrich, dem Handelsblatt: „Russland muss die größte Geldquelle abgedreht werden, die diesen Krieg finanziert.“

Biden hat Sorgen wegen der Benzinpreise

Infolge des Kriegs in der Ukraine war der Druck auf die US-Regierung auch aus dem Kongress zuletzt gewachsen, den bereits verhängten Strafmaßnahmen ein Einfuhrverbot für russisches Öl hinzuzufügen. Die Auswirkungen für Russland sind vermutlich erst einmal gering. Die USA importieren rund 700.000 Barrel (je 159 Liter) russisches Rohöl und Ölprodukte pro Tag, was etwa fünf Prozent der russischen Exporte entspricht.

Washington hatte seine Sanktionspolitik in den vergangenen Wochen eng mit den Europäern abgestimmt. Auch über den Ölboykott gab es zuletzt intensive Gespräche, die EU-Länder wurden von Joe Bidens Entscheidung nicht überrascht.

Wirtschaftsminister Habeck bestätigte am Dienstag, die USA hätten nicht darauf gedrungen, dass sich die EU dem Importstopp anschließt. Dafür gibt es zwei Gründe:

  • Zum einen ist Europa viel abhängiger von russischen Importen.
  • Zum anderen würde ein gemeinsamer Boykott die Ölpreise noch stärker in die Höhe treiben. Schon jetzt muss Biden den Frust der amerikanischen Wähler fürchten, weil sich der Sprit auch in den USA rasant verteuert.

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte am Montag klargestellt, dass ein Verzicht auf russische Energieimporte für Deutschland momentan noch nicht infrage komme. Die Sanktionen seien bewusst so gestaltet, dass sie „dauerhaft durchhaltbar“ seien, sagte Scholz. Das gilt als entscheidender Punkt in der Debatte: Die Bundesregierung befürchtet, dass die europäische Einigkeit bei den Russlandsanktionen gefährdet ist, wenn die hohen Benzinpreise Unmut in der Bevölkerung schüren.

Ähnlich argumentieren Länder wie Italien, die ebenfalls auf russische Energielieferungen angewiesen sind. Dagegen wird in Osteuropa die Forderung laut, auch die letzten Wirtschaftsverbindungen zu Russland zu kappen, um Putins Kriegskasse auszutrocknen. Derzeit verdient Russland mit dem Ölexport täglich mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Im vergangenen Jahr war Russland nach Angaben der US-Energieinformationsbehörde (EIA) das drittwichtigste Land bei Einfuhren von Rohöl und Petroleumprodukten für die USA – hinter Kanada und Mexiko. Die Einfuhren aus Russland mit einem Volumen von 672.000 Barrel pro Tag machten knapp acht Prozent aller US-Importe in dieser Kategorie aus. Erdgas aus Russland wird nicht in die USA geliefert.

Der russische Vizepremier Alexander Novak hatte am Montag vor Ölpreisen von 300 Dollar oder mehr für das Barrel gewarnt, wenn die USA und Europa Importe aus Russland verböten. Die Folgen für den Weltmarkt würden „katastrophal“ sein, warnte der ehemalige Energieminister Russlands. Am Dienstag hieß es zu dem Schritt Bidens: „Es liegt auf der Hand, dass der Verzicht auf unsere Ressourcen auch zu erheblichen Schwankungen auf den globalen Energiemärkten führen wird. Sie wird sich nachteilig auf die Interessen von Unternehmen und Verbrauchern auswirken, vor allem in den USA selbst“, schrieb die russische Botschaft in Washington am Dienstag bei Facebook. „Der Sanktionsdruck der USA auf Russland hat längst die Grenzen der politischen und wirtschaftlichen Vernunft überschritten.“

So berichtet das Handelsblatt über den Ukrainekrieg:

Die wichtigste Frage ist nun, wie man die Produktion von Öl und Gas und deren Export aus anderen Ländern ausweiten kann. Ausgerechnet am Tag, an dem die USA die Öllieferungen aus Russland stoppten und Joe Biden das Ölexportkartell Opec um Hilfe bat, hat der weltgrößte Ölkonzern Saudi Aramco seine Kooperation mit China intensiviert: Die Aramco-Tochter SAAC werde mit dem chinesischen Staatsölkonzern Sinopec Raffinerien und Petrochemiefabriken in China und Saudi-Arabien ausbauen.

Das kündigte Aramco am Dienstag im Hauptquartier im saudischen Dhahran an, nur wenige Stunden vor der Verkündung des amerikanischen Aus für russisches Öl. Aramco gehe es um seine „Expansionsstrategie in Asien“, sagte Mohammed Al Qahtani, Aramcos Senior Vice President of Downstream.

Saudi-Arabien führt als weltgrößter Ölexporteur die Opec an und hatte zusammen mit Russland auf dem Höhepunkt der Coronakrise die „Opec plus“-Gruppe gegründet, um durch gemeinsame Förderbegrenzungen den in der Coronakrise stark gefallenen Ölpreis zu stabilisieren.

„Die Amerikaner haben dem Opec-plus-Block auf dem Höhepunkt der Coronakrise geholfen, dass ihre Bemühungen zum Stabilisieren des Ölpreises gefruchtet haben“, sagte Energieexperte Christof Rühl dem Handelsblatt. Nun müsse die Opec den USA helfen.

Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait hätten genug freie Förderkapazitäten, um in der aktuellen Lage durch Ausweitung ihrer Ölförderung „Mengen und Preis zu stabilisieren“, so Rühl. Bisher hatten die Opec-plus-Staaten zugesagt, täglich 400.000 Fass mehr auf den Markt zu bringen, das aber nicht umgesetzt.

„Bisher war Opec plus nur ein Lift nach oben“, sagte Rühl, aber das würden die USA nicht länger zulassen. Weltweit gebe es 1,5 Milliarden Barrel Rohöl in strategischen Ölreserven – genug, um 1500 Tage lang täglich eine Million Fass Öl auf den Markt zu bringen. „Eine Mischung aus Auflösung strategischer Ölreserven und Fördermengenerhöhung“, sieht Rühl als Lösung für eine schnelle Normalisierung der Ölpreiskrise.

Auch Venezuela könnte in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen. Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro hat Interesse an verbesserten Beziehungen zu den USA signalisiert.

Der Westen sucht nach neuen Rohöl-Lieferanten.

Foto: Bloomberg via Getty Images

Ein Boykott der USA dürfte Schätzungen der Investmentbank RBC Capital Markets zufolge zwischen drei und vier Millionen Barrel pro Tag an Öl und Ölprodukten vom Markt entfernen – selbst wenn Europa weiter Rohstoffe aus Russland einführt. Das prognostizierte Wachstum der US-Schieferölindustrie dürfte nicht ausreichen, um diese Menge zu kompensieren: RBC Capital Markets geht davon aus, dass die US-Ölproduktion in diesem Jahr um rund durchschnittlich 1,3 Millionen Barrel pro Tag wächst.

Weitere zwei Millionen Barrel pro Tag könnten gewonnen werden, wenn die Ölexportstaaten der Opec ihre Reservekapazitäten hochfahren. Eine Rückkehr des Iran auf den Ölmarkt könnte den Berechnungen zufolge eine weitere Million Barrel pro Tag bringen – und Venezuela könnte maximal 600.000 Barrel pro Tag liefern. Zusammen wären das fast fünf Millionen Fass pro Tag – und in der Theorie genug, um die russischen Importe zu kompensieren.

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Praktisch ist das jedoch nur schwer umsetzbar, sagt Helima Croft, Rohstoffexpertin bei RBC: Denn Russland ist ebenfalls Teil des erweiterten Opec-plus-Verbundes.

Auch ein neues Atom-Abkommen mit dem Iran bringt keine sofortige Entlastung: „Selbst wenn ein neuer Iran-Deal morgen vereinbart wird, müsste der Iran erst seine Fortschritte im Atomprogramm zurücknehmen und die IAEA müsste das überprüfen“, so Croft: „Und das dauert Monate.“

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