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Donald Trump und Jeff Bezos

Was der Machtkampf zwischen Jeff Bezos und Donald Trump über den Zustand der US-Medien verrät.

(Foto: AP, Bloomberg, Montage Handelsblatt)

USA Bezos vs. Trump – Was der Machtkampf über den Zustand der US-Medien verrät

Der Fall Bezos treibt die mediale Polarisierung in den USA auf die Spitze. In Zeiten eines Präsidenten Trump werden politische Kämpfe über Medien und im Netz ausgetragen, Journalismus wird zum politischen Aktivismus.
1 Kommentar

New York, WashingtonDas journalistische Herz der US-Hauptstadt hat eine eigene Postleitzahl: 20071. Ein paar Blöcke vom Weißen Haus entfernt, eingebettet zwischen Lobbyisten-Büros und Kaffeeketten, hat die „Washington Post“ ihr Hauptquartier. Vor drei Jahren zog die preisgekrönte Redaktion in einen lichtdurchfluteten Turm, nachdem Amazon-Chef Jeff Bezos das Unternehmen 2013 für 250 Millionen Dollar aufgekauft hatte.

Das Blatt, das einst die Watergate-Affäre aufdeckte, spaltet die Nation. Für seine Anhänger ist die Zeitung Wortführer publizistischer Aufklärung, gemäß ihres Leitspruchs „Democracy Dies in Darkness“. Für die anderen, insbesondere für US-Präsident Donald Trump, ist die „WaPo“ Teil einer ideologisch verblendeten Lügenpresse.

Trump beschimpft die Zeitung oft und verballhornt Bezos auf Twitter als „Jeff Bozo“, als Schwachkopf. Lange ignorierte der Amazon-Chef die Attacken, bis er vergangene Woche sein Schweigen mit einem explosiven Blogeintrag auf der Debattenplattform Medium beendete.

Seitdem steht der Milliardär im Mittelpunkt einer Schlacht um Deutungshoheit und mächtige Seilschaften, die ihre Kreise bis ins Weiße Haus zieht. Der Wirbel wirft auch ein Schlaglicht auf die zunehmend aggressive Stimmungsmache, die die großen Medienhäuser der Nation prägt.

Bezos wirft dem Medienmogul und engen Trump-Freund David Pecker vor, ihn im Zusammenhang mit intimen Fotos unter Druck gesetzt zu haben. Der 67-Jährige ist Chef von American Media (AMI), der unter anderem den „National Enquirer“ verlegt. Das Boulevardblatt machte Anfang Februar eine außereheliche Affäre Bezos‘ mit der TV-Darstellerin Lauren Sanchez publik. Bezos versuchte herauszufinden, wie die Information an den „Enquirer“ gelangen konnte.

Laut Bezos drohte Pecker schließlich damit, Nackt-Selfies von Bezos‘ Handy zu veröffentlichen, sollte der Milliardär seine Ermittlungen nicht einstellen. Pecker will die Bilder „auf legalem Wege“ bekommen haben, Bezos hält sich eine Klage offen. Laut TV-Sender NBC beschäftigt sich inzwischen die Staatsanwaltschaft mit der Angelegenheit.

Der Fall ist kein kurzlebiges Skandälchen, Kommentatoren schreiben bereits von einem „Stellvertreterkrieg mit Trump“. Und tatsächlich sind Bezos, Pecker und Trump – der Tech-Unternehmer, der Verleger und der Präsident – in dieser schmutzigen Geschichte untrennbar miteinander verbunden.

Bezos in schwieriger Position

Beweise für die Annahme, Pecker habe Trump einen Gefallen unter Freunden erwiesen und Bezos blamieren wollen, gibt es nicht. Doch Trump hat sich durch Twitter-Tiraden und Hetze verdächtig gemacht.

Kein Unternehmer hat vom Präsidenten mehr öffentliche Kritik kassiert als der Amazon-Chef und reichste Mann der Welt. Trump droht dem Konzern mit Steuererhöhungen, kartellrechtlicher Verfolgung und höheren Gebühren für Amazon-Pakete. Bezos wiederum, der sein Privat- und Geschäftsleben sonst abschirmt, ist jetzt über Nacht zum Hauptgegner Trumps geworden.

So politisch wollte er eigentlich nie wahrgenommen werden. Bezos hatte zwar die „Washington Post“ aus finanziellen Schwierigkeiten gerettet, sich aus dem redaktionellen Geschäft aber herausgehalten. Dank seiner Investitionen und unter seiner Ägide gelang der angeschlagenen Zeitung der Umschwung. 2016 und 2017 war die „Washington Post“ nach Jahren der Verluste wieder profitabel. Das Medienhaus hat die Zahl der Journalisten auf mehr als 800 aufgestockt, Geld in Technologie gepumpt und mit Exklusiv-Nachrichten auf sich aufmerksam gemacht.

Erst jetzt, im Zuge des Erpressungsskandals, äußerte sich der Amazon-Chef zu seiner Rolle bei der Zeitung. „Mein Besitz der ‚Washington Post‘ ist ein Verkomplizierer“, schrieb Bezos in seinem Interneteintrag, in dem er das Wort „Complexifier“ kreierte. „Es ist unvermeidbar, dass einige mächtige Menschen, über die die ‚Washington Post‘ berichtet, mich daher fälschlicherweise als ihren Feind sehen.“

Bezos selbst ist davon überzeugt, dass die „Enquirer“-Kampagne einen politischen Hintergrund hat. Er mutmaßte öffentlich, Stein des Anstoßes sei die Berichterstattung über den ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi gewesen. Im Oktober war Khashoggi, Kolumnist der „Washington Post“, in einem saudi-arabischen Konsulat in der Türkei getötet worden. Laut US-Geheimdienst CIA geschah das im Auftrag von Kronprinz Mohammed bin Salman, was die saudi-arabische Regierung bestreitet.

Der Mord stürzte die Trump-Regierung in eine außenpolitische Krise, weil sich der Präsident weigerte, mit dem saudi-arabischen Regime zu brechen, das von den USA unter anderem in großem Maßstab Waffen kauft. Viele US-Medien, allen voran die „Washington Post“, kritisierten Trumps Haltung massiv.

Übte Trump nun über Pecker Rache? Wollte er Bezos einen Hieb versetzen? Es wäre nicht das erste Mal, dass der „Enquirer“ für Trump fragwürdige Aufträge erfüllt.

Pecker hatte seit der Jahrtausendwende Ambitionen Trumps auf den Einzug ins Weiße Haus unterstützt. Im Zuge des Strafprozesses gegen Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen räumte AMI ein, brisante Geschichten über Trump gekauft und sie anschließend begraben zu haben, eine Praxis, die als „catch and kill“ bekannt wurde. Unter anderem zahlte der Konzern 150.000 Dollar für eine Exklusivgeschichte über ein mutmaßliches sexuelles Verhältnis zwischen Trump und dem Playboy-Modell Karen McDougal, und veröffentlichte die Story dann nicht.

„Der ‚National Enquirer‘ ist kein Medium. Das ist ein kriminelles Unternehmen“, sagt Jeff Jarvis. Der Medienprofessor vermisst in den USA ein unabhängiges konservatives Medium. „In Deutschland können Sie etwa zwischen der ‚Süddeutschen Zeitung‘ und der ‚FAZ‘ und damit zwischen zwei verschiedenen Weltsichten mit Fakten und gutem Journalismus wählen. Diese Wahl haben wir in den USA nicht“, erklärt er. Das „Wall Street Journal“ gehöre zum Murdoch-Konzern und sei damit nicht als objektiv einzuordnen, meint er. Zu Murdoch gehört auch der Sender Fox News, der mit meinungsstarken Sendungen klar die Trump-Regierung unterstützt und den so viele Amerikaner schauen wie keinen anderen. Die Mutter 21st Century Fox hat ihren Umsatz und Gewinn in den vergangenen zwei Jahren deutlich gesteigert.

Tollhaus der Marktschreier

Zuspitzung und klare Feindbilder gab es in US-Medien lange vor Trump, doch seit seinem Amtsantritt verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus noch mehr. Er selbst schürt die Polarisierung, denn der Hass auf sogenannte Mainstream-Medien gehört zum zentralen Narrativ seiner Präsidentschaft. Auf seinen Kundgebungen werden Journalisten mit Pfeifkonzerten begrüßt, keine Rede kommt ohne Attacken gegen vermeintliche Fake News aus. Zeitweise erteilte das Weiße Haus CNN-Korrespondent Jim Acosta nach einem Wortgefecht mit Trump Zutrittsverbot. Die rechtspopulistische Website Daily Wire, gegründet vom früheren Breitbart-Journalisten Ben Shapiro, verschenkt zum Digitalabo neuerdings einen Thermobecher mit dem Aufdruck „Leftist Tears“ (Tränen der Linken).

Besonders umstrittene Themen sind der Klimawandel, Flüchtlinge, die Russland-Affäre oder die #MeToo-Bewegung. Zuweilen gleichen Debatten einem Tollhaus der Marktschreier, und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Während Fox-Moderator Sean Hannity den Präsidenten ohne eine einzige kritische Frage interviewt, erweckt CNN nach jeder zweiten Kontroverse den Eindruck, Trumps Rücktritt stünde kurz bevor.

Der Medienexperte Jon William Alsopp vom Fachblatt „Columbia Journalism Review“ glaubt zwar nicht, dass die großen US-Medien parteiischer geworden sind. „Die, die heute parteiisch sind, waren es auch schon vor der Wahl von Donald Trump.“ Zum Problem wird allerdings, dass die politischen Lager auseinanderdriften, und dass Medien immer weniger dazu beitragen, die Gräben zu schließen. Laut einer Reuters-Studie polarisiert das Medienumfeld Amerikas stärker als jedes andere westliche Land.

Anhänger des linksliberalen Spektrums haben mit 49 Prozent fast dreimal so viel Vertrauen in Nachrichten als Anhänger des konservativen Spektrums. 2016 war der Abstand noch deutlich geringer, die Lücke klafft immer weiter auseinander. Die Autoren der Studie bescheinigen den USA ein „unnachgiebiges und frenetisches Tempo des Nachrichtenzyklus‘“ in der Ära Trump.

Als Wirtschaftsfaktor ist seine Präsidentschaft aber für klassische Medien und Internet-Stars ein Segen. Konservative Kommentatoren binden Scharen von Anhängern im Netz, CNN-Mann Acosta bringt demnächst ein Buch über seine Fehde mit Trump heraus, und die Folgen des Podcasts Pod Save America, gegründet von früheren Obama-Mitarbeitern, wurden 120 Millionen Mal heruntergeladen.

Die Trump-Wahl hat auch der Traditionszeitung „New York Times“ geholfen, 2018 konnte die New York Times Company ihren Umsatz bei gleichbleibenden Werbeeinnahmen auf 1,75 Milliarden Dollar steigern. Unterm Strich stand im vergangenen Jahr mit 126 Millionen Dollar ein satter Gewinn. Von einer „Failing New York Times“ – einer pleitegehenden „New York Times“ – wie sie Trump in seinen Tweets immer wieder nennt, kann also nicht die Rede sein.

Bloomberg nimmt Stellung

Auch bei der „New York Times“ trat zuletzt der Herausgeber aus dem Hintergrund. Kürzlich beschrieb Arthur Gregg Sulzberger im hauseigenen Podcast „The Daily“ seine zwei Treffen mit Trump, in denen beide auch über ihr Verständnis von Presse diskutierten. Sulzberger verteidigte angesichts der Attacken des Präsidenten die Arbeit seiner Journalisten.

Auch Michael Bloomberg, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Nachrichtenagentur Bloomberg, bezieht Stellung. Das privat gehaltene Unternehmen, das mit seinen Finanz- und Wirtschaftsinformationen zehn Milliarden Dollar umsetzt, kritisiert Trump zwar nicht so offen wie die „Washington Post“ oder die „New York Times“. Aber bei Themen wie Klimawandel oder Waffenkontrolle nimmt das Medium klar Stellung gegen die Trump-Linie.

Persönlich lässt Michael Bloomberg keinen Zweifel daran, wo er steht. Vor den letzten Zwischenwahlen hat sich der Milliardär wieder als Demokrat registriert und 80 Millionen Dollar für den Wahlkampf von verschiedenen Kandidaten gespendet. „Wir brauchen die Demokraten, um ‚Checks and Balances‘ sicherzustellen“, sagte er als Begründung.

Der 77-Jährige, der zwischen 2002 und 2013 auf dem Republikaner-Ticket Bürgermeister von New York war, wird immer wieder als möglicher Präsidentschaftskandidat der Demokraten gehandelt. Bloomberg gehört auch zu den Aktivisten der Initiative von Bürgermeistern, Gouverneuren und CEOs, die nach Trumps Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen freiwillig die CO2-Emissionen bis 2025 um 24 Prozent senken wollen.

„Bloomberg ist ein faszinierender Fall“, sagt Medienexperte Jarvis. „Sein Geschäftsmodell ist einzigartig. Politisch ist er moderat und hat wie Trump schon die Partei gewechselt.“ Es gelinge ihm, sein Geschäftsleben und seine politische Identität auseinanderzuhalten. „Er nutzt nie die eigenen Plattformen für seine Agenda. Stattdessen kauft er Werbung in anderen Medien.“

Dass sich immer mehr Verleger schützend hinter ihre Redakteure stellten, liege am Präsidenten, meint Experte Alsopp. „Angesichts der gefährlichen Attacken gegen die Presse ist es verständlich, dass die Verleger die Unabhängigkeit des Journalismus verteidigen.“ Trump habe „ein vergiftetes Umfeld“ für Medien geschaffen. Ganz neu sei das Phänomen allerdings nicht, auch die damalige „Washington Post“-Verlegerin Katharine Graham trat zu Zeiten des Watergate-Skandals in den Vordergrund.

Medienprofessor Jarvis glaubt nicht, dass Jeff Bezos dauerhaft eine Aktivisten-Rolle einnehmen werde. „Mutig“ sei dessen Offensive gewesen. „Er hat getan, was er tun musste. Aber er wird die Redaktion weiter in Ruhe lassen, und das ist auch gut so.“

Beruhigen wird sich die Debatte um Bezos vorerst nicht, längst ist der Fall selbst zum Gegenstand der medialen Deutungsschlacht geworden. Das linksliberale Magazin „Atlantic“ pries Bezos am Mittwoch als Helden der Stunde, der „den verwundbarsten Opfern von Erpressung“ helfen könne. Fox News mutmaßte hingegen, Bezos‘ Freundin Lauren Sanchez sei schuld an der Misere, weil sie die pikanten Fotos ihres Liebhabers an Bekannte verschickt habe.

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1 Kommentar zu "USA: Bezos vs. Trump – Was der Machtkampf über den Zustand der US-Medien verrät"

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  • Vielen Dank für diese umfassende und erfrischend neutrale Darstellung!

    Allein die Einordnung von Ben Shapiro als "rechtspopulistisch" und auf einer Ebene mit der Berichterstattung von Fox greift wohl etwas kurz, nachdem dieser sich als einer der ersten und aktuell wohl letzten amerikanischen Wertkonservativen deutlich gegen die Präsidentschaft von Donald Trump gestellt hat:

    https://www.dailywire.com/news/3896/shapiro-i-will-never-vote-donald-trump-heres-why-ben-shapiro