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Umstrittene Waffenlieferung Russisches Raketensystem: Die Türkei provoziert ein Wettrüsten am Mittelmeer

Am Sonntag soll die Türkei ein modernes Waffensystem aus Russland erhalten. Es drohen US-Sanktionen – und ein militärischer Wettlauf am Mittelmeer.
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Der türkische Präsident geht mit dem Raketen-Kauf auf Konfrontationskurs mit den USA. Quelle: AFP
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident geht mit dem Raketen-Kauf auf Konfrontationskurs mit den USA.

(Foto: AFP)

Istanbul„Es geht nicht darum, ob wir die russischen Waffen kaufen oder nicht“, sagte Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen Wochen regelmäßig. „Der Deal ist längst abgeschlossen.“ In dieser Woche wurde bekannt: Die Raketen aus Russland kommen. Die Türkei, Nato-Partner und jahrzehntelang im westlichen Verteidigungsbündnis eingegliedert, könnte damit die gesamte Region destabilisieren.

Am Sonntag soll die erste Batterie S400-Raketen geliefert werden. Sie besteht aus acht Lkw mit je vier Raketenköpfen, außerdem zwei Radareinheiten und einem Generatorfahrzeug für den Strom. Im Herbst wird die Lieferung einer weiteren Batterie erwartet, für Anfang 2020 sind noch einmal zwei Batterien bestellt. Kosten: 2,5 Milliarden US-Dollar.

Das Gerät werde am Sonntag auf einem russischen Militärstützpunkt in Frachtflugzeuge verladen, berichtet der Sender Habertürk. Russische Techniker, die die Installation der Systeme überwachen sollten, würden am Montag in der Türkei erwartet.

Die USA haben dem Nato-Partner Türkei Sanktionen angedroht, sobald die S-400-Batterien dort eintreffen. Die Regierung in Washington befürchtet, dass Russland über das S-400-System Zugang zu geheimen technischen Daten des modernen US-Kampfjets F-35 erhalten könnte, sollte einer der Maschinen von den Batterien per Radar erfasst werden. Die USA wollen der Türkei daher entgegen früheren Plänen keine F-35 liefern.

Ein anderer Umstand hat für die Amerikaner jedoch deutlich weitreichendere Auswirkungen. Jahrzehnte beherrschten die USA mit den Patriot-Flugabwehrraketen beinahe weltweit den Luftraum. Doch mit den S400-Raketen ist es äußerst leicht geworden, selbst getarnte Kampfflugzeuge zu erfassen und abzuschießen. Die Technologie wird unter Experten als deutlich fortschrittlicher eingeschätzt.

Für die Russen ist das S400-System ein Verkaufsschlager, für die USA ein Albtraum. Wenn die Türkei die Raketen erhält, verlieren die Amerikaner teilweise die Lufthoheit über das östliche Mittelmeer. Was das bedeutet, zeigte sich im Syrienkrieg. Eine einzige Batterie unter Kontrolle der Russen hatte mehrere Jahre lang dazu geführt, dass westliche Jets den syrischen Luftraum nicht mehr beherrschen konnten.

Wettrüsten am Mittelmeer

Die Türkei intensiviert seit Tagen ihre Versuche, diese Sorgen zu zerstreuen. Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte am Donnerstag, das System werde nur im Notfall eingesetzt. „Warum sollten die S-400 aus heiterem Himmel angeschaltet werden? Dafür sind die Kosten zu hoch. Wir haben sie nicht gekauft, um sie als Spielzeug zu verwenden.“ In der Zeitung „Cumhuriyet“ hieß es zuvor, die S-400 werde mit einem unabhängigen Radar arbeiten und nicht mit anderen Systemen vernetzt.

Klar ist: Mit den russischen Waffen könnte Ankara Militäreinheiten und zivile Fahrzeige andere Länder angreifen - oder zumindest bedrohen. Die Region der Levante könnte destabilisiert werden. Es droht ein Wettrüsten.

Die S400-Raketen kommen mit einigen Vorteilen gegenüber dem amerikanischen Patriot-System. Die Reichweite ist höher, außerdem können S400-Raketen auch Flugobjekte in einer Höhe von nur fünf Metern aufspüren und ansteuern. Aber auch Objekte in großer Höhe – wie etwa Awacs-Radarflugzeuge der Nato – sind vor den S400-Raketen nicht sicher.

„Wir produzieren nach den technischen Charakteristiken bessere und billigere (Systeme) als die vergleichbaren europäischen und amerikanischen“, erklärte der Chef des russischen Rüstungskonzerns Rostec, Sergei Tschemesow. „Deswegen machen die Amerikaner alles, was sie können, um uns herauszudrängen und uns den Zugang zu Märkten zu versperren, in denen sie sich immer wohl gefühlt haben.“ Auch Ägypten, der Irak, Saudi-Arabien sowie Katar und Sudan sollen an den System interessiert sein. China hat bereits Raketen erhalten.

Aus Sicht der Türkei gibt es mehrere Gründe, eine Nato-unabhängige Raketenabwehr aufzustellen. Da ist einmal Griechenland, einerseits Nato-Partner, andererseits der Türken liebster Feind. Athen hat zuletzt selbst seine Präsenz im Mittelmeer verstärkt: militärisch mit Unterstützung der USA; und mit Bohrungen nach Erdgas rund um die Insel Zypern.

Die Türkei wiederum will das nicht zulassen. Mit einer schlagkräftigen Raketenabwehr könnte Ankara theoretisch eine Art Verbotszone einrichten, indem sie jedem mit dem Einsatz der Waffe droht, der sich ihr nähert. Das könnte dann auch für Bohrschiffe gelten, die in umstrittenen Gewässern unterwegs sind.

Neben der nackten Interessenpolitik dürfte die Regierung Erdogan aber schon alleine aus Trotz dazu veranlasst sein, die russischen Raketen zu kaufen. In Ankara ist man immer noch verärgert darüber, dass Washington den mutmaßlichen Drahtzieher eines Putschversuches nicht ausliefert. Hinzu kommt, dass die USA in Syrien mit der YPG eine Gruppe unterstützt, die organisch zur PKK gehört und in der Türkei, Europa und eigentlich auch in den USA als Terrororganisation eingestuft wird.

Außerdem sind in den vergangenen Jahren Diskussionen entstanden, ob Nato-Partner wie Deutschland noch Waffen in die Türkei exportieren sollen. Als das syrische Militär 2013 einen türkischen Militärjet abschoss, schickten Nato-Partner wie die USA, Spanien, Italien und Deutschland zwar Patriot-Raketen, jedoch nicht in die direkte Nähe der türkisch-syrischen Grenze. Derzeit haben Spanien und Italien Patriot-Raketen auf zwei Nato-Stützpunkten in der Türkei stationiert.

Selbst kaufen durfte die Türkei solche Raketen nie. Das Land fühlte sich daher auch innerhalb der Nato lange nicht wie ein vollwertiger Verbündeter. In der Türkei, wo das Militär einen hohen Stellenwert genießt, werden solche Debatten mit äußerstem Argwohn betrachtet. Es geht den Türken daher auch darum, dem Westen zu zeigen, dass sie sich unabhängig verteidigen können. Das klingt trotzig – ist es auch.

Bohrschiffe unter Beobachtung

Längst ist derweil eine Debatte darüber entbrannt, wo die ersten S400-Raketen aufgestellt werden könnten: Medienberichten zufolge gleich auf Nordzypern, wo sie in unmittelbarer Reichweite der Bohrschiffe der anderen Staaten wären.

Wahrscheinlicher ist aber, dass sie in der Hauptstadt Ankara stationiert werden. Auch von dort würde die Reichweite der Raketen die gesamte Westtürkei bis zur griechischen Grenzen abdecken. Außerdem Teile der türkisch-syrischen Grenze - und ebenfalls Nordzypern.

Der Nationale Sicherheitsrat, ein Gremium von Militär, Sicherheitsdiensten und den wichtigsten Ministern unter der Leitung Erdogans, erklärte daher im Mai: „Die Türkei wird ihre Aktivitäten im östlichen Mittelmeer fortführen und keine vollendeten Tatsachen akzeptieren.“ Eine unverhohlene Drohung, dass die Türkei ihre Interessen notfalls mit Militärgewalt durchsetzen will.

Schon jetzt werden Bohrschiffe, die im Auftrag Ankaras nach Gasfeldern suchen sollen, von türkischen Fregatten begleitet. Gut möglich, dass bald auch die neuen Flugabwehrraketen in die Überwachung eingebunden werden, wer sich den türkischen Bohrschiffen nähert.

Was droht, ist ein Wettrüsten im Mittelmeer. Jeder Staat, der dort Interessen hat, dürfte sich an die neue militärische Macht der Türkei anpassen und die eigenen Streitkräfte entsprechend aufrüsten. Auf der griechischen Insel Kreta nutzen schon jetzt die Amerikaner einen Stützpunkt.

An der syrischen Mittelmeerküste stehen die Russen bereit. Ägypten will sich mit aller Macht an der Erdgassuche vor der eigenen Küste beteiligen, genau wie Israel und die Republik Zypern. Denn die Nachfrage, so schätzt die r Unternehmensberatung Accenture Strategy, wird bis 2030 jährlich zwischen 1,6 und zwei Prozent steigen.

Indirekt sind an der Suche nach dem wertvollen Gas auch andere Länder beteiligt. Zypern hat mehrere Konzessionen vergeben, unter anderem an die amerikanische Exxon-Gruppe. Auch Ägypten kooperiert mit internationalen Explorations-Firmen wie Shell. Die Türkei, die keine eigenen Öl- oder Gasquellen besitzt, will das nur ungern ansehen.

Mehr: Die Türkische Zentralbank leitet einen Kurswechsel in der Geldpolitik ein. Analysten reagieren aber weitgehend skeptisch.

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