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US-Wahlkampf Fordert sie Donald Trump heraus? Der erstaunliche Aufstieg der Elizabeth Warren

Die linke Demokratin liegt in Umfragen noch hinter ihrem parteiinternen Rivalen Joe Biden. Doch dessen Verstrickung in die Ukraine-Affäre lässt Warrens Chancen steigen.
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Der Ex-Vizepräsident und seine demokratische Rivalin: Die Ukraine-Affäre könnte eine entscheidende Rolle spielen. Quelle: AFP
Elizabeth Warren neben Joe Biden

Der Ex-Vizepräsident und seine demokratische Rivalin: Die Ukraine-Affäre könnte eine entscheidende Rolle spielen.

(Foto: AFP)

Washington, Des Moines Wenn Elizabeth Warren von der Rednerbühne steigt, geht der Nahwahlkampf am Bürger erst richtig los. Sie übt Fingerhakeln mit einem Teenager-Mädchen, herzt ein Baby, umarmt ein älteres Ehepaar. Und dann die unzähligen Fotos mit ihren Fans – regelrechte „Selfie-Marathons“.

Dieses Mal ist die demokratische Präsidentschaftsbewerberin im US-Bundesstaat Iowa unterwegs. Und die „Selfie-Marathons“ sind zum Markenzeichen von Warrens Kampagne geworden. Die „New York Times“ rechnete per Video-Analyse aus, dass durchschnittlich acht Helfer jedes einzelne Foto choreografieren.

Auch in Iowa halten sie Handtaschen und Telefone, sortieren die Menschen in Zweierreihen, verschenken Aufkleber und Anstecker. Die Schlange der Wartenden ist lang, alles muss schnell gehen: Fünf Fotos in 30 Sekunden schafft Warren. Auch nach zwei Stunden noch, im Nieselregen.

Die linke Senatorin, die im kommenden Jahr Donald Trump herausfordern will, war die erste hochkarätige Demokratin, die ihre Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur erklärte. Am Anfang lief ihre Kampagne schleppend. Warren, die Harvard-Professorin mit der randlosen Brille, galt zwar als respektabel, aber kaum wählbar. Der Spottname „Pocahontas“ klebte an ihr, Trump hatte sie nach einem Streit um angebliche indianische Vorfahren so getauft.

Gegen den Parteipromi Joe Biden, Ex-Vizepräsident von Barack Obama, wurden ihr kaum Chancen eingeräumt. Doch dann stiegen Warrens Umfragewerte, langsam und stetig. Vergangene Woche überholte sie Biden erstmals in zwei bundesweiten Umfragen.

Etwa zeitgleich ließ sie ihren Konkurrenten in Erhebungen für Iowa und New Hampshire hinter sich. Diese Bundesstaaten können durch frühe Vorwahlen im Februar darüber entscheiden, wer im Sommer 2020 auf dem Parteitag der Demokraten zum Kandidaten nominiert wird. In der Vergangenheit lösten diese Vorwahlen oft eine Kettenreaktion aus.

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Wie groß Bidens Rückhalt in der Bevölkerung am Ende ist, hängt auch von der Ukraine-Affäre ab. Im Duell mit Trump und inmitten einer scharf geführten Debatte um ein Amtsenthebungsverfahren schart sich die Partei solidarisch um Biden.

Doch in der breiten Bevölkerung scheint ihm das bislang wenig zu nützen: Seine Beliebtheit stagniert, Warrens steigt. „Bei Warren ist am meisten Bewegung drin“, schrieb der US-Wahlforscher Nate Silver auf der Datenplattform Five Thirty Eight.

Die Demokraten sehnen sich nach einer Führungsfigur. Einerseits sind sie traumatisiert von Hillary Clintons Niederlage 2016, andererseits mobilisieren die Eskapaden Trumps und die Chance, ihn aus dem Amt zu jagen, die Basis – womöglich durch ein Impeachment, und falls dieses scheitern sollte, spätestens am Wahltag.

Mit Biden stünde Trump ein Mann der Mitte gegenüber, der für sich reklamiert, die politischen Gräben schließen und die Weltgemeinschaft zurück zur Normalität führen zu wollen. Warren dagegen hat ihr Leben dem Kampf gegen die Einkommenskluft gewidmet und tritt für radikale Veränderungen im Wirtschafts- und Finanzsystem ein. Beide Politiker könnten unterschiedlicher nicht sein.

Warren legt ein Konzept nach dem anderen vor

Der Wahlkampf in Iowa, einem Präriestaat mit unzähligen Maisfeldern, ist ein guter Gradmesser dafür, wer Menschen überzeugen kann. Beim „Steak Fry“, einem politischen Grillfest in der Hauptstadt Des Moines, treffen sich demokratische Präsidentschaftsbewerber seit 40 Jahren auf einer Parkwiese. Dort wenden sie Fleisch, stapfen durch Matsch, geben Interviews vor mobilen Klo-Kabinen – und kämpfen um jede Stimme.

Insgesamt 17 Bewerber reisten im September an, doch nur Warren, Biden und der Sozialist Bernie Sanders erreichen zweistellige Umfragewerte. Alle drei sind in ihren Siebzigern und kennen sich schon lange aus dem US-Senat. Sanders, der zweite Linke unter den Favoriten, hat eine treue Anhängerschaft, fiel jedoch zuletzt hinter Biden und Warren zurück.

Teile des progressiven Lagers scheinen sich also hinter einer neuen Anführerin zu sammeln: Elizabeth Warren. Bislang genießt sie diesen Triumph still und grenzt sich auf subtile Art ab. Während sich die anderen Bewerber in Des Moines auf Paraden feiern ließen, beantwortete Warren lieber Fragen der lokalen Linken. Biden wurde von Feuerwehrleuten mit Sirenen begrüßt, Sanders veranstaltete eine Mini-Demo.

Der Bürgermeister Pete Buttigieg und der Unternehmer Andrew Yang hatten Hunderte kreischende Unterstützer dabei, und der Texaner Beto O’Rourke versprach, ein von Fans gebautes Floß aus Wahlplakaten „anzuzünden“, „denn auf unserem Weg gibt es kein Zurück mehr“. Die Indo-Afroamerikanerin Kamala Harris tanzte mit Trommelgruppen in Turnschuhen über den Acker. Und Warren? Verzichtete auf Pomp. Ihr Team schulte stattdessen neue Wahlkampfhelfer.

Die Präsidentschaftsbewerberin liegt in einigen Umfragen erstmals vor Biden. Quelle: AP
Warren-Fans

Die Präsidentschaftsbewerberin liegt in einigen Umfragen erstmals vor Biden.

(Foto: AP)

Die Strategie entsprach ganz Warrens Stil: keinen Termin auslassen, und im Zweifelsfall kommt Fleiß vor Show. Es ist ein Rezept, das anzukommen scheint. „Ich habe einen Plan“, ist Warrens Leitspruch, ihre Plakate sind in „Liberty Green“ gehalten, dem Mintgrün der Freiheitsstatue. Sie legt ein Konzept nach dem anderen vor, für eine Vermögensteuer, einen Abbau von Studienschulden, eine Zerschlagung von Tech-Konzernen.

Ihr Hang zum Professoralen versucht ihre Kampagne in eine Stärke umzuwandeln: als Kontrast zu Trump, dem sprunghaften Entscheider und Provokateur, der bunte Diagramme langen Texten vorzieht. Während andere Bewerber donnern und dröhnen, sagt Warren Sätze wie: „Ich habe alle 448 Seiten des Mueller-Berichts gelesen.“ Auch optisch soll nichts von ihren Botschaften ablenken.

Ähnlich wie Angela Merkels Sakko-Kollektion hat auch Warren eine unprätentiöse Uniform gewählt: Sie trägt stets Schwarz, dazu eine Strickjacke in wechselnden Farben. Trotzdem soll sie nahbar wirken. Auf Instagram überträgt Warren Anrufe mit Kleinspendern, postet Videos von ihrem Hund oder dem Abendessen, das meist Ehemann Bruce zubereitet.

Politisch ist sie allerdings keine Kuschelkandidatin. Sollte sie Präsidentin werden, dürfte es mit dem unternehmerfreundlichen Trump-Kurs vorbei sein. Der TV-Sender CNBC sprach kürzlich mit einer Reihe anonymer Großspender von der Wall Street, die allesamt drohten: Wenn ihr Warren aufstellt, bekommt ihr keinen Cent von uns – eher würde man sich Trump zuwenden.

Warren hat sich als gnadenlose Kritikerin von Kreditkartenfirmen, Großbanken, Lobbyisten und Financiers der Wall Street eine Nische erarbeitet. „Das System funktioniert immer besser und besser für eine immer dünnere und dünnere Schicht“, sagt sie auf Kundgebungen.

Wer mehr als 50 Millionen US-Dollar verdiene, so Warren, soll für jeden weiteren Dollar zwei Cent zahlen, die in Kinderbetreuung, Unis, Lehrergehälter fließen. Eine solche Vermögensteuer wird von Republikanern als sozialistisch angeprangert, als Strafe für die Leistungsträger der Nation. Sie ist auch unter Demokraten umstritten.

Doch Warren ist Umverteilerin aus Überzeugung. In Iowa erzählt sie zwischen Kürbissen und Heuballen ihre Geschichte: Als sie zwölf Jahre alt war, bekam ihr Vater einen Herzinfarkt und verlor seinen Job als Teppichverkäufer. Ihre Mutter überbrückte die Zeit mit Aushilfsjobs, doch auch der neue Hausmeister-Posten des Vaters konnte eine weiterführende Ausbildung nicht finanzieren. Erst Warrens Talent im Debattierklub verschaffte ihr ein Hochschulstipendium.

Sie heiratete mit 19, wurde mit 22 Mutter, ließ sich scheiden, heiratete erneut und studierte Jura. Wegen ihrer Forschung über Privatinsolvenzen wurde sie 1992 als Professorin an die Elite-Universität Harvard berufen. Frauen mit Kindern, belegte Warren in einem Buch, das sie gemeinsam mit ihrer Tochter schrieb, seien am anfälligsten für finanziellen Ruin nach Schicksalsschlägen.

Nach der Finanzkrise 2008 sorgte sie als Beraterin der Obama-Regierung federführend für eine Verbraucherschutzbehörde im Finanzsektor, die Hypotheken, Studentendarlehen, Kredite und andere Finanzprodukte strenger reguliert. Mit 63 Jahren zog sie schließlich als Senatorin für Massachusetts in den US-Kongress ein. Jetzt soll der nächste, der ultimative Karriereschritt folgen.

Das Biden-Lager zeigt sich zunehmend nervös

Warrens Aufstieg macht das Lager Bidens zunehmend nervös. „Wir brauchen mehr als nur Pläne. Wir brauchen einen Präsidenten“, sagte er kürzlich. Damit hat er nicht unrecht. Seine Unterstützer hoffen, dass er jene Wähler, die die Demokraten an Trump verloren haben, zurückgewinnen kann. Biden will zwar auch die Mittelklasse stärken, seine Ideen sind aber weniger kontrovers als Warrens.

So möchte er die private Gesundheitsvorsorge erhalten, und er würde Trumps Steuersenkungen rückgängig machen, aber keine neuen Steuern erheben. Auch sein außenpolitisches Profil ist ausgeprägter als das von Warren. „Wenn Trump weitere vier Jahre im Amt bleibt, gibt es danach keine Nato mehr“, warnte er in Iowa. Grundsätzlich hält er am Freihandel fest.

Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin setzt sich vor allem für soziale Gerechtigkeit ein. Quelle: dpa
Elizabeth Warren

Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin setzt sich vor allem für soziale Gerechtigkeit ein.

(Foto: dpa)

Warren hingegen bleibt vage: Sie will Handelsabkommen nutzen, um bessere Arbeits- und Umweltstandards durchzusetzen, äußert sich jedoch nicht näher zu Protektionismus. Auch die Frage, ob die staatliche Krankenversicherung, für die sie kämpft, unterm Strich die Kosten für die Mittelklasse erhöhen würde, hat sie nicht klar beantwortet. Diese Unentschiedenheit könnte ihr am Ende Schwierigkeiten bereiten.

Nicht zu unterschätzen sind zudem die Sympathien, die Biden in breiten Wählergruppen genießt, bei Moderaten, Schwarzen und Älteren. In South Carolina, einem Bundesstaat mit hoher afroamerikanischer Bevölkerungsdichte, liegt er in Umfragen 20 Prozentpunkte vor Warren. Warrens Anhänger hingegen sind überwiegend weiß, links und gebildet.

„Joe Biden repräsentiert jeden“, sagt Jennifer Seerew, die aus dem Umland nach Des Moines gereist ist. „Er ist Demokrat, aber er hört auch anderen Meinungen zu, um die besten Entscheidungen zu treffen. Er kann das Land zusammenbringen.“

Seerew verortet sich im progressiven Lager, doch sie glaubt nicht, dass eine Linke gegen Trump gewinnen kann: „Die Wahl ist zu wichtig, um etwas aufs Spiel zu setzen. Wenn wir nur zwischen rechts und links schwanken, kommen wir nie vorwärts. Biden kann Dinge schrittweise bewegen. Das ist hundertmal besser, als wenn wir stillstehen.“

Doch Warren-Fans sehen längst keine Alternative mehr zu ihr. „Ich mag Joe. Aber Warren hat deutlich mehr Energie“, sagt der 69-jährige Bill Kalahurka aus Des Moines. Er steht im Regencape in der Fotoschlange und verpasst dafür „schweren Herzens“ das Fußballturnier seiner Enkelin.

„Warren hat einen Plan für alles, sie ist eine beeindruckende Frau. Sie hat ihr ganzes Leben für die Mittelklasse gekämpft.“ Und der 23-jährige Shane McGrinder aus Wisconsin ist überzeugt: „Warren hat den meisten Antrieb. Wir müssen die Partei neu erfinden. Wenn es jemand schaffen kann, dann sie.“

Kleiner-Finger-Schwur: Die siebenjährige Zoe Rajbanshi kommt  Elizabeth Warren ganz nah. Quelle: Reuters
Pinky Promise

Kleiner-Finger-Schwur: Die siebenjährige Zoe Rajbanshi kommt Elizabeth Warren ganz nah.

(Foto: Reuters)

Tatsächlich reicht der Konkurrenzkampf zwischen Biden und Warren lange zurück. In den 90ern und frühen 2000ern kämpften Kreditunternehmen darum, Privatinsolvenzen zu erschweren, damit Firmen nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Biden, dessen Heimat Delaware viele Finanzdienstleister beherbergt, setzte sich für ein entsprechendes Gesetz ein, doch Warrens Verbündete in Washington blockierten die Richtlinie.

Auf Youtube wird man Zeuge eines Schlagabtauschs von 2005, als Biden im Justizausschuss saß und Warren als Expertin geladen war. Biden nannte Warren damals „leicht demagogisch“, räumte aber ein: „Sie sind sehr gut, Professor.“ Das Gesetz trat trotzdem in Kraft. Vielleicht folgt die Revanche schon bald – im Februar, bei den Vorwahlen in Iowa.

Mehr: Der Handelskrieg mit China wird zum Thema im US-Wahlkampf. Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber verurteilen Trump, doch Strafzölle abschaffen will niemand.

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