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Joe Biden mit Ehefrau Jill

Biden will US-Präsident werden. Sollte er die Wahl gewinnen, wäre er der älteste Politiker, der je den Amtseid geschworen hat.

(Foto: dpa)

US-Wahl 2020 Die Kandidatur von Joe Biden ist riskant – dennoch hat er gute Chancen

Mit Joe Biden steigt ein politisches Schwergewicht ins Rennen um die US-Präsidentschaft ein. Der 76-Jährige sieht Trump als größte Bedrohung für das Land.
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Washington Joe Biden hat in seiner langen Karriere einiges erlebt, doch jetzt will er die größte Herausforderung seines politischen Lebens wagen. „Wenn wir Donald Trump acht Jahre im Weißen Haus geben, wird er den Charakter unserer Nation für immer und unwiderruflich verändern. Ich kann nicht daneben stehen und zuschauen“, teilte der Demokrat und Ex-Vizepräsident unter Obama am Donnerstag per Videobotschaft mit.

Damit erklärte er, nach Monaten der Spekulationen, offiziell seinen Einstieg in das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur. „Wir befinden uns in einer Schlacht um die Seele unserer Nation“, warnte Biden weiter. „Die Grundwerte dieser Nation, unser Ansehen in der Welt, unsere Demokratie – alles, was Amerika ausmacht, steht auf dem Spiel.“

Die USA stimmen im November 2020 über die Präsidentschaft ab, für die US-Demokraten wäre eine zweite Amtszeit Donald Trumps ein Desaster. Die Kränkung der Niederlage von 2016 sitzt noch immer tief, die gescheiterte Kandidatur von Hillary Clinton hat die Partei traumatisiert. Jetzt will sie beweisen, dass Trump nur ein Ausrutscher der Geschichte ist.

Und Biden, der mit Abstand erfahrenste und prominenteste Politiker im überfüllten Kandidatenfeld, gilt in Teilen der Partei als Hoffnungsträger mit den besten Chancen. Biden war acht Jahre lang Barack Obamas Vizepräsident und vertrat mehr als drei Jahrzehnte den US-Bundesstaat Delaware im Senat.

Allerdings ist die Konkurrenz enorm: Neben Biden haben bereits 19 weitere Demokraten ihre Kandidatur erklärt. Etwa ein Jahr haben sie Zeit, um für ihre Nominierung zu werben. Nach den Vorwahlen im Frühjahr 2020 dürften sich einige wenige Favoriten abzeichnen. Ein Parteikonvent im Sommer kürt dann den Herausforderer Trumps. Vielen Bewerbern werden bis dahin längst Kraft und Geld ausgegangen sein.

Schon der Startschuss von Bidens Kampagne lässt erahnen, in welche Richtung sein Kampf um die Nominierung gehen wird. Im Video will Biden möglichst nahbar wirken und seinem Ruf als „Amtrak Joe“, der jahrzehntelang nach getaner Arbeit im US-Senat in den Zug nach Hause stieg, gerecht werden. In dem rund dreiminütigen Film trägt er keine Krawatte, sein Hemdkragen ist aufgeknöpft.

Die Kampagne trägt einen simplen Schriftzug („Joe 2020“). Auch andere Kandidaten, wie der Texaner Beto O’Rourke oder der junge Bürgermeister von South Bend, Pete Buttigieg („Mayor Pete“), werben mit ihren Vornamen – Bürgernähe ist in Wahlkampfzeiten alles. Biden veröffentlichte am Donnerstag zusätzlich einen spanisch-sprachigen Clip, um die wichtige Wählergruppe der Latinos anzusprechen.

Andererseits grenzt sich Biden klar von der Konkurrenz ab, indem er überzeugend an die großen, historischen Linien der USA als Einwanderungsnation erinnert und an Grundwerte wie Toleranz und Offenheit appelliert. Viele andere Kandidaten überbieten sich gerade mit konkreten Vorschlägen zu Lehrergehältern, Studiengebühren und Gesundheitspolitik. Biden fährt eine andere Strategie: Inhalte kommen später, für den Anfang will er als Person und als Politiker mit Erfahrung, Kompetenz und Integrität glänzen.

Warum die Kandidatur riskant ist

Als Schlüsselmoment für seine Entscheidung, gegen Trump antreten zu wollen, definiert Biden die rechtsextremen Aufmärsche in Charlottesville im Jahr 2017, im Zuge derer eine Gegendemonstrantin getötet wurde. Trump nahm damals die Nationalisten in Schutz und sprach von „sehr ehrenwerten Leuten auf beiden Seiten“ der Proteste. Biden vergleicht in seinem Video die Aufmärsche mit „Parolen in Europa in den 30er Jahren“.

Als er Trump habe reden hören, „wusste ich, dass die Bedrohung für unser Land so groß ist wie noch nie“. Eine Stimme für ihn, macht Biden damit klar, sei nicht nur eine politische Präferenz, sondern auch eine Richtungsentscheidung für Generationen.

Für die Demokraten birgt Bidens Kandidatur große Chancen, aber auch viele Risiken. Einerseits verknüpft sich mit dem Namen Biden die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Rationalität und Anstand. Er führt bislang in allen Umfragen, ist extrem populär – auch aus Respekt für seine bewegende Lebensgeschichte. 2015 starb sein ältester Sohn, Joseph Robinette Biden, genannt Beau, mit nur 46 Jahren an einem Hirntumor. 1972, sechs Wochen nach seiner ersten Wahl zum Senator, starben seine Frau und seine erst ein Jahr alte Tochter bei einem Autounfall.

Biden könnte zudem die ideologischen Gräben schließen, die das Land nicht erst seit Trumps Präsidentschaft durchziehen. Er hat 44 Jahre lang in Washington Netzwerke geknüpft, auch die Republikaner hat er umgarnt. Seine Unterstützer hoffen, dass Biden jene Wählerschicht, die die Demokraten an Trump verloren haben, zurückgewinnen kann, insbesondere die weiße Arbeiterschaft. „Wir behandeln die Opposition nicht als Feind“, belehrte er seine Partei. „Wir können sogar ein nettes Wort über einen Republikaner sagen.“

Als Präsident könnte er zudem die porös gewordenen Beziehungen ins Ausland retten, denn keiner seiner potenziellen Konkurrenten verfügt über sein Netzwerk zu Staatenlenkern. „Ich verspreche Ihnen, wie meine Mutter sagen würde: Auch dies wird vorübergehen“, sagte auf der diesjährigen Münchener Sicherheitskonferenz in Anspielung auf Trump.

Politisch ist Biden ein Mainstream-Demokrat, er wäre ein Kandidat der Mitte. Gerade in Zeiten einer starken Wirtschaft könnte das von Vorteil sein. Denn linke Bewerber wie Elizabeth Warren und Bernie Sanders könnten Trump zusätzlich Angriffsfläche bieten und Ängste vor hohen Steuern und staatlicher Regulierung wecken.

Zugleich trägt keiner von Bidens Mitbewerbern so viele Altlasten mit sich herum. Als Chef des Außenausschusses im Senat unterstützte er den Irak-Krieg. 1991 saß er dem Justizausschuss vor, als Millionen Amerikaner die Anhörung des Obersten Richters Clarence Thomas verfolgten.

Dessen frühere Mitarbeiterin Anita Hill warf Thomas sexuelle Nötigung vor. Damals ließ Biden Attacken gegen Hill oft unkommentiert und begrenzte die Zeugenzahl, was ihm heute vorgehalten wird. Sein notorisches Tätscheln von Frauen wirkte früher nur onkelhaft, aber in Zeiten der #MeTooBewegung übergriffig.

Bidens größter Nachteil könnte sein, dass er die Vergangenheit repräsentiert, nicht die Zukunft. Der progressive Flügel fordert Mut zum Aufbruch, hier wird Biden eher als Bremser betrachtet. Bereits zweimal, 1988 und 2008, wollte er Präsident werden und scheiterte. Dieses Mal wäre Biden zur Amtseinführung 78 Jahre alt.

Sollten die Demokraten ihn nominieren, und sollte er die Wahl gewinnen, wäre er der älteste Politiker, der je den Amtseid des Präsidenten geschworen hat. Das passt kaum zum erklärten Neustart der Partei – und schürt Gerüchte, dass Biden aufgrund seines Alters ohnehin nur eine Amtszeit anstreben würde.

Biden muss sich darauf einstellen, als Vertreter einer abgewählten Vergangenheit attackiert zu werden, der womöglich nur kurz im Weißen Haus säße. Rufe nach einem Neustart sind zu hören, denn noch nie war das demokratische Bewerberfeld so vielfältig und überraschend. Die Indo-Afroamerikanerin Kamala Harris möchte ins Weiße Haus, ebenso der schwule Afghanistan-Veteran Buttigieg oder der ehemalige Punkrock-Gitarrist O’Rourke.

Buttigieg und O’Rourke holten zuletzt in Umfragen auf, was den Durst der Basis nach neuen Gesichtern beweist. Gleichzeitig bekommt der Sozialist Sanders, der ein Jahr älter ist als Biden, extrem viel Zuspruch, auch aus der jüngeren Generation. Und die Linke Warren beeindruckte bei Fernsehdebatten mit klaren Botschaften und ausgefeilten Konzepten, wie die USA die soziale Schere schließen könnten.

Ein Wahlkampf mit Biden würde, so profiliert er auch ist, kein Selbstläufer. Historisch betrachtet ist es wahrscheinlicher, dass Trump wiedergewählt wird. Die meisten Präsidenten bleiben zwei Amtszeiten lang im Weißen Haus. Trotz schlechter Beliebtheitswerte, vieler Skandalen und zahlreicher Rücktritte stehen die Republikaner und ihre Anhänger fast geschlossen hinter Trump. Senatoren verteidigen ihn durch alle Krisen, der FBI-Bericht zur Russland-Affäre taugte nicht zum Sturz, die Jobzahlen sind hervorragend.

Der Datenexperte Nate Silver von der Umfrage-Plattform FiveThirtyEight sieht Biden als einen Favoriten – aber nicht als den einzigen. „Obacht bei frühen Umfragen“, warnte Silver auf Twitter. Die Erfahrung der Vergangenheit zeige, dass nicht immer die Lieblinge des Vorjahres auch tatsächlich nominiert würden. Und der spektakuläre Aufstieg von Donald Trump, der sich binnen weniger Monate vom Außenseiter-Posten auf den Spitzenplatz kämpfte, beweise: „Alles ist möglich. Die Dinge können sich schnell ändern.“

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