Autobahnbrücke in Genua eingestürzt

Für die Brücke aus dem Jahr 1967 hätte längst eine Entlastungsstrecke gebaut werden können.

(Foto: dpa)

Unglück von Genua Italienischer Innenminister gibt Betreiber Schuld am Brücken-Einsturz

Das private Autobahnsystem in Italien ist marode. Doch Innenminister Salvini weist jede Schuld von sich und wettert stattdessen gegen den Betreiber und die EU.
Update: 15.08.2018 - 17:58 Uhr Kommentieren

RomSchuld an dem Unglück sind die Betreiber, da ist sich die Regierung in Rom einig. Vizepremier Luigi Di Maio gab am Mittwoch in Genua den Ton vor: „Autostrade musste die Wartungen machen und hat das nicht getan. Als Erstes muss das Management zurücktreten.“ Und der zweite Vizepremier, Matteo Salvini, sagte bereits am Dienstag, es sei das Minimum, den Betreibern der betroffenen A10 die Lizenz zu entziehen.

„Den Unternehmen, die unsere Autobahnen verwalten, erstatten wir die teuersten Mautgebühren in Europa, während sie Konzessionen zu unverschämten Preisen zahlen. Sie kassieren Milliarden, zahlen wenige Millionen an Steuern und machen noch nicht mal die notwendigen Wartungsarbeiten“, schimpfte Verkehrsminister Danilo Toninelli auf Facebook.

Die Regierung leite nun ein Verfahren für den Widerruf der staatlichen Konzessionen ein und überlege, Strafen bis zu 150 Millionen Euro zu verhängen, so der Minister. „Wenn sie nicht in der Lage sind, unsere Autobahnen zu verwalten, wird das der Staat tun.“

42 Tote und 16 Schwerverletzte – das ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft die vorläufige Bilanz des Einsturzes der Autobahnbrücke am Dienstagmittag im Stadtgebiet von Genua. Bei starkem Regen und einem Gewitter war die Hochbrücke aus den 60er-Jahren plötzlich zusammengefallen. In den Trümmern wird weiter nach Überlebenden gesucht. Es werde erwartet, dass die Zahlen weiter steigen, sagte Regionalpräsident Giovanni Toti nach einem Besuch bei Verletzten zusammen mit Premier Giuseppe Conte. Die italienische Regierung will eine nationale Staatstrauer ausrufen.

Das börsennotierte Unternehmen Autostrade per l’Italia, das von Atlantia kontrolliert wird, hinter dem die Familie Benetton steckt, weist die Beschuldigungen der Regierung zurück. Man habe die Brücke vierteljährlich nach den gesetzlichen Vorgaben kontrolliert und weitere Prüfungen vorgenommen, teilte das Unternehmen schriftlich mit.

Das Ergebnis dieser Kontrollen zum Zustand der Brücke in Genua sei Basis für das von der Regierung abgesegnete Wartungs- und Unterhaltungsprogramm gewesen. In den nächsten Tagen will das Management zu einer Krisensitzung zusammenkommen, hieß es am Mittwoch. „Ich habe keinen Hinweis dafür, dass die Brücke gefährlich war und geschlossen werden musste“, sagte CEO Giovanni Castellucci am Mittag im Radio.

Austrostrade per l’Italia ist der größte der 24 Autobahnbetreiber in Italien und für 3020 Kilometer des insgesamt 5700 Kilometer langen kostenpflichtigen Autobahnnetzes zuständig, das 1999 privatisiert wurde. Es ist ein Flickwerk der Zuständigkeiten. Sieben Cent pro Kilometer muss man in Italien zahlen, eine Vignette wie in der Schweiz oder in Österreich gibt es nicht. Die Maut wird zur Finanzierung und zum Erhalt der Infrastruktur verwendet.

Die mit heftigen Worten ausgetragene Polemik über Verantwortung, Schuld und die möglichen Ursachen des Unglücks überdeckt, dass seit Jahren vor den Gefahren einer maroden Infrastruktur gewarnt wird.

„Genua ist kein Einzelfall“ – Italiens Infrastruktur ist marode ohne Ende

Die meisten Straßenbrücken hätten ihre ursprüngliche Nutzungsdauer von 50 Jahren längst überschritten, teilte das Institut für Bautechnik des Nationalen Forschungsrats CNR mit. „Zehntausende von Brücken in Italien haben heute ihre Lebensdauer überschritten, für die sie entworfen und gebaut wurden.“ Um Unglücke wie in Genua zu vermeiden, sei ein „Marshallplan“ für die Verkehrsinfrastruktur Italiens notwendig, erklären die Experten.

Aber die neue, populistische Koalitionsregierung der Fünf Sterne und der Lega hat andere Prioritäten als die Verbesserung der Infrastruktur, die italienische Unternehmer schon lange anmahnen. Im Koalitionsvertrag ist die Verkehrspolitik ein Stiefkind. Und alle großen Infrastrukturprojekte wie die Hochgeschwindigkeitstrasse Lyon-Turin liegen auf Eis. Der Grund ist offensichtlich: Wähler der beiden Parteien gehören zu denen, die gegen die Projekte protestieren.

Zentrale Verbindungsstraße nach Südfrankreich fällt aus

In Genua hätte längst eine Entlastungsstrecke für die Brücke aus dem Jahr 1967 gebaut werden können, auf der täglich 25.000 Lastwagen gezählt wurden. Aber vor allem die Bewegung Fünf Sterne ist dagegen.

Zur Trauer kommt ein logistisches Problem: Eine der wichtigsten Verkehrsadern in Italien und Europa ist für längere Zeit unterbrochen, und die Stadt Genua ist praktisch in zwei Teile geteilt. Die Brücke soll abgerissen werden. Das werde „schwerwiegende Auswirkungen“ auf den Verkehr haben, erklärte der stellvertretende Verkehrsminister Edoardo Rixi.

Die betroffene A10 entlang der Riviera ist die zentrale Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei und bekannt als „Autostrada dei Fiori“. Der ADAC teilte am Mittwoch mit: „Genua ist ein Knotenpunkt, somit reißt die Unterbrechung dieses Abschnitts ein Riesenloch in den Verkehr.“

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