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US-Kandidat für Weltbank-Vorsitz sucht Kontakt zu Nicht-Regierungsorganisationen Wolfowitz will auf Kritiker zugehen

Der Kandidat der USA für das Amt des Weltbank-Chefs, Paul Wolfowitz, will auf seine Kritiker zugehen. „Die Position des Weltbank-Präsidenten ist kein Amt der amerikanischen Regierung“, sagte der stellvertretende US-Verteidigungsminister in einem Interview mit dem Handelsblatt (Montagausgabe).
Paul Wolfowitz. Foto: dpa

Paul Wolfowitz. Foto: dpa

HB WASHINGTON. „Da ist es nicht möglich zu führen, ohne Konsens herzustellen.“ Die Suche nach Übereinstimmung gehöre zum „Kern des Jobs eines Weltbank-Chefs“, fügte er hinzu. Sein Angebot der Zusammenarbeit gelte auch ausdrücklich für die Organisationen außerhalb der Regierungen, unterstrich Wolfowitz. NGOs wie „Attac“ oder „Greenpeace“ hatten den Pentagon-Vize wegen seiner Rolle als Befürworter des Irak-Krieges besonders scharf attackiert. „Die NGOs verfügen über eine wichtige Stimme und haben sehr viel beizutragen“, betonte der 61-Jährige. Eine Einladung der NGOs werde er „ganz sicher“ annehmen.

Den Vorwurf, er sei als Architekt der Irak-Invasion nicht für die Leitung einer multilateralen Organisation wie der Weltbank qualifiziert, wies Wolfowitz zurück: „Diese Leute kennen mich nicht. Sie haben sich ihr Urteil zum Teil aus Karikaturen über mich gebildet.“ Im Zentrum stünden für ihn die Verbesserung der wirtschaftlichen Entwicklung, die Bekämpfung der Korruption, die Förderung von Frauen sowie Investitionen in die Ausbildung. „Es gibt nichts Traurigeres als arme Kinder, die zu unglaublichen Löhnen arbeiten, anstelle die Schule zu besuchen“, erklärte Wolfowitz. Den Großteil seiner Aufmerksamkeit werde er Afrika widmen.

Das Interview im Wortlaut:

Handelsblatt: Mister Wolfowitz, nach Ihrer Nominierung zum Weltbank-Präsidenten stehen Sie zum Teil kräftig unter Beschuss. Wie fühlen Sie sich dabei?

Wolfowitz: Ich bin unheimlich eingespannt. Es ist, wie wenn man Wasser aus einem Hydranten trinken würde. Aber ich bin begeistert und nehme die Herausforderung an.

Ihre Kritiker bemängeln, dass ausgerechnet der Chef-Architekt der Irak-Invasion nun einer multilateralen Organisation wie der Weltbank vorstehen soll. Wie gehen Sie damit um?

Diese Leute kennen mich nicht. Sie haben sich ihr Urteil zum Teil aus Karikaturen über mich gebildet. Oder sie stützen sich nur auf die Kontroverse über den Irak-Krieg. Aber ich habe ein sehr breites Spektrum. Ich glaube sehr stark an die Mission der Weltbank, die Menschen aus der Armut zu heben. Das ist ein nobler Auftrag im Interesse der ganzen Welt. Ich freue mich sehr darauf, an diesem Projekt mitarbeiten zu können. Wer mich kennen gelernt hat, weiß, dass der erste Eindruck nicht stimmt.

Werden Sie besondere Anstrengungen unternehmen, um Ihre Kritiker ins Boot zu holen?

Absolut. Die Position des Weltbank-Präsidenten ist kein Amt der amerikanischen Regierung. Es geht um die Leitung einer multinationalen Institution mit mehr als 180 Mitgliedern. Da ist es nicht möglich zu führen, ohne Konsens herzustellen. Ich beziehe das ausdrücklich auch auf die Kooperation mit NGOs, also mit Organisationen, die außerhalb der Regierungen stehen. Die Suche nach Übereinstimmung gehört zum Kern des Jobs eines Weltbank-Chefs.

Gerade die NGOs haben sehr scharf auf Ihre Nominierung reagiert. Wie wollen Sie hier Brücken schlagen?

Ich möchte zunächst einfach nur darum bitten, meine komplette Vita zu berücksichtigen. Als ich 1986 bis 1989 US-Botschafter in Indonesien war, hatte ich den Ruf, über die Regierungsebene hinaus auch den Draht zu NGOs zu pflegen. Ich hatte die indonesischen Machthaber damals gedrängt, dem Aufbau einer zivilen Gesellschaft mehr Raum zu geben. Es wäre ein großer Fehler, nur bei den offiziellen Stellen nach Antworten zu suchen. Die NGOs spielen eine entscheidende Rolle. Sie verfügen über eine wichtige Stimme und haben sehr viel beizutragen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.

Würden Sie NGOs in die Weltbank einladen?

Nicht unbedingt. Aber sie können mich einladen.

Und Sie würden auch kommen?

Ganz sicher.

Einige Leute befürchten, dass Sie die Weltbank durch das Prisma der Sicherheitspolitik betrachten könnten. Ist die Sorge völlig unbegründet?

Da braucht niemand Angst zu haben. In meinem gegenwärtigen Job als stellvertretender amerikanischer Verteidigungsminister muss ich mich natürlich auf Sicherheitsfragen konzentrieren. Viele Dinge, die mich ebenfalls interessieren, kommen dabei zu kurz. Das trifft zum Beispiel auf Indonesien zu, ein bedeutendes Entwicklungsland, das mir sehr am Herzen liegt. Ein bisschen davon konnte ich wiedererwecken, als ich das Land im Januar im Rahmen unserer Tsunami-Hilfe besuchte. Sie können sicher sein: Wenn ich an die Spitze der Weltbank gewählt werde, wird mein Schwerpunkt auf der wirtschaftlichen Entwicklung armer Länder liegen.

Hätte der Aufbau des Iraks und des Nahen Ostens einen besonderen Platz auf Ihrer Prioritätenliste?

Die Weltbank ist eine internationale Institution. Ihr überragendes Ziel ist die Verminderung der Armut über den ganzen Erdball hinweg. Die Geldgeber der Weltbank kommen schließlich aus einer Reihe von Ländern. Zwar hat die Bank sowohl in Afghanistan als auch im Irak einen Auftrag. Aber für Afrika ist die Hilfe der Weltbank absolut unentbehrlich. Ich würde diesem Kontinent einen Großteil meiner Aufmerksamkeit widmen.

Bei welchen Bereichen der Weltbank würden Sie sagen: Hier brauchen wir Kontinuität?

Ich kenne kein Feld, bei dem ich alles umkrempeln würde. Der scheidende Präsident James Wolfensohn hat die Bank auf einen sehr guten Kurs gebracht. Daran möchte ich festhalten. Investitionen in die Ausbildung sind sowohl für die wirtschaftliche Entwicklung als auch für die Verbesserung der Lebensbedingungen entscheidend. Es gibt nichts Traurigeres als arme Kinder, die zu unglaublichen Löhnen arbeiten, anstelle die Schule zu besuchen. Da müssen wir ansetzen. Darüber hinaus glaube ich, dass die Förderung von Frauen ein Schlüsselfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung ist.

Was bleibt noch von der Wolfensohn-Agenda?

Wolfensohn hat die sehr schwierige Aufgabe begonnen, einzelne Regierungen auf Transparenz, Verantwortlichkeit und Korruptions-Bekämpfung festzunageln. Ich habe während meiner Zeit in Indonesien aus erster Hand erfahren, wie viel Schaden für den wirtschaftlichen Fortschritt angerichtet werden kann, auch wenn das Land ansonsten eine relativ gesunde Struktur aufwies. Bei internationalen Umweltfragen spielt die Weltbank übrigens auch eine herausragende Rolle.

Wo hat die Bank den stärksten Innovationsbedarf?

Offen gestanden, ich muss erst noch eine Menge lernen, bevor ich mir ein Urteil über mögliche Neuerungen erlauben kann. Dennoch: Eine der großen Herausforderungen besteht ganz klar in der Frage, in wieweit wir armen Ländern nicht eher mit Zuschüssen anstelle mit Krediten unter die Arme greifen sollten.

Die US-Regierung setzt in ihrer Entwicklungspolitik vor allem auf Zuschüsse, die an gewisse wirtschaftliche und soziale Reformen gekoppelt sind. Wäre das ein Modell für die Weltbank?

Als Präsident der Weltbank vertrete ich alle Anteilseigner und Empfänger und nicht nur die USA. Ich muss erst alle Meinungen einholen, bevor ich darlegen kann, welchen Kurs die Bank einschlagen sollte. Es gibt allerdings eine breite Übereinstimmung, dass wir zumindest bei hoch verschuldeten Ländern über Zuschüsse nachdenken sollten.

Tendieren Sie nicht auch prinzipiell eher zu Zuschüssen?

Allgemein würde ich das so nicht stehen lassen. Es gibt allerdings Fälle, bei denen Zuschüsse das bessere Mittel sind. Ich bin jedoch gegen Extremlösungen: Ich würde nicht so weit gehen wie diejenigen, die die Weltbank aus dem Kreditvergabe-Geschäft völlig ausklinken möchten.

Die Bank verfügt über ein Darlehens-Volumen in Höhe von rund 20 Milliarden Dollar pro Jahr. Kritiker behaupten, das Geld könnte effizienter eingesetzt werden...

Ich kenne keine einzige Organisation, die nicht effizienter gemacht werden könnte. Und wenn ich dazu beitragen kann, dass die Weltbank hier zulegt, wäre das eine gute Sache. Es gibt ja durchaus auch auf internationaler Ebene Lerneffekte: So wurden aus der Finanzkrise in Asien 1997/98 viele Lehren gezogen, und einige Lektionen sind auch umgesetzt worden. Ich habe das sehr genau verfolgt, als ich noch an der Universität tätig war.

Was wäre eine dieser Lehren aus der Asienkrise?

Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass ein reiner Wachstumspfad in die Sackgasse führt, wenn er nicht von einer institutionellen Struktur, Transparenz und Verantwortlichkeit flankiert wird.

Der Meltzer-Report in den USA hat festgestellt, dass 70 Prozent der Weltbank-Kredite außerhalb der reinen Hilfsmaßnahmen in Länder wie China, Brasilien oder Mexiko flossen - allesamt Staaten, die auch auf dem Kapitalmarkt leicht an Geld kommen. Wären die Mittel nicht besser bei den Habenichtsen investiert worden?

Ich höre derzeit eine Vielzahl von Informationen und eine Fülle von Meinungen zu diesen Fragen. Ich bin ja in Kontakt mit den 24 Exekutivdirektoren der Weltbank und den jeweiligen Regierungen. Da kommen unterschiedliche Positionen zusammen, und in jedem Standpunkt steckt ein Stück Wahrheit. Ich muss sehr viel zuhören, bevor ich mir ein Urteil bilden kann.

Der britische Premierminister Tony Blair hat einen umfassenden Schuldenerlass für arme Länder auf seine Fahnen geschrieben und insbesondere für Afrika eine Lanze gebrochen. Könnten Sie dem zustimmen?

Man soll den Wagen nicht vor das Pferd spannen. Afrika ist sehr wichtig. Aber es ist für mich zu früh, bestimmte Vorschläge zu unterstützen. Ich muss ja zuerst meine persönliche Sicht mit den Ideen des Vorstandes der Weltbank abgleichen. Wenn ich bestätigt werde, bin ich ja Sprecher des gesamten Vorstandes.

Eine Frage noch: Sie nehmen jede Woche an einem Abendessen für US-Soldaten teil, die im Irak verwundet wurden. Was hat Sie bei diesen Treffen am meisten beeindruckt?

Ich finde es überwältigend, wie diese Menschen mit Mut und Inspiration die neuen Herausforderungen in ihrem Leben annehmen. Ich erinnere mich besonders an eine junge Helikopter-Pilotin, die bei einem Terror-Angriff beide Beine verlor. Trotz ihres Schicksals hat die Frau eine unglaublich positive Lebenseinstellung. Ich bin diesen Menschen enorm dankbar, was sie für ihr Land und die Welt getan haben.

Das Interview führte Michael Backfisch, Washington

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