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Ukraine Poroschenko bleibt im Wahlkampf nur noch die Hoffnung auf den „Lucky Punch“

Im ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf kann der Amtsinhaber kaum punkten. Denn Petro Poroschenko und Wladimir Selenski treffen kaum aufeinander.
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Der Präsident der Ukraine begrüßt seine Anhänger im Kiewer Olympiastadion. Quelle: dpa
Petro Poroschenko

Der Präsident der Ukraine begrüßt seine Anhänger im Kiewer Olympiastadion.

(Foto: dpa)

MoskauZumindest das Team des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko hatte sich akribisch vorbereitet auf das groß angekündigte Duell zwischen dem Amtsinhaber und seinem Herausforderer Wladimir Selenski im Kiewer Olympiastadion. Die Bühne ist in den weiß-violetten Farben des Poroschenko-Blocks gestaltet, in großen Lettern der Wahlslogan des Präsidenten „Wir gehen unseren Weg“ aufgemalt. Über die Bildschirme flackert das Konterfei Poroschenkos – verziert mit einer E-Gitarre, einer Punk-Frisur und einer Dreizack-Tätowierung (Wahrzeichen der Ukraine) am Hals.

Poroschenko selbst betritt die Bühne, als die ukrainische Rockgruppe „Ot Vinta!“ gerade die Schwierigkeiten auf dem Weg zur goldenen Zukunft und die Notwendigkeit eines zuverlässigen Freundes auf ebendiesem Weg besingt.

Mit diesem Freund konnte natürlich nur Poroschenko gemeint sein. Der ganze Auftritt soll dem 53-Jährigen ein zugleich starkes, aber auch jugendlicheres Image verschaffen. Gerade bei jüngeren Wählern ist Poroschenko in der ersten Runde der ukrainischen Präsidentschaftswahl durchgefallen.

Dass er sein Ergebnis in Runde zwei wesentlich verbessert, ist aber unwahrscheinlich. Umfragen sehen den Herausforderer Selenski seinen Vorsprung nur noch weiter ausbauen. In der ersten Runde sammelte der 41-jährige Showman gut 30 Prozent der Stimmen, Poroschenko kam auf knapp 16 Prozent.

In der Stichwahl jedoch wollen 60,8 Prozent derjenigen, die eigenen Angaben nach die Absicht haben, wählen zu gehen, für Selenski stimmen und nur 24,4 Prozent für Poroschenko. Damit muss der Amtsinhaber bis zum Wahltag nicht nur die restlichen Unentschiedenen auf seine Seite ziehen, sondern auch noch zwölf Prozentpunkte aus dem Selenski-Lager – ein fast aussichtsloses Unterfangen.

Im Boxen bräuchte Poroschenko so etwas wie den „Lucky Punch“, einen Schlag, der seinen Gegner augenblicklich auf die Bretter schickt. Und Poroschenko versucht im Kiewer Olympiastadion alles. Er ist in Angriffslaune, wirft seinem Gegner Feigheit und Schwäche vor. Dieser sei eine Marionette des Bankiers Ihor Kolomoisky.

Kolomoisky ist einer der dubiosesten Oligarchen der Ukraine, der daneben noch den Schweizer und israelischen Pass besitzt. Den meisten Ukrainern ist er verhasst. Schon seit Monaten versuchen daher Selenskis Gegner, dessen Geschäftsbeziehungen zu Kolomoisky – Selenskis Show wird auf dem TV-Sender des Oligarchen ausgestrahlt – zu nutzen, um den Kandidaten anzugehen. Bislang ist die Kampagne aber erfolglos.

Auch der zweite seit Wochen vorgetragene Angriff verfängt nur schlecht. Immerhin: Am Sonntag gesteht Poroschenko seinem Opponenten zu, kein Agent des Kremls zu sein. Aber er sei zu schwach, um dem Einfluss Russlands zu widerstehen, fügt er hinzu.

Selenskis clevere Strategie

Darum laute die Frage bei der Stichwahl Poroschenko oder Putin, so der Amtsinhaber vor Tausenden Zuschauern, die seine Rede begeistert beklatschen. Derweil verbreiten Leute aus dem PR-Team Poroschenkos Gerüchte, wonach Selenski drogenabhängig sein soll.

Das Problem: Selenski ist an diesem Sonntag gar nicht da. Die beiden Kontrahenten können sich nicht einmal über das Datum der Debatte einigen, Poroschenko wählte den Sonntag, Selenski wird erst am Freitag – also zwei Tage vor der Wahl – im Stadion auftreten. Und so wird das angekündigte Rededuell zum Monolog des Präsidenten. Eine Farce.

Das mag Poroschenko nicht ganz zu Unrecht als feige bezeichnen. Es ist aber zugleich auch eine clevere Strategie. Denn Selenski bietet sich für die Ukrainer als Projektionsfläche ihrer Wünsche und Hoffnungen an. Er ist unbekannt, aber auch unverbraucht. Er ist unerfahren, aber eben auch nicht im Korruptionssumpf der ukrainischen Politik versunken. Er verspricht neue Ansätze in der Politik, lässt aber zugleich offen, wo er hin will. Jede feste Aussage im Wahlkampf würde ihn wohl Wählerstimmen kosten, muss er doch mit Grundsatzentscheidungen zwangsläufig einen Teil seiner Wählerschaft enttäuschen.

Und so lässt er sich von Poroschenko nicht festnageln. Auch nicht an diesem Sonntag im Kiewer Olympiastadion. Der Schauspieler antwortet einen Tag später mit einem Video über die sozialen Netzwerke: Poroschenko solle aufhören, ihm ständig hinterherzulaufen, und sich stattdessen darum kümmern, Leute wie Oleg Swinartschuk hinter Gitter zu bringen.

Swinartschuk, bis März Vizechef des nationalen Sicherheitsrats, ist eine der wichtigsten Figuren in einem Korruptionsskandal um die ukrainische Armee. Wichtiges Militärgerät wurde trotz des Konflikts mit Russland dort angekauft und dann auch noch zu massiv überhöhten Preisen.

Der Korruptionsskandal kurz vor der Wahl hat Poroschenko bei den eigenen Anhängern massiv Vertrauen gekostet. Und Selenski schlägt bewusst auf ebendiese Stelle. Nicht im direkten Rededuell, wo er Unsicherheiten aufweist, sondern mithilfe viraler Videos in den sozialen Netzwerken. Dort ist er Profi. Und die Strategie scheint aufzugehen, denn jeder Tag ohne eigenen Fauxpas bringt Selenski der Präsidentschaft näher.

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