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UNDP-Chef Achim Steiner „Müssen in Afrika und Asien kohlenstoffarme Energieversorgung aufbauen“

Der einflussreiche Chef des Uno-Entwicklungsprogramms nimmt Industriestaaten beim Klimaschutz in die Pflicht und spricht sich für eine CO2-Bepreisung aus.
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Der 56-Jährige ist der mächtigste Deutsche bei den Vereinten Nationen und kritisiert Industrieländer für ihren sorglosen Umgang beim Klimaschutz. Quelle: picture alliance / Sebastian Pan
Achim Steiner

Der 56-Jährige ist der mächtigste Deutsche bei den Vereinten Nationen und kritisiert Industrieländer für ihren sorglosen Umgang beim Klimaschutz.

(Foto: picture alliance / Sebastian Pan)

Angesichts der Herausforderungen beim Kampf gegen die Erderwärmung mahnt Achim Steiner, Chef des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP, den Fokus beim Kampf gegen den Klimawandel vor allem auf Afrika und asiatische Staaten zu lenken. „Hier geht es nicht um etwas mehr Entwicklungshilfe oder Solidarität“, sagte Steiner dem Handelsblatt. „Auf dem afrikanischen Kontinent werden in den nächsten 40 bis 50 Jahren 1,5 Milliarden Menschen zusätzlich an die Stromversorgung angeschlossen. Wenn wir es in dieser Region und übrigens auch in Asien nicht schaffen, eine kohlenstoffarme Energieversorgung aufzubauen, dann ist die Hoffnung, mit dem Pariser Klimaabkommen global handlungsfähig zu blieben, sehr zu hinterfragen.“

Steiner, der zuvor zehn Jahre lang Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen war, forderte die Industrieländer auf, „mit gutem Beispiel voranzugehen – und mit kluger Politik dafür zu sorgen, dass langfristige Ziele nicht von kurzfristigen Herausforderungen untergraben werden.“ Damit kritisierte der Diplomat indirekt, dass Deutschland der gerade stattfindenden Klimakonferenz in Kattowitz keinen konkreten Kohleausstiegsplan präsentiert hat.

Zur Debatte um eine Bepreisung des klimaschädlichen CO2 sagte er, er halte es für unabdingbar, dass das Thema mit allen Vor- und Nachteilen stärker in der Öffentlichkeit diskutiert werde. „Deutschland hat eine klimapolitische Verantwortung – die aber ohne das Verständnis der Menschen nicht umsetzbar ist.“ Das vollständige Interview lesen Sie hier.

Herr Steiner, beim Kampf gegen den Klimawandel ist die Welt auf gemeinsames Handeln angewiesen, aber um den Multilateralismus ist es derzeit eher nicht gut bestellt. Wird Kattowitz trotzdem ein Erfolg?
Es stimmt, man kann die gegenwärtige Entwicklung sehr skeptisch sehen, aber trotz der ganzen Wirren im internationalen Umfeld ist auf dem G20-Gipfel in Buenos Aires gerade deutlich geworden, dass der überragende Teil der Staatengemeinschaft weiterhin voll zum Pariser Klimaabkommen steht. Ich will die Schwierigkeiten nicht kleinreden, aber selbst vor dem Hintergrund, dass sich die US-Regierung faktisch aus dem Abkommen verabschiedet, geht das Ringen um mehr Klimaschutz weiter.

Das Pariser Abkommen soll die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzen. Bislang ist die Welt aber weit davon entfernt. Wie werden die Staaten ambitionierter?
Das Signal, dass die Weltwirtschaft von morgen kohlenstoffarm sein wird, hat in der Tat seit Paris etwas an Deutlichkeit verloren. Die Zweifel sind wieder etwas größer geworden, die Unsicherheit auch. Es wäre vor allem für die Wirtschaft enorm wichtig, dass Kattowitz klare Zeichen setzt, dass alle künftigen Investitionen in eine fossilfreie Wirtschaft gelenkt werden müssen.

Die globalen Emissionen steigen aber. Und die Aussichten sind düster. Die Weltbevölkerung wächst, der Energiebedarf steigt.
Das ist die große Herausforderung, der sich unsere Generation stellen muss. Unser Problem ist ja heute nicht mehr die Technologie, nicht die Wirtschaftlichkeit, zumindest nicht auf lange Sicht. Uns rennt aber die Zeit davon.

Was wäre die Lösung?
In Paris ist es gelungen, eine globale Antwort auf den Klimawandel zu finden. Das darf man nicht kleinreden. Nur: Das Abkommen muss jetzt konsequent umgesetzt werden. Und zwar nicht über Einzelmaßnahmen, die allesamt wichtig sind, aber unterm Strich zu wenig Einsparungen bringen. Es geht jetzt um schnelle gesamtwirtschaftliche Ansätze.

Was meinen Sie damit?
Nehmen Sie Afrika. Hier geht es nicht um etwas mehr Entwicklungshilfe oder Solidarität. Hier geht es um Milliardeninvestitionen auch aus geopolitischem Interesse. Auf dem afrikanischen Kontinent werden in den nächsten 40 bis 50 Jahren 1,5 Milliarden Menschen zusätzlich an die Stromversorgung angeschlossen. Wenn wir es in dieser Region und übrigens auch in Asien nicht schaffen, eine kohlenstoffarme Energieversorgung aufzubauen, dann ist die Hoffnung, mit dem Pariser Klimaabkommen global handlungsfähig zu bleiben, sehr zu hinterfragen.

Das Beispiel Deutschland zeigt, wie schwer sich die Welt tut: keine Entscheidung beim Kohleausstieg, eine zögerliche Verkehrswende, und Berlin bremst auf EU-Ebene ...
Die Erderwärmung, das vergessen wir leider oft, hat ja vor allem in den Industrieländern ihren Ursprung. Vor diesem Hintergrund den Entwicklungsländern größere Opfer abzuverlangen, als wir selber in einer viel bequemeren wirtschaftlichen Situation nicht zu leisten vermögen, ist natürlich nicht vertretbar. Wir sollten zudem anerkennen, dass inzwischen viele Entwicklungs- und Schwellenländer intensiv daran arbeiten, ihre Emissionen zu senken.

Es ist also ein Fehler, dass Deutschland in Kattowitz keinen Kohleausstiegsplan vorlegt?
Ich will es nicht als Fehler bewerten. Deutschland ist in den vergangenen 15 Jahren klimapolitisch sehr aktiv gewesen. Dass unsere Stromerzeugung heute zu 35 Prozent mit erneuerbaren Energien geleistet wird, ist ein wichtiger Durchbruch. Und hat im Übrigen auch dazu geführt, dass in anderen Ländern die Stromversorgung mit erneuerbaren Energien gestiegen ist. Das darf jetzt aber nicht dazu führen, dass Deutschland seine eigenen Klimaziele verfehlt. Alle Industrieländer müssen mit gutem Beispiel vorangehen – und mit kluger Politik dafür sorgen, dass langfristige Ziele nicht von kurzfristigen Herausforderungen untergraben werden.

Sollte sich Berlin für einen CO2-Preis über alle Sektoren einsetzen, um die fossilen Energien schneller aus dem Markt zu drängen?
Lassen Sie es mich so beantworten: Wirtschafts- und Klimaexperten sind sich einig, dass eine CO2-Bepreisung das effizienteste Instrument wäre, um eine kohlenstoffarme Wirtschaft zu beschleunigen. Das ist die Theorie. In der Praxis ist es aber in vielen Ländern bislang schwierig, diesen Ansatz politisch umzusetzen. Genau daran müssen wir in den nächsten Jahren arbeiten. Es geht allerdings nicht nur darum, den Menschen mehr Steuern aufzuerlegen.

Was schlagen Sie vor?
Es geht um eine Umschichtung des gesamten Steuer- und Abgabensystems – mit dem Signal, eine fossilfreie Volkswirtschaft zu fördern. Man könnte im Gegenzug die Einkommensteuer senken oder die Mehrwertsteuer. Der Steuerzahler muss am Ende nicht schlechter dastehen.

Deutschland könnte also mutiger sein?
Ich kann als Vertreter der Vereinten Nationen keinem Land vorschreiben, wie es seine nationale Politik gestaltet. Aber ich halte es für unabdingbar, dass das Thema mit allen Vor- und Nachteilen stärker in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Deutschland hat eine klimapolitische Verantwortung – die aber ohne das Verständnis der Menschen nicht umsetzbar ist.

Leisten die Industrieländer finanziell genug, um den Entwicklungsländern bei der Anpassung an den Klimawandel zu helfen?
Die zugesagten 100 Milliarden US-Dollar ab 2020 sind im Augenblick noch nicht erkennbar, das ist eine große Herausforderung und ein Problem: Wenn die Entwicklungsländer den Eindruck haben, dass dieses Versprechen nicht eingelöst wird, dann entfällt zumindest eine Grundlage für den Konsens, der zu Paris geführt hat. Die Aufstockung von Deutschland am Montag um 1,5 Milliarden Euro für den Green Climate Fund ist da ein gutes Zeichen.

Die UNDP-Initiative Nature4Climate soll den Fokus darauf lenken, etwa per Aufforstung Emissionen zu senken. Wie viel Emissionen könnten auf diese Weise gebunden werden?
Bis zu ein Drittel der CO2-Emissionen – was dem jährlichen CO2-Ausstoß von 2 800 Kohlekraftwerken entspricht. Daher sollten wir uns viel stärker mit den Potenzialen befassen, die uns die Natur bietet. Die Weltwirtschaft muss bis zur Mitte des Jahrhunderts das Ziel Netto-null-Emissionen für CO2 erreichen. Das heißt, alle Emissionen, die dann noch ausgestoßen werden, müssen entweder über unsere Ökosysteme gebunden oder mit erheblichem technischem Aufwand und hohen Kosten aus der Atmosphäre herausgezogen werden.

Wie geht es in Brasilien mit dem neu gewählten Präsidenten weiter?
Dass sich in einem Land neue Politikverhältnisse ergeben, ändert nichts an der Tatsache, dass wir immer noch eine Welt von 191 anderen Nationen haben, in denen der Klimaschutz weitergeht. Bei Brasilien, bislang eines der zentralen Länder für den Klimaschutz, droht jetzt eine Phase der Unsicherheit, was natürlich ein Rückschritt wäre.

Braucht es mehr Verbote, um beim Klimaschutz voranzukommen, etwa ein Plastikverbot?
Wir haben in der Klimapolitik in den vergangenen Jahren lernen müssen, dass Verbote sich nur sehr schwer als internationales Instrument für den Klimaschutz eignen. Auch das Paris-Abkommen basiert auf national freiwilligen Klimaplänen, nicht auf rechtlich verbindlichen Zusagen. Was mich aber optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass sich Politiker letztlich vor ihrer eigenen Bevölkerung rechtfertigen müssen. Das ist auch die Stärke der Klimakonferenzen: der Verhandlungsprozess ist zäh, aber dass die Vereinten Nationen jedes Jahr die Staatengemeinschaft an einen Tisch bringen, die dann erklären muss, dass sie entweder bereit ist zu handeln oder nicht, das führt dazu, dass sich die Weltöffentlichkeit diesem Thema Jahr für Jahr stärker zuwendet. Das Risiko einer durch Dürren, Überschwemmungen und Meeresspiegelanstieg gezeichneten Zukunft wird immer realer und halten immer weniger Menschen für vertretbar.

Herr Steiner, vielen Dank für das Interview.

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