Varoufakis über Rücktritt „Ich bin erleichtert“

Yanis Varoufakis spricht in einem Interview über seine Zeit als griechischer Finanzminister. Für seine europäischen Kollegen hat er dabei kaum ein gutes Wort übrig. Und er gibt den Grund für seinen Rücktritt preis.
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„Varoufakis war das Beste, was uns passieren konnte“

AthenNach seinem überraschenden Rücktritt als griechischer Finanzminister hat Giannis Varoufakis in einem Interview über seine Zeit bei der Eurogruppe und die Gründe für seinen Rückzug gesprochen. Varoufakis sagte dem britischen Magazin „New Statesman“ in einem am Montag veröffentlichten Interview, wann immer er bei seinen europäischen Ministerkollegen wirtschaftliche Argumente vorgebracht habe, sei er mit „leeren Blicken“ bedacht worden. „Ich hätte auch die schwedische Nationalhymne singen können, da hätte ich dieselbe Reaktion erhalten“, sagte der Wirtschaftswissenschaftler dem Magazin.

Das Interview wurde vor dem jüngsten Abkommen zwischen Griechenland und der Eurogruppe über ein neues Hilfsprogramm geführt. Varoufakis hatte eigentlich für den Fall, dass die Griechen beim Referendum vor über einer Woche über die Gläubigerpläne mit Ja stimmen, seinen Rücktritt in Aussicht gestellt. Die Griechen stimmten indes mit über 61 Prozent gegen die Reformforderungen – Varoufakis trat überraschend trotzdem zurück.

„Ich habe noch nie den Mittelfinger gezeigt“
Yanis Varoufakis
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„Zu jedem verantwortungslosen Kreditnehmer gehört ein verantwortungsloser Kreditgeber. Vor 2010 hat das im Überfluss vorhandene Kapital in Griechenland einen Tsunami an Schmarotzer-Krediten ausgelöst.“

Varoufakis spielt hier auf die Zeit vor Hilfspaketen, Rettungsschirmen und Sparmaßnahmen an, als Griechenland auf Basis von EU-Krediten über seine Verhältnisse lebte.

Über die Deutschen
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„Was immer die Deutschen sagen, am Ende werden sie immer zahlen.“

Kurz vor seiner Ernennung zum Finanzminister am 27. Januar 2015 stellte Varoufakis schon einmal klar, auf welche Art von Verhandlungspartner sich die Euro-Gruppe einstellen kann – speziell Deutschland. Diesen O-Ton gab er in einem Interview der französischen Zeitung „La Tribune“.

Über den Grexit
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„Wer auf den Grexit setzt, spielt mit dem Feuer.“

Obwohl sich der Ton in Brüssel nach 20 Wochen des zähen Verhandelns mit Athen empfindlich verschärfte, gab Yanis Varoufakis sich stets zuversichtlich. Die europäischen Regierungen werden sein Land nicht aus der Euro-Zone drängen, sagte er der BBC. Schon im April hatte er all diejenigen gewarnt, die den Euro-Austritt Griechenlands forderten: „Jeder, der darauf setzt, dass die anderen Länder überleben, wenn man ein Stück von der Euro-Zone abschneidet, spielt mit dem Feuer.“

Über Vertrauen
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„Herr Schäuble hat mir gesagt, dass ich das Vertrauen der deutschen Regierung verloren habe. Ich habe ihm gesagt, dass ich es niemals genossen habe. Ich habe das Vertrauen des griechischen Volkes.“

Varoufakis sagte diesen Satz im März 2015 dem Sender Mega TV, nachdem er sich mit Finanzminister Wolfgang Schäuble getroffen hatte. Schäuble machte, wie auch andere Euro-Minister, beharrlich deutlich, dass ohne Erfüllung der griechischen Reformzusagen keine Hilfsgelder fließen können, auch keine Vorschusszahlungen. Ein Sprecher des Außenministeriums in Athen warf Schäuble zudem Beleidigung seiner griechischen Kollegen vor, weswegen die Regierung offiziell interveniert habe.

Über seinen Mittelfinger
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„Dieses Video ist falsch. Es ist so montiert worden. Diesen Finger habe ich nie gezeigt. Ich habe noch nie den Mittelfinger gezeigt.“

Varoufakis behauptete in der ARD-Talk-Sendung „Günther Jauch“, er habe Deutschland nie den Stinkefinger gezeigt. Das dort gezeigte Video sei eine Fälschung. Später behauptete er dann noch, man habe ihn mit dem Video hereingelegt.

Über die Attacke
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„Sie hat mich beschützend umarmt.“

Auch wenn er das regelmäßige Bad in der Menge genießt – bisweilen missfiel Varoufakis Auftreten auch den Griechen selbst. Ende April wurde er in einer Athener Taverne im linken Stadtviertel Exarchia von Vermummten beschimpft und angegriffen. Seine Ehefrau und er wurden bei der Attacke mit Gegenständen beworfen. Die Vermummten wollten ihn schlagen, beklagte sich Varoufakis hinterher. Seine Frau habe das verhindern können, "indem sie mich beschützend umarmte".

Über das Referendum
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„Die Zukunft erfordert ein stolzes Griechenland innerhalb der Euro-Zone und im Herzen Europas. Diese Zukunft verlangt, dass die Griechen am Sonntag mit 'Nein' stimmen.“

Schreibt Varoufakis in seinem Blog vor dem Referendum Griechenlands. Obwohl ein „Nein“ auch ein Nein gegen die Zukunft in der Euro-Zone bedeuten würde.

Als Grund nannte er die ablehnende Haltung ihm gegenüber in der Eurogruppe. Zudem sei sein Abschied von Regierungschef Alexis Tsipras als „potenziell hilfreich“ betrachtet worden. Dem britischen Magazin sagte Varoufakis nun, er sei zurückgetreten, weil er bei einem Kabinettstreffen überstimmt worden sei, bei dem er für eine harte Linie gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) geworben hatte. So schlug er unter anderem vor, der EZB die Kontrolle über die griechische Zentralbank abzunehmen sowie Schuldscheine einzuführen. Er sei aber bei zwei zu vier Stimmen überstimmt worden.

Varoufakis zeigte sich zudem erleichtert, die Zeit als Minister hinter sich zu haben. Fünf Monate lang habe er täglich nur zwei Stunden geschlafen. „Und ich bin erleichtert, nicht mehr diesen unerträglichen Druck zu haben, eine Position zu verhandeln, die ich nur schwer verteidigen kann.“

Mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ging er hart ins Gericht. Die Euro-Finanzminister seien „komplett“ von ihm dominiert. Die Gruppe sei „wie ein äußerst gut dirigiertes Orchester“ mit Schäuble als Chef.

Was sein Motorrad über Varoufakis verrät
Varoufakis und Frau Danae auf Yamaha XJR1200
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Der frisch zurückgetretene Varoufakis mit Sozia-Ehefrau in Athen: Dass er auf einem Motorrad zum Ministerjob fuhr, verlieh ihm etwas Unangepasstes. Seine Frau ohne Helm mitzunehmen, erscheint indes etwas unangebracht, obwohl...

These 1: Er liebt das Risiko
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Im Vergleich zum Autofahrer hat der durchschnittliche europäische Biker im direkten Vergleich ein 16-fach höheres Risiko auf der nächsten Fahrt zu sterben. Wer trotzdem fährt, zumal im griechischen Stadtverkehr, muss es besonders eilig haben.

Was an dem Bild nicht stimmt
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Varoufakis ist vorliegenden Bildbeweisen zufolge meist ohne Protektoren und angemessene Schutzkleidung unterwegs. Der 53-Jährige unterliegt damit der eigentlich unter jüngeren Bikern weit verbreiteten Hybris: Er glaubt, er habe alles unter Kontrolle und der Tod klopfe nur an Nachbars Tür.

These 2: Er ist flexibler als andere
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Motorradfahrer brechen im Berufsverkehr gerne mal die Regeln, wenn es eng wird. Sie wechseln überraschend die Spur, überholen aus dem Windschatten und geben anderen Verkehrsteilnehmern kaum eine Chance, ihre Geschwindigkeit richtig einzuschätzen. Irgendwie kommt einem das ja von den Verhandlungen mit den Gläubigern vertraut vor.

Was an dem Bild nicht stimmt
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Varoufakis fährt gar kein besonders wendiges Motorrad, sondern ein tourentaugliches Naked Bike. Die Yamaha XJR 1300 gibt es schon seit mehr als 20 Jahren, sie ist weder besonders sportlich, noch stadttauglich. Ihre Abmessungen sind nicht kompakt. 98 PS braucht in der Stadt auch niemand.

These 3: Er ist ein harter Typ
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Wer als Politiker öffentlich Motorrad fährt und keine Gelegenheit auslässt, die Maschine und Lederjacke ins Bild zu rücken, geht damit ganz bewusst auf optische Distanz zum Anzugträger, der mit Bügelfalte dem Oberklasse-Dienstwagen-Fond entsteigt. Wer dagegen selber das Bein über Ledersattel schwingt, den Gasgriff aufdreht, zeigt Dynamik.

Was an dem Bild nicht stimmt
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Durch eine schwarze Lederjacke wird man ebensowenig zum Rocker, wie durch Glatze zu Kojak. Motorrad fahre er seit seinem 15. Lebensjahr, sagte Varoufakis dem Guardian. Aber meist bei schönem Wetter. Oft steigt er von der schwarzen Yamaha um in einen saftlosen kleinen Toyota. Das Bild vom Halbstarken war ihm sicherlich für seine EU-Krisenverhandlungen nicht unangenehm. Aber es ist ein von den Medien aufgebauschtes Image, mit dem er nur spielt.

  • afp
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17 Kommentare zu "Varoufakis über Rücktritt: „Ich bin erleichtert“"

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  • "Die Euro-Finanzminister ... Gruppe sei „wie ein äußerst gut dirigiertes Orchester“ mit Schäuble als Chef."

    In einer Gruppe hat der kompetenteste - und in diesem Fall auch der Erfahrenste - natürlich eine herausgehobene Stellung. Wenn es anders wäre, müßte man sich Sorgen machen. So einem Schwergewicht wie ihm würde es nur die Arbeit erleichtern, wenn es in der Eurogruppe noch weitere von seinem Format gibt.

    Also Herr Varoufakis - ein besseres Lob konnten Sie nicht aussprechen für unseren Finanzminister.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • das ist doch immer das Gleiche mit den zurückgetretenen Ministern; kaum sind sie zurückgetreten, wissen sie alles besser und sonnen sich im Glanz ihrer Unfähigkeit Verantwortung zu übernehmen; ich denke, auch dieser Minister hat einen Eid auf die griechische Verfassung geleistet; "zum Wohle des griechischen Volkes" und nicht als zurückgetretener "Scherzkeks". Nicht jeder Professor ist ein guter Professor. In Deutschland gab es ja auch einmal einen flüchtigen Finanzminister, Lafontaine, der im nachhinein jedem aus seiner Sicht gute Ratschläge erteilen wollte nur sich selbst nicht. Vielleicht wollte Varoufakis auch nur ordentlich seine eigene Werbetrommel drehen; als Minister war er zumindest eine richtig große Niete.

  • ich glaube ihm das sogar; und Recht hat er....es gehören immer 2 Parteien zu einem Geschäft. Einer der nimmt und einer der offeriert und gibt.

    Alle vorherigen Regierungen ( bis auf die jetzige, das muss man mal ganz klar sagen ) sind an diesem Schlamassel Schuld, genauso wie GS die seinerzeit regelrechte Bilanzfälschung beim Euroeintritt durchgeführt haben. Da muss man sich doch mal fragen: warum?
    Und ich wette 1:100 das die USA dieses intern als Vorgabe angedient haben; allein aus geopolitischen Gründen. Die ganze Politik ist nur noch auf geopolitischer Basis ausgelegt.

    Ist eigentlich irgendein nennenswerter Investor Pleite an Griechenland gegangen; irgendeine Bank in D oder F? Diese Definition "systemrelevante Bank" kann doch keine Sau mehr hören. Nichts ist systemrelevant. Hier geht es nur darum das die Großinvestoren ihre Kohle behalten. Die gleichen Großinvestoren finanzieren auch D.
    Gut verdienen sie alle mit den Staatsschulden, auch mit denen von D.

    Eigentlich erinnert mich diese ganze Nummer an das Geschäftsgebaren der ehemaligen Citybank; erst gross Kredite ausreichen obwohl meistens genau gewusst wurde das es früher oder später knallt, und dann Hochzinszinsen kassieren. Kann sich die Barklaybank gleich mit einschließen.

    Dann wird das Skalpel angesetzt und skelettiert; die Investoren steigen zu niedrigen Kusren ein und mehren ihren Besitz und halten die Hand drauf.

    Und die Bevölkerung wird gezwungen irgendwelche Sanktionen auf sich zu nehmen. Quasi Alternativlos. Die Herde macht es mit; egal ob hüben wie drüben. Hier ist es auch nicht anders, nur in einer anderen Farbe. Jeder Depp lässt sich diesen GEZ-Schwachsinn anjubeln - statt einfach mal die Fresse aufzureißen und Paroli zu bieten.

    Das Finanzsystem ist einfach im Allerwertesten; da können die machen was sie wollen.

    Wo der Schäubel gerade so auf den Schulden der anderen rumtritt: wieviel effektive TILGUNG haben wir denn in diesem Jahr bisher geleistet ? Na ?

  • "So schlug er unter anderem vor, der EZB die Kontrolle über die griechische Zentralbank abzunehmen sowie Schuldscheine einzuführen."

    Das ist unsere Zukunft - jeder Banause kann uns unser Geld abnehmen...
    Schluss mit dem Wahnsinn!!!

    Diese halben Keynesianer - bei Ausgaben immer groß, aber Rückzahlen nie.

  • Machen Sie sich um die SPD keine Sorgen, die
    zerlegt sich schon selbst. Eine ehemalige Arbeitnehmer-
    partei mit langer Tradition, die mittlerweile meint, die
    CDU teilweise rechts überholen zu müssen, die für
    langjährige Arbeitnehmer nach einem Jahr Arbeitslosig-
    keit Bedingungen schafft, als ob sie nie gearbeitet hätten
    ("Hartz4"), die kaum dass sie mit der CDU im Koalitionsbett
    liegt aus 0% angekündigter Mwst.erhöhung 3% macht, um eine
    solche Partei ist es nicht schade und eine solche Partei kann
    auch nicht mehr ernst genommen werden (was man ja hin und
    wieder auch in der Regierungszusammenarbeit erkennen kann).

    Gott sei Dank erkennen das die Wähler mittlerweile auch (und ich
    sage das als ehemaliger, langjähriger und damals überzeugter SPD-
    Wähler) und strafen diese inhaltslose zartrote Hülle anständig ab.

  • - Diebe beschimpfen auch ihre Opfer

    - die Amis bezeichnen die Besitzer ihres Landes, die Indianer, als Babaren und Wilde

    - gewisse Religionen bezeichnen andere als Goy (Untermenschen), die man straffrei ausrauben kann.

    Immer ist es das selbe Muster, wie sich böse Menschen verhalten.

  • "Für seine europäischen Kollegen hat er dabei kaum ein gutes Wort übrig."

    Ja, das ist schon dumm gelaufen. Die europäischen Kollegen sollten doch einfach nur zahlen und freundlich sein. Wenn sich alle daran gehalten hätten, dann wär Herr Varoufakis ganz bestimmt super zurechtgekommen.

  • Am meisten die Deutschen belogen hat zum Ende der Verhandlungen hin die SPD. Gestern hat die SPD Schäuble vorgeworfen, dass er bei der Schlussverhandlung am Sonntag die Griechen mit einem Grexit "erpresst" hat. Somit hatte die SPD in Wahrheit nie vor, den Grexit anzuwenden, obwohl Gabriel es den Deutschen vorher mit deutlichen Worten angekündigt hatte. ... Der Schluss liegt nahe, dass außer den linksregierten Euroländern (inclusive Frankreich) also auch die deutsche SPD Deutschland verraten wollte, um sozialistische Träumereien in Europa durchzusetzen, was letztendlich Deutschland bitter zu bezahlen hätte. Auch die deutschen SPD-Politiker sehen sich nicht mehr als Deutsche, sondern hegen Großeuropäische Machtphantasien.

  • naja, ein echter Vollblut-Grieche und das in allen Aspekten.

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