USA: Wie sich New York mit Zohran Mamdani neu erfindet
New York. Ihren großen Auftritt hat Clarissa Baines tagelang vorbereitet. Eigentlich arbeitet die gebürtige New Yorkerin als Sicherheitskraft in Manhattan, bewacht dort die Eingänge eines großen Bürokomplexes. An einem Sonntag im Spätherbst wird ihr allerdings eine ungewohnte Aufgabe zuteil: Sie soll mehr als 13.000 Menschen einheizen.
Baines, die sich an diesem kalten Abend ein dunkelblaues T-Shirt über ihren hellblauen Pullover gezogen hat, steht an einem hölzernen Rednerpult im Tennisstadion in Forest Hills, einer vornehmen Gegend im Stadtteil Queens. „Wusstet ihr, dass der durchschnittliche Sicherheitsmitarbeiter nur 40.000 Dollar im Jahr verdient? Das sind Hungerlöhne“, ruft sie in die Menge.
Im Stadion findet die letzte Wahlkampfveranstaltung von Zohran Mamdani statt, wenige Tage vor dessen Wahl zum nächsten Bürgermeister der Weltmetropole. Dass sich der 34-Jährige überraschend durchsetzen konnte, daran dürfte auch Baines einen kleinen Anteil haben. Denn beim Publikum kommen ihre Sätze an. Immer wieder hallen laute „Tax the Rich“-Rufe von den Rängen, übersetzt also „besteuert die Reichen“.
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New York startet das neue Jahr mit einem politischen Experiment. Seit dem 1. Januar führt mit Zohran Mamdani ausgerechnet ein selbsternannter Sozialist das Zentrum des Kapitalismus. Junge Menschen wie Baines setzen große Hoffnungen in den 34-Jährigen, wollen der Stadt ein sozial gerechtes Gesicht geben. Bezahlen sollen dies die Unternehmer und Superreichen der Stadt. Doch die warnen vor einem Exodus, einige kündigten an, New York verlassen zu wollen.
Mamdani ist dabei nicht der einzige Politiker, der den Status quo der inoffiziellen Welthauptstadt herausfordert. Auch US-Präsident Donald Trump behält seine Heimatstadt New York genau im Blick und mischt sich bereits massiv in die örtliche Politik ein.
Für Beobachter wie Richard Florida gehört die ständige Veränderung hingegen zur Identität von New York. Der Professor an der University of Toronto ist im benachbarten Newark geboren und zählt heute zu den weltweit führenden Stadtforschern. „New York hat solche Momente schon oft erlebt“, sagt er, „und hat die bemerkenswerte Fähigkeit, gestärkt daraus hervorzugehen.“ Vier Rollen, in denen sich New York gerade neu erfindet.
1. New York als Heimat der Superreichen
In keiner anderen Stadt leben so viele Millionäre wie in New York. Schließlich lockt kaum ein anderer Ort auf der Welt mit so extravaganten Wohnungen, umfangreicher Kultur und der hohen Dichte an Spitzengastronomie. Schätzungsweise 385.000 Bewohner besitzen hier ein liquides Vermögen von mehr als einer Million Dollar. Hinzu kommen rund 800 Menschen mit mehr als 100 Millionen, wie ein aktueller Bericht der Beratungsfirma Henley & Partners ausweist.
Einer von ihnen ist Dave Portnoy, Gründer der Sportplattform Barstool Sports. In der Nähe des berühmten Flatiron Buildings am Madison Square Park betreibt sein Unternehmen ein großes Büro – noch jedenfalls. Weil Mamdani neuerdings in der City Hall sitzt, erwägt Portnoy den Wegzug aus der Stadt.
„Ich habe unseren Finanzleuten gesagt, sie sollen anfangen, nach Immobilien zu suchen. Kein Scherz“, sagte der Unternehmer jüngst in seinem Podcast. „Ehrlich gesagt habe ich viel darüber nachgedacht, nach Hoboken oder Jersey City oder so zu gehen.“ Denn Portnoy stört sich an der Wirtschaftsagenda des neuen Bürgermeisters, bezeichnet ihn gar als einen „Kommunisten“.
Tatsächlich hat Mamdani die Wahl mit einer linken Wirtschaftskampagne gewonnen. Den aktuellen Mindestlohn von 16 Dollar pro Stunde will er auf 30 Dollar fast verdoppeln, für bestimmte Wohnungen sollen Mietendeckel gelten. Daneben möchte er stadteigene Supermärkte schaffen, die subventionierte Lebensmittel vergünstigt anbieten. Im Gegenzug will Mamdani den Steuersatz für Einkommensmillionäre um zwei Prozentpunkte erhöhen, auch sollen die Unternehmensteuern spürbar steigen.
Die Unternehmer verärgern die Pläne. Von „Überraschung und tiefer Besorgnis“ sprach etwa Kathryn Wylde, Chefin der Partnership for New York City, die die Interessen von rund 300 CEOs vertritt. Dabei ist New York massiv vom Wohlergehen seiner Elite abhängig. Das oberste Prozent der Einkommen ist für mehr als 40 Prozent der Steuereinnahmen der Stadt verantwortlich. Die Gouverneurin des Bundesstaates New York, Kathy Hochul, erklärte deshalb unlängst: „Ich möchte keine weiteren Menschen an Palm Beach verlieren. Wir haben genug verloren.“
In den vergangenen Jahren sind tatsächlich einige prominente Unternehmer weggezogen, darunter die Investoren Carl Icahn und Josh Harris. Viele von ihnen gingen nach Florida, wo nicht nur häufiger die Sonne scheint, sondern auch die Steuern niedriger sind.
Manche Ökonomen wollen jedoch nicht an einen Exodus der Wohlhabenden glauben – und verweisen auf die Zahlen. „Millionäre haben niedrige Wanderungsraten“, erklärt Cristobal Young, Soziologieprofessor an der Cornell University, in einem Gastbeitrag.
Menschen, die mehr als eine Million Dollar jährlich verdienen, würden nur halb so oft umziehen wie Geringverdiener. „Nur 2,4 Prozent von ihnen packen jedes Jahr ihre Koffer“, sagt Young. „Und wenn Millionäre umziehen, scheint dies selten aus steuerlichen Gründen zu geschehen.“
Auch Stadtforscher wie Richard Florida sehen in den Klagen der Unternehmer eher leere Drohungen. „Wir haben diese Geschichte schon oft gehört, und sie ist fast immer übertrieben“, sagt er. Manche Personen mögen am Ende zwar ihre persönliche Anschrift ändern. „Aber ihre Firmen, ihr Kapital und ihre Netzwerke bleiben hier verankert“, ist der Stadtforscher überzeugt.
2. New York als Wirtschafts- und Finanzhauptstadt
Was Florida meint, zeigt sich in der Park Avenue in Manhattan. Hier hat JP Morgan Chase kürzlich eines der teuersten Bauprojekte in der Geschichte der Stadt eröffnet. Es ist die neue Konzernzentrale des größten amerikanischen Geldinstituts: ein futuristischer Wolkenkratzer mit bronzefarbenem Stahlgitter, mehr als 420 Meter hoch. Kaum ein anderes Gebäude leuchtet mit seinen Tausenden LED-Lampen an der Turmspitze so grell über die Skyline.
Tatsächlich wird überall in der Stadt kräftig investiert. Erst vor wenigen Wochen hat der konservative Milliardär Ken Griffin die Genehmigung für den Bau eines Wolkenkratzers bekommen, der selbst die neue JP-Morgan-Zentrale noch einmal in den Schatten stellen soll. In Trendvierteln wie Hudson Yards oder Chelsea wird fleißig gebaut.
Der Immobiliensektor spricht von einer Rekordzahl an Mietverträgen in Bürogebäuden. Schließlich müssen Unternehmen dort sein, wo auch junge Talente sein wollen: in New York.
Für die Ökonomen von McKinsey stellt sich deshalb nicht die Frage nach dem grundsätzlichen Erfolg der Stadt, sondern danach, welche Sektoren den Erfolg künftig antreiben werden. „New York hat einen ständigen wirtschaftlichen Wandel durchlaufen“, schreiben die Analysten der Beratungsgesellschaft in einer aktuellen Studie. Zunächst dominierte die Metropole im Pelzhandel, dann in der Schifffahrt, später in der Zuckerraffinerie, in der Maschinenindustrie, im Bekleidungshandel und zuletzt im Finanzwesen.
Tatsächlich war New York immer stark abhängig von einzelnen Industrien. So entfiel in den vergangenen 15 Jahren mehr als die Hälfte des gesamten BIP-Wachstums der Region allein auf drei Branchen: Immobilien, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen sowie IT.
Künftig sehen die McKinsey-Analysten die Stadt in anderen Bereichen besonders gut positioniert. Allein in Anwendungen und Dienstleistungen mit Künstlicher Intelligenz sind zwischen 2019 und 2024 mehr als 200 Milliarden Dollar an Risikokapital geflossen, rund 64 Milliarden wiederum in den E-Commerce.
Daneben sehen die Ökonomen auch in der digitalen Werbung oder bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Fettleibigkeit großes Wachstumspotenzial. „Wenn New York seine Tradition der Kreativität nutzt und in Technologie, Infrastruktur und seine Arbeitskräfte investiert, kann es wieder globale Standards für die Transformation von Städten setzen“, sind die Analysten überzeugt.
3. New York als Zentrum der Diplomatie
Für Thomas Tödtling ist die große Weltbühne in Laufweite. Der 41-Jährige sitzt südwestlich des UN-Hauptquartiers in einem Büro in der 33. Etage. Im prestigeträchtigen Daily News Building, dem ehemaligen Hauptsitz der gleichnamigen Zeitung, unterhält die Konrad-Adenauer-Stiftung ihre Repräsentanz.
Tödtling leitet das Büro erst seit etwas mehr als zwei Jahren. Doch schon in dieser kurzen Zeit habe sich die Rolle der Metropole als Zentrum der weltweiten Diplomatie spürbar verändert, sagt er.
„New York hat insgesamt als multilaterale Hauptstadt der Welt an Bedeutung verloren, denn die internationale Zusammenarbeit an globalen Themen ist geschwächt“, so Tödtling. Vor allem die Trump-Regierung stehe multilateralen Institutionen ablehnend gegenüber.
Die Folge: Die USA würden sich dann primär für die UN interessieren, wenn es ihnen in ihrer strategischen Rivalität mit China nütze. „In aktuellen Friedensbemühungen spielen die UN, wenn überhaupt, nur eine sehr untergeordnete Rolle“, fasst Tödtling zusammen.
Trump nutzte seine Rede vor der UN-Generalversammlung im September indes als Generalabrechnung. „Die UN lösen nicht nur nicht die Probleme, die sie lösen sollten, sondern schaffen sogar allzu oft neue Probleme, die wir lösen müssen“, behauptete der US-Präsident. Ihren Unmut drücken die USA mit Mittelkürzungen aus.
Vor wenigen Tagen haben die USA immerhin zwei Milliarden Dollar zur Finanzierung humanitärer Programme der UN zugesagt – doch dies gleichzeitig mit einer Warnung verbunden. Die UN müssten sich „anpassen, schrumpfen oder sterben“.
In den vergangenen Jahren hatten die Amerikaner noch ein Vielfaches der Summe bereitgestellt. Generalsekretär António Guterres reagiert darauf inzwischen mit umfassenden Reformen. Der Portugiese will im Rahmen seiner UN80-Initiative spürbar Personal abbauen oder in günstigere Städte verlegen – zulasten von New York.
Manchen dürfte das gefallen, etwa der Konservativen Partei im Bundesstaat New York. Sie forderte die Organisation kürzlich sogar dazu auf, gleich mit ihrem gesamten Hauptsitz die Ostküstenmetropole zu verlassen. Sie habe sich von einer einst hoffnungsvollen Nachkriegsorganisation zu einer „bürokratischen Hülle entwickelt, die Amerika und seinen Werten feindlich gegenübersteht“, behauptete der New Yorker Parteiführer Gerard Kassar.
4. New York als politischer Spielball
Wo Donald Trump Ärger droht, ist Austin Nasso nicht weit. Der 30-Jährige zählt zu den bekanntesten Trump-Parodisten der Stadt. Bekleidet mit einem blauen Anzug und einer blonden Perücke stellt er sich vor die größten Sehenswürdigkeiten der Stadt und mimt den Präsidenten – manchmal sogar vor dessen New Yorker Zuhause, dem Trump Tower an der 5th Avenue.
Dass er mit seinen Einlagen in politisch aufgeheizten Zeiten besonders provoziert, hält ihn nicht ab. „Comedy ist etwas, das Comedians so sehr machen wollen, dass sie dafür Hürden in Kauf nehmen“, sagt Nasso. Sein neuester Streich ist eine komödiantische Weihnachtsromanze zwischen Trump und Mamdani. Allein auf der Videoplattform Tiktok sahen Zehntausende das Video. Nasso trifft mit seiner Parodie einen wahren Kern. Denn das Wohl der Weltmetropole dürfte massiv vom Verhältnis zwischen den beiden Politikern abhängen.
Im Wahlkampf hatte Trump der Stadt etwa damit gedroht, Bundesmittel in Milliardenhöhe zu streichen, sollte Mamdani gewinnen. New York ist die Heimatstadt der Präsidentenfamilie. Donald Trump ist hier geboren und aufgewachsen, hat das Immobilienimperium seines Vaters und Großvaters vorangetrieben. Die Stadt liegt ihm am Herzen.
Bereits Anfang Oktober hatte die US-Regierung etwa 18 Milliarden Dollar für die Finanzierung eines neuen Eisenbahntunnels unter dem Hudson River zwischen New York City und New Jersey sowie für eine Verlängerung der U-Bahn auf Eis gelegt.
Auch droht der US-Präsident regelmäßig, gegen New Yorks neue Mautgebühr für Autofahrer vorzugehen. Wer in den Innenstadtbereich fährt, muss seit einigen Monaten bis zu neun Dollar zahlen. Mit den Einnahmen wird unter anderem der öffentliche Nahverkehr finanziert. New York werde durch die „lächerliche Stauabgabe ruiniert“, schrieb Trump auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social und behauptete, der Ort sei „eine Geisterstadt“.
Und nicht zuletzt hängt auch die Zukunft des zweitgrößten Bahnhofs der Stadt vom Wohlwollen des Präsidenten ab. Denn das US-Verkehrsministerium hat die Kontrolle der milliardenschweren Renovierung der in die Jahre gekommenen Penn Station an sich gerissen. Das Projekt sei ein entscheidender Bestandteil der umfassenderen Initiative der Trump-Regierung, große und schöne Infrastruktur zu schaffen, erklärt das Verkehrsministerium.
Stadtforscher Richard Florida warnt jedoch davor, die Bedrohung aus Washington überzubewerten. „Die nationale Politik ändert sich schnell“, sagt er. Das zeige sich etwa daran, wie bemerkenswert zurückhaltend die Beziehung zwischen beiden Politikern bisher gewesen sei. Ein erstes Treffen im Weißen Haus verlief überraschend harmonisch. „Anstatt Mamdani anzugreifen, hat Trump seine Bereitschaft zum Dialog signalisiert. Das gibt dem Bürgermeister Spielraum für eine pragmatische Politik“, erklärt der Stadtforscher.
Sein Fazit: „New York hat schon weitaus schlimmere Zeiten überstanden.“ Während andere Metropolen wie London und Hongkong mit echten strukturellen Herausforderungen konfrontiert seien, werde New York auch unter Mamdani die führende Weltstadt bleiben. „Und nichts deutet darauf hin, dass sie jemals abgelöst werden könnte.“
Erstpublikation: 02.01.2026, 04:00 Uhr.