Venezuela Der Vizepräsident und das Kokain-Kartell

Venezuelas Vizepräsident als Drogenhändler? US-Ermittler sind sich sicher, dass Tareck El Aissami Kokain schmuggelt – und verhängen Sanktionen gegen ihn und zahlreiche Firmen. Der Vize ist nicht nur deswegen umstritten.
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Die USA verhängt wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Drogenschmuggel und Terrorismus Sanktionen gegen Venezuelas Vizepräsidenten. Quelle: dpa
Tareck El-Aissami

Die USA verhängt wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Drogenschmuggel und Terrorismus Sanktionen gegen Venezuelas Vizepräsidenten.

(Foto: dpa)

CaracasTareck El Aissami ist ein studierter Kriminologe, dessen Biografie für einen 42-Jährigen reichlich schillernd ist. Mit 33 Jahren Innenminister, seit Januar Vizepräsident Venezuelas. Und zugleich ist er sehr undurchsichtig, wie so vieles in Venezuela, wo das Militär und die seit 1999 regierten Sozialisten eisern die Zügel in der Hand halten. Aber langsam zeichnen sich seine Konturen doch immer deutlicher ab.

Die neue US-Regierung von Präsident Donald Trump holt nun zum großen Schlag gegen ihn aus. Der Vorwurf ist ungeheuerlich, der zweite Mann im Staate soll quasi der oberste Dealer sein. Die Beweise sind aus Sicht des US-Finanzministeriums erdrückend. Jahrelang hat die Anti-Drogenbehörde ermittelt. Es geht um den Verdacht, dass El Aissami den Handel via Venezuela in die USA nicht nur protegiert, sondern auch aktiv gefördert hat. Einer Gulfstream 200-Maschine, die ihm gehören soll, wurde nun die Fluglizenz für die USA entzogen - wurde hiermit etwa Kokain transportiert? Zudem wurde ein ganzes Geflecht an Firmen mit Sanktionen belegt; sein Vermögen in den USA eingefroren.

Unter dem 2013 verstorbenen Hugo Chávez wurde El Aissami, der syrisch-libanesischer Abstammung ist, 2008 Innenminister und ordnete die Polizei neu. Er gilt als eingefleischter Sozialist, für seine harten Bandagen ist er bei der Opposition sehr gefürchtet.

Konservative, Liberale und Sozialdemokraten streben ein Referendum zur Abwahl von Präsident Nicolás Maduro an. Doch bei einem Erfolg der für dieses Jahr anvisierten Volksbefragung würde gemäß Verfassung der Vizepräsident, El Aissami, bis 2019 die Macht übernehmen. Angesichts ihm nachgesagter enger Kontakte zum Iran und der radikal-islamischen Hisbollah-Miliz dürfte Trump das in solcher Nähe zu den USA gar nicht schmecken.

„Dies sind keine politischen oder ökonomischen Sanktionen, das sind ausschließlich Anti-Drogen-Sanktionen“, weisen US-Regierungsvertreter aber andere Motive zurück. Bei der Frage, ob auch der Flughafen Caracas für den Drogenumschlag benutzt wurde, speziell der Hangar für Regierungsflüge, könne nicht ins Detail gehen, hieß es weiter. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Sozialisten gute Kontakte zur kolumbianischen Farc- und ELN-Guerilla gepflegt haben, die bis zum Friedensprozess in der Grenznähe zu Venezuela den Kokainhandel kontrolliert haben.

Maduro nennt El Aissami einen „Sohn“ Chávez'“, der wegen seiner kriminologischen Ausbildung gut geeignet sei, die kriminellen Banden im Land zu bekämpfen. Viele Bürger in Caracas argwöhnen, dass sich die herrschenden Sozialisten auf illegalen Wegen bereichern. Keiner kann so recht erklären, wie das Land mit den größten Ölreserven der Welt täglich Bilder von mangels Medizin sterbenden Kindern und langen Schlangen vor Supermärkten produziert. Zuletzt machten Nachrichten die Runde, dass sogar seltene Flamingos gejagt und gegessen würden.

Venezuela steht am Abgrund

Raubüberfälle, Plünderungen und Lynchmobs
Maria Arias
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„Ich habe jeden Tag Angst“, sagt die 14-Jährige. „Das Herz rutscht mir in die Hose und ich denke: Mein Gott, die Schule sollte doch ein sicherer Ort sein.“ Optisch erinnern die Lernanstalten in Venezuela eher an großstädtische Busbahnhöfe: schmutzig, nach Urin stinkend und voll mit Menschen, die auf etwas warten, das vielleicht nicht kommt.

Mit ihren Freundinnen
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Die steigende Kriminalität und das wirtschaftliche Chaos in Venezuela greifen inzwischen auch auf das einst gut funktionierende Schulsystem über. Kinder aus armen Familien wie Maria verlieren jede Chance auf ein besseres Leben. Offiziell fielen landesweit seit Dezember 16 Unterrichtstage wegen einer Energiekrise aus. Doch nach Schätzung einer Elternorganisation waren es im Durchschnitt 40 Prozent aller Schulstunden.

Zuhause bei Maria
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Kürzlich wurde Maria von ihrer Mutter gebeten, die Kunststunde ausfallen zu lassen und stattdessen zu einem Laden zu gehen, in dem es Mehl zu kaufen gab. Doch als das Mädchen dort eintraf, waren die Vorräte schon wieder ausverkauft. Maria raste zurück in die Schule, um am Nachmittag eine Mathearbeit zu schreiben. Doch der Lehrer erschien erst gar nicht.

Hunger begleitet die Kinder
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Ein Drittel der verarmten Lehrer kommt nicht zum Dienst und reiht sich stattdessen in Warteschlangen bei Essensausgaben ein. An Marias Schule wurden so viele Jungen und Mädchen wegen Hungers bewusstlos, dass die Schulleitung die Eltern aufrief, unterernährte Kinder zu Hause zu lassen.

In ihrem Zimmer
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Schon die erste Stunde um sieben Uhr fällt aus, weil sich der Kunstlehrer krank gemeldet hat. Auch Geschichte findet nicht statt, Sport ohnehin nicht, nachdem der Lehrer vor ein paar Wochen erschossen wurde. Am Nachmittag entlässt der Spanisch-Lehrer die Schüler vorzeitig, damit diese nicht gegen eine von den Straßengangs verordnete Ausgehsperre verstoßen.

„Wir sitzen in der Falle“, sagt Maria. „Wir riskieren unser Leben, um hierher zu kommen und müssen dann stundenlang untätig warten. Aber man muss weiter zur Schule gehen, weil sie der einzige Ausweg ist.“

In der Schule
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Die Schülerin bemerkt bitter, dass die U-Bahn das günstigste sei, was man in Caracas kaufen könne: Man bezahle für eine Fahrkarte und werfe sich vor den Zug – dann seien alle Probleme vorbei.

Es fehlen vor allem Dollar-Devisen, um Lebensmittel und Medikamente einzuführen - aber Leute wie El Aissami sollen über erkleckliche Vermögen verfügen. Und dann sind dann noch seine Kontakte in den Mittleren Osten. Noch unter Barack Obama war Venezuela zu einer Bedrohung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten erklärt worden.

Der venezolanische Kongressabgeordnete Ismael García verlangt eine internationale Untersuchung. Denn es gibt auch Hinweise, dass in der Zeit des Innenminister El Aissami mindestens 173 Personen aus Ländern wie Syrien, Libanon, Irak und Iran venezolanische Pässe verschafft worden sind. Als Preis sollen zum Beispiel an der Botschaft in Bagdad bis zu 15 000 US-Dollar (14 100 Euro) gezahlt worden sein. „Diese Personen können verwickelt sein in Drogenhandel und Terror-Aktivitäten“, sagt er.

In US-Geheimdienstkreisen gibt es Sorgen, dass über das „Trampolin“ Caracas kriminelle Personen einreisen könnten. Maduro lässt immer wieder Zehntausende Soldaten zu Wehrübungen antreten, da die USA angeblich Invasionspläne hätten. Zu Trump hat er sich bisher fast freundlich geäußert, schlimmer als mit Obama könne es nicht werden. Doch statt Tauwetter scheint nun wieder Eiszeit angesagt zu sein.

  • dpa
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