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Verbraucherpreise Wie gefühlte und gemessene Inflation näher zusammenrücken könnten

Die Bundesregierung unterstützt die EZB bei einer volksnahen Berechnung der Inflation: Die Preise für Wohneigentum sollen einbezogen werden. Ökonomen sehen noch Alternativen.
02.12.2020 - 19:08 Uhr Kommentieren
Die offiziellen Inflationszahlen werden von etlichen Bürgern angezweifelt: In ihrer Wahrnehmung wird das Leben immer teurer. Quelle: dpa
Hamburger Einkaufsstraße

Die offiziellen Inflationszahlen werden von etlichen Bürgern angezweifelt: In ihrer Wahrnehmung wird das Leben immer teurer.

(Foto: dpa)

Frankfurt, Berlin, Düsseldorf EZB-Präsidentin Christine Lagarde kann bei ihrem Bemühen, die Inflation künftig anders zu messen, mit Unterstützung aus Deutschland rechnen. Erstmals hat die Bundesregierung offiziell erklärt, dass sie Lagardes Überprüfung der geldpolitischen Strategie zumindest in einem Punkt unterstützen will: beim Plan, künftig selbst genutztes Wohneigentum in der Inflationsmessung stärker zu berücksichtigen.

Die Preise von selbst genutzten Eigenheimen und Eigentumswohnungen hätten „eindeutig eine Konsumkomponente“, verlautete aus der Bundesregierung. In Deutschland sind sie daher seit Langem Bestandteil der Liste der Güter, deren Preise in den Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts einfließen.

In dem für die Geldpolitik der EZB maßgeblichen Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) sind sie hingegen nicht enthalten. Diesen Index erhebt das europäische Statistikamt Eurostat. Die EZB kann aber gemeinsam mit der Politik auf Änderungen drängen.

In einer offiziellen Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage des Thüringer FDP-Abgeordneten Gerald Ullrich steht: „Deutschland unterstützt die Initiative zur Einbeziehung des selbst genutzten Wohneigentums in den für europäische Zwecke berechneten harmonisierten Verbraucherpreisindex.“

Nach Berechnungen der EZB würde die Euro-Inflationsrate um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte steigen, wenn die Eigentümerwohnungen in allen Euro-Staaten mitgezählt würden. Es wäre dann leichter für die Notenbank, ihr Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent zu erreichen. Das wiederum wäre die Voraussetzung für ein Ende der Niedrigzinspolitik, die vor allem in Deutschland auf Kritik stößt.

Große Lücke zwischen gefühlter und gemessener Inflation

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Ullrich ist überzeugt, dass die Inflation in Europa eigentlich viel höher ist als der von der EZB zugrunde gelegte Preismaßstab und die Kaufkraft der Bürger stetig sinkt.

Seit der Finanzkrise ist die Euro-Inflationsrate nur schwach gestiegen und in den letzten Monaten sogar gesunken: für die Euro-Zone im November und im Oktober jeweils um 0,3 Prozent. Auch in Deutschland ist sie – trotz eingerechneter Eigentümerwohnungen – im November ebenfalls um 0,3 Prozent und im Oktober um 0,2 Prozent gesunken.

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Diese Zahlen werden von etlichen Bürgern angezweifelt: In ihrer Wahrnehmung wird das Leben immer teurer. Seit Einführung des Euro-Bargeldes 2002 klaffen gefühlte und gemessene Inflation auseinander, vor allem in Krisenzeiten: So war in Deutschland das Gefühl, sich das Leben wegen steigender Preise immer weniger leisten zu können, besonders stark in der Wirtschaftsflaute 2002/3 sowie in der Finanzkrisenrezession 2009. In der aktuellen Corona-Pandemie kehrt es zurück.

Die europäische Statistikbehörde Eurostat misst diese Lücke sogar: Aktuell liegen gefühlte und gemessene Zahlen in den Euro-Ländern um fast sechs Prozentpunkte auseinander. Was aber löst es aus?

Für die Zeit der Euro-Einführung stellten Ökonomen später fest, dass die hohe gefühlte Inflation eine Folge davon war, dass viele Einzelhändler, Friseure und Restaurants die D-Mark-Preise mit satten Aufschlägen in Euro umgerechnet hatten. Der Preis für den Cappuccino im Café etwa stieg damals um 50 Prozent. Es waren die Preise des täglichen Bedarfs, die jeder Verbraucher sofort sieht, die rasant stiegen.

Auch in der aktuellen Coronakrise sind es Alltagspreise, etwa für Obst und Gemüse, zeitweise auch für Klopapier, die stark gestiegen sind. Dagegen sind die Energiepreise für Verbraucher deutlich gesunken. Die Heizungsanlage allerdings wird meist nur einmal im Jahr befüllt.

Die besonders sichtbaren Alltagspreise machen nur einen Teil des deutschen Warenkorbs aus: 750 Warengruppen und verbrauchernahe Dienstleistungen mit 300.000 Preisen fließen in ihn ein. Ausgaben für Wohnung, Wasser, Energie, Nahrungsmittel, Freizeit, Elektroartikel, Kultur, Bildung, Gesundheit, Pflege, Bekleidung, Autos, Kommunikation, für Friseur- und Restaurantbesuche, Fitnessstudios und vieles mehr tragen die Preisermittler des Statistischen Bundesamts und die Landesämter in 94 ausgewählten Regionen und auch aus dem Internet zusammen.

Die Auswahl der konkreten Produkte wird laufend in Form von repräsentativen Stichproben ermittelt. Für jede Güterart wird daraus die durchschnittliche Preisentwicklung errechnet. Auf dieser Basis ermittelt das Amt den HVPI für Europa. Eurostat trägt diesen aus allen Euro-Staaten zusammen.

Statistiker bitten zum inflationären Selbstversuch

Seit mit dem Euro in Deutschland die gefühlte Inflation aufkam, wirbt das Statistische Bundesamt mit Transparenz um Vertrauen für seine Preismessung. Es gibt zahlreiche Unterindizes, etwa für Wohnen, Verkehr, Lebensmittel und Energie, die sich auf seiner Website finden.

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Teilweise zeigen interaktive Grafiken, wie sich die Preise für verschiedene Güter entwickelt haben. Auch wie stark welche Warengruppe gewichtet wird, zeigen die Wiesbadener Statistiker. Man kann sogar mit einem Rechner eine persönliche Inflationsrate ermitteln, indem man die durchschnittlichen Ausgaben für einzelne Warengruppen an sein eigenes Konsumverhalten anpasst.

Eine Autorin dieses Textes erhöhte im Selbstversuch die Ausgaben für Kommunikation und senkte die fürs Auto. Sie passte die Wohnkosten an und erhöhte kräftig die Ausgaben für Mode und Restaurantbesuche.

Nur: Die gemessene persönliche Inflationsrate lag danach im Oktober bei kaum veränderten minus 0,1 Prozent anstatt bei minus 0,2 Prozent – obwohl die gefühlte Inflation zuvor doch so viel höher gewesen war.

Ökonomen warnen vor Inflationsillusion

Allerdings ist auch unter Ökonomen umstritten, ob alle Güter des Warenkorbs, aus dem der Verbraucherpreisindex berechnet wird, immer richtig gewichtet werden. So warnt der Ökonom Gunther Schnabl von der Universität Leipzig vor der „Illusion einer niedrigen Inflation“ im Euro-Raum. Zu dieser Illusion tragen nach seiner Überzeugung zum einen die nicht berücksichtigten Wohnimmobilien bei, aber auch Qualitätsanpassungen, die Statistiker vornehmen.

Die EZB befasst sich im Rahmen ihrer Strategieüberprüfung mit der Inflationsmessung. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte diese nach ihrem Amtsantritt im November 2019 angekündigt und versprochen, „jeden Stein“ umzudrehen.

Bei der umstrittenen Qualitätsanpassung rechnen die Statistiker für Güter, bei denen die Qualität gestiegen ist, die Preise herunter, um den geldwerten Vorteil auszugleichen: Wenn also ein Smartphone eine neue Spracherkennung hat und im Laden genauso viel kostet wie das Vorgängermodell ohne Spracherkennung, sinkt der Preis im Verbraucherpreisindex.

Eine Entscheidung über die Inflationsmessung wird wahrscheinlich erst zum Abschluss der Strategiedebatte im September 2021 getroffen. Quelle: via REUTERS
Christine Lagarde

Eine Entscheidung über die Inflationsmessung wird wahrscheinlich erst zum Abschluss der Strategiedebatte im September 2021 getroffen.

(Foto: via REUTERS)


Bei schlechterer Qualität müssten die Preise konsequenterweise hochgerechnet werden, zum Beispiel, wenn Möbel immer öfter aus Pressspan statt aus Echtholz gefertigt werden. Doch Verschlechterungen seien viel schwerer zu erfassen, die Qualitätsanpassung wird verzerrt, so Schnabl.

Das Statistische Bundesamt weist diese Kritik allerdings zurück und sagt, dass die Preise in beide Richtungen korrigiert werden. Allerdings: In manchen Fällen sei eine Erfassung kaum möglich.

Die Bundesregierung unterstützt die von Schnabl geforderten Änderungen bei der Qualitätsanpassung ebenfalls nicht: „Die Kritik scheint nicht gerechtfertigt. Qualitätsveränderungen werden in beide Richtungen einbezogen“, heißt es in der Antwort des Wirtschaftsministeriums an Ullrich. Die Unterstützung der Bundesregierung für die EZB-Statistikprüfung bezieht sich also allein auf die Einbeziehung der Eigentümerwohnungen.

Eigentümerwohnungen beziehen nur wenige EU-Staaten ein

„Für Deutschland wird mittels verschiedener Daten eine vergleichbare Miete ermittelt. Für andere Euro-Staaten wurde das Mietäquivalenzkonzept nicht umgesetzt“, erklärte der Wirtschaftsweise Volker Wieland gegenüber dem Handelsblatt.

Im deutschen Index hat das Wohnen insgesamt ein hohes Gewicht: „Wohnungsmiete einschließlich Mietwert von Eigentümerwohnungen“ machen 20,7 Prozent des Indexes aus, einschließlich aller Neben-, Heiz und Stromkosten steigt dieser Wert auf 32,47 Prozent.

Dass Wohnen trotz erheblich gestiegener Mieten und Immobilienpreise in Großstädten nicht zum Inflationstreiber wurde, liegt daran, dass dort nur jeder dritte Einwohner wohnt, und außerhalb der Großstädte diese Preise kaum bis gar nicht gestiegen sind.

Das Mietäquivalenzkonzept wird auch in den Niederlanden und den USA angewendet, so Wieland. In den USA sei dies ein wichtiger Grund dafür gewesen, dass die Inflation dort in den Jahren 2015 bis 2018 auf zwei Prozent angestiegen ist und die US-Notenbank Fed mit Zinserhöhungen reagierte.

Grundsätzlich fände es Wieland richtig, die Wohnkosten möglichst komplett zu erfassen. Im Euro-Raum wäre die Inflation dann aktuell etwas höher. Für Deutschland hält er die Auswirkungen einer Änderung der europäischen Verbraucherpreise für gering.

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„Die Behauptung mancher deutscher EZB-Kritiker, die Inflation in Deutschland werde systematisch unterschätzt, ist schlichtweg falsch“, sagte deshalb Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Handelsblatt.

Anders ist die Lage im Süden Europas. Die Wohneigentumsquote ist in Frankreich, Italien und Spanien erheblich höher als in Deutschland. Es sind jene Länder, die an den Finanzmärkten in Schwierigkeiten geraten könnten, sollte die EZB bei steigender Inflation die Zinsen erhöhen. Sie dürften sich deshalb gegen jede Veränderung stemmen, die die Inflationsrate nach oben treiben könnte.

Für eine stärkere Einbeziehung der Kosten für das Wohnen in der eigenen Immobilie gibt es innerhalb des EZB-Rats durchaus Sympathie, sowohl bei EZB-Präsidentin Christine Lagarde als auch bei Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

Ökonomen sind bei Eigentumswohnungen leidenschaftslos

Während Wieland und Weidmann zu den geldpolitischen Falken zählen, die ein schnelles Ende der extremen Niedrigzinspolitik der EZB herbeisehnen, ist Fratzscher ein Unterstützer der lockeren Geldpolitik. Bei der Einbeziehung des selbst genutzten Wohnraums sind sie allerdings alle ähnlich leidenschaftslos: Man kann das machen, auf längere Sicht würde es die Inflationsrate aber nur leicht erhöhen.    

Wieland schlägt der EZB daher einen anderen Weg vor, um die gemessene Inflation näher an die gefühlte zu bringen, nämlich eine Änderung ihrer Kommunikationsstrategie. Die Notenbank würde viel zu sehr den Verbraucherpreisindex mit der gesamten Inflation gleichsetzen, kritisiert er. „Es gibt auch andere Inflationsmaße“, so Wieland, etwa den Konsumdeflator, der sich nicht auf Preise, sondern auf die tatsächlichen Konsumausgaben der Verbraucher bezieht.

Oder den BIP-Deflator, der die Preise aller im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen misst und Importprodukte, deren Preise zuletzt gesunken sind, außen vor lässt. Beide Deflatoren könnten den HVPI ergänzen. „Eine differenziertere EZB-Kommunikation wäre auch möglich, wenn es nicht gelingt, einen für alle akzeptablen Weg zu finden, die Kosten selbst genutzten Wohnraums im HVPI zu berücksichtigen“, schlägt Wieland vor.

Im vergangenen September haben die 25 Mitglieder des EZB-Rats, des obersten Entscheidungsgremiums der Notenbank, in einem Seminar über die Inflationsmessung diskutiert. Eine Entscheidung ist dort noch nicht gefallen. Sie wird wahrscheinlich erst zum Abschluss der Strategiedebatte im September 2021 getroffen.

Auch wenn sie dann im EZB-Rat zugunsten einer Reform des HVPI ausfiele, wäre es schwierig, sie dann auch umzusetzen: Eine Änderung der entsprechenden EU-Verordnung kann nur die EU-Kommission auf den Weg bringen. Ihr müssten dann die EU-Staaten zustimmen.

Mehr: Die Tücken der Inflation: Die Strategie der EZB steht auf dem Prüfstand.

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