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US-Arbeitsmarkt Hoffnungen zu verkaufen

Früher verkloppten sie Autos oder Apartments, heute eben neue Jobs: Immer mehr US-Firmen locken Arbeitslose auf Jobmessen. Die versprechen viel mehr, als sie halten.
Wer in den USA noch einen Job hat, der liebt ihn nun umso mehr. Quelle: Reuters

Wer in den USA noch einen Job hat, der liebt ihn nun umso mehr.

(Foto: Reuters)

FREMONT. Der Busfahrer der Linie 232 kennt seine Pappenheimer. „Springen Sie rein, Sie wollen bestimmt zur Jobbörse. Ich komme da vorbei.“ Aus dem Augenwinkel erkennt der fixe Kerl, wohin es seine Fahrgäste weht: „Üblicherweise tragen die bei mir im Bus immer Trainingsanzüge. Aber heute haben sie sich in ihre besten Klamotten geschmissen – für die Jobsuche.“

Der Mann hat recht. Kaum spuckt sein Bus die Fahrgäste vor dem Campus der DeVry University in Fremont aus, schon kreuzen Angestellte der Firma „Dominion Enterprises“ ihren Weg. Sie tragen T-Shirts mit der optimistischen Zielvorgabe ihrer Bosse: „10000 Jobs!“ So viele wollen sie in der Bay Area um San Francisco vermitteln. Heute ist Fremont dran, das 210000-Einwohner-Städtchen in Silicon Valley.

Krisen sind Chancen, gerade in Amerika. Steigt die Arbeitslosenquote wegen der Krise in kaum zwei Jahren von unter fünf auf 8,5 Prozent, gibt es reichlich findige Firmen, die die landesweit 13 Millionen Arbeitslosen als Boommarkt entdecken. Neuster Wachstumsmarkt: Jobmessen.

Je mehr, je rentabler. In 250 Städten der USA will Dominion Jobmessen veranstalten. Die Firma hat Erfahrung mit Verkaufen: Früher hat sie Autos und Apartments vermarktet, nun eben Arbeitslose. Janice Davis, General-Sales-Managerin, gibt sich zuversichtlich: „10000 sind kein Problem, 5000 sind schon vermittelt.“

Kein Wunder, die Nachfrage steigt täglich. Fast elf Prozent beträgt die Arbeitslosenquote in Kalifornien, zwei Millionen Bürger suchen einen Job. „Beim unserer Messe in Sacramento warteten über 300 Jobsuchende vor der Tür“, sagt Janice. Ähnliche Schlangenbilder gibt es derzeit fast täglich überall zwischen New York, Kansas City und Los Angeles.

Die Geschäftsidee ist schlicht. Dominion mietet Unigebäude oder Mehrzweckhallen an und bringt dort Jobsuchende und Arbeitgeber für einige Stunden zusammen. Für Arbeitslose ist der Service kostenlos, Arbeitgeber zahlen eine Standgebühr.

„Ein Super-Idee!“ findet das Sheryll in Fremont. „Ich spare viel Zeit und viel Sprit, muss nicht von einem Bewerbungsgespräch zum nächsten gurken, sondern treffe sie hier beisammen.“ Sie ist Ende 20 und mit dicker schwarzer Hornbrille gewappnet. Im September zog sie von Hongkong nach Hayward, Kalifornien. Sie wollte Erfahrungen in der Heimat des Dienstleistungs-Kapitalismus sammeln. Ihren kleinen amerikanischen Traum leben.

Seit Dezember ist sie arbeitslos. Und kassiert seither Absage um Absage.

Auch an diesem Tag in Fremont klappt es nicht. Zwar haben drei Dutzend Firmen Stände in dem kleinen Hörsaal aufgebaut, aber für sie ist nichts dabei. Sie will weder auf ein Schlachtschiff der Marine steigen noch als Campus-Cop an der Stanford-Universität den Colt schwingen. Für Lockheed Martin ist sie ebenso wenig geeignet wie als Truckerin für eine Spedition.

Doch die New York Life zeigt Interesse. Angeblich sucht die Versicherung für die Abteilung „Finanzplanung“ 34 neue Mitarbeiter. Sheryll fragt nach. Gemeint ist ein Klinkenputzer-Job zum Mindestlohn: an der Haustür Policen verkloppen. „Das ist leider nichts für mich“, sagt Sheryll.

Zuvor stand sie wie 100 andere Arbeitsuchende 40 Minuten bei Kaiser Schlange. Die Krankenhauskette gilt als guter Arbeitgeber, der im Gegensatz zu vielen anderen auch Renten und Versicherungsbeiträge für Mitarbeiter zahlt. Doch alle haben sich hinter einer Illusion aufgereiht: Nur eine einzige Stelle hat Kaiser offen: einen Job in der IT-Abteilung, der viel Erfahrung mit Programmieren braucht.

Die Erfahrungen mit den Jobbörsen ähneln sich: In der Krise suchen Firmen kaum Mitarbeiter – und wenn, dann erfahrene. Doch die meisten, die herkommen, sind nur gering qualifiziert – so wie Sheryll.

Wie man sich möglichst clever bewirbt, das ist das Geschäft von Charles Gordon. „Das Schlimmste, was ein Bewerber sagen kann, ist: ,Ich mache alles!' Dann hast du schon verloren.“ Als Gordon aus einer IT-Firma rausgekegelt wurde, machte er sich selbstständig und gründete „Video Profile“. Auf den Jobbörsen bietet er Videos an, auf denen Jobsuchende einen Vorstellungsmonolog für einen virtuellen Arbeitgeber halten können – als Ein-Mann-Werbespots.

Wanida setzt sich vor Gordons Kamera. Das Haar streng gescheitelt und akkurat nach hinten gelegt, herausgeputzt im türkisfarbenen Pulli und mit Perlen an den Ohrläppchen drückt sie ihr Rückgrat durch. Und müht sich zu imponieren: „Ich habe zwölf Jahre Erfahrung im Halbleiter-Geschäft. Ich kann in diesem Bereich alles.“ Das ist er wieder, der Standardfehler. Gordon schreibt ihr einen neuen Text auf den Teleprompter. Und noch einmal das Ganze.

„60 Sekunden kosten nichts“, sagt Gordon. „Wenn wir eine halbe Stunde beraten und immer wieder neu drehen, kostet es 149 Dollar.“ Die Gefilmten können die Aufnahme am Tag danach von der Firmenwebseite herunterladen. Gordons Geschäft läuft schleppend. In Fremont verfängt nicht einmal das Super-Sonderangebot von 50 statt 149 Dollar. „Null Geschäft“, sagt der Firmengründer. „Wenn die wüssten, dass alles Persönliche stärker wirkt als das Papier!“

Extravaganzen kann sich einer wie Jay eben

nicht leisten. Acht Jahre lang war der Endzwanziger TV-Journalist, bis sein Laden verkauft wurde. „Die haben mir nicht mal mein letztes Gehalt gezahlt. Hätte ich nicht gespart, wäre ich obdachlos.“ Das Haus auf wackeligem Kredit musste er verscherbeln, ebenso Auto und Fernseher. Nun steht er hier und wirbt um Studenten, die sich in der DeVry-Uni einschreiben sollen – es ist so schwierig wie Versicherungen an der Haustüre zu verticken. „Sie sind der Erste, der mit mir spricht. Leider haben Sie schon einen Doktortitel.“

Von elf bis 15 Uhr konnte Jay also ungestört das Marktgeschehen sondieren: Militär, Polizei, Versicherungen und IT-Firmen werden pausenlos von Arbeitssuchenden belagert – fast immer vergeblich.

Und sollte ein Gespräch einmal gut verlaufen, heißt das noch gar nichts. „Hier wird gar nichts entschieden! Wir schreiben die Namen auf und laden Bewerber zu mindestens drei Interviews“, sagt barsch der Vertreter von New York Life. Die Firmenvertreter auf der Jobmesse sind nur Lockvögel. Andrea Reyes von der Gemeindepolizei in Santa Clara verhehlt das nicht. „Wer Polizist werden will, muss schon einiges an Qualifikationen mitbringen – die bei solchen Börsen kaum einer hat. Wir drücken den paar Interessenten eine Infobroschüre in die Hand, und wenn sie alle Bedingungen erfüllen, können sie sich melden.“

15.38 Uhr. Die letzte Fahrt der Buslinie 232 führt wieder an der DeVry-Universität vorbei. Seit einer halben Stunde ist die Job-Show zu Ende, 300 Arbeitssuchende sind fort, wie von einem Finanztsunami verschluckt. Mit mitfühlender Neugier beäugt der Fahrer die einzige Dame, die dann doch zusteigt. Er versucht, sie zu trösten. „Hey, ich komme aus Mumbai. Das ist die Hölle! Fast nur unverschämte Reiche und verschämte Arme. Fremont ist doch nur die Vorhölle.“ Und dann lächelt er gequält.

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