Verfall der Auto-Hochburg „Detroit ist eine Stadt in großer Not“

Als John Boyle 2005 die Bücher der Stadt Detroit prüfte, fand er eine finanzielle Zeitbombe. Doch niemand interessierte sich dafür. Jetzt ist die Auto-Hochburg so gut wie pleite. Im Interview erklärt Boyle, wie es dazu kam.
John L. Boyle ist Chef der Unternehmensberatung J.L.Boyle International in Livonia nahe Detroit. Er arbeitete unter anderem als Aktuar bei Ford, bevor er sich selbstständig machte. Quelle: Nils Rüdel

John L. Boyle ist Chef der Unternehmensberatung J.L.Boyle International in Livonia nahe Detroit. Er arbeitete unter anderem als Aktuar bei Ford, bevor er sich selbstständig machte.

(Foto: Nils Rüdel)

Wie würden Sie die Lage in Detroit beschreiben?

Detroit ist eine Stadt in großer Not, die vielleicht demnächst Insolvenz anmelden muss. Die Schulden häufen sich auf 15 Milliarden Dollar, das Achtfache der jährlichen Einnahmen.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Stadt ist Opfer eines fast perfekten Sturms. Früher waren gut bezahlte, qualifizierte Jobs ein wichtiger Teil der Wirtschaft, doch dann verschwanden mit der Zeit die Autofabriken und mit ihnen viel Industrie. Als die Firmen weggingen, die Steuern stiegen und Immobilienwerte einbrachen, ging es mit Detroit bergab. Doch die Autoindustrie ist nur ein Teil des Problems. Der andere sind schwere Fehler der Stadtverwaltung. Etwa, dass sie ihren Angestellten Pensionen garantierte, die sie sich gar nicht leisten konnte.

Der Zerfall von „Motor City“ in Bildern
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Wohnen im Schatten von Bauruinen: Häuser nahe des Stadtzentrums von Detroit.

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Lagerhaus am Hafen: Spuren einer einst blühenden Stadt.

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Detroit ächzt unter einem Schuldenberg von bis zu 15 Milliarden Dollar. Da bleibt kaum Geld für den Erhalt von Bauwerken.

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Ikone des Zerfalls: Detroits Central Station war einst ein mondäner Bahnhof.

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Seit 1988 fährt dort kein Zug mehr. Die Ruine ist nur noch eine Foto-Attraktion.

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Verfallende Industrie-Gebäude prägen das Stadtbild.

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Auch diese Kirche nahe der Central Station ist seit Jahren verlassen.

Im Jahr 2004 bat der damalige Chef-Rechnungsprüfer der Stadt Sie als externen Experten, die finanzielle Lage Detroits zu begutachten, weil er dem Bürgermeister misstraute. Ergebnis: Sie fanden ein riesiges Loch.

Ja, ich fand 7,2 Milliarden Dollar an ungedeckten Zusagen für die Gesundheitsvorsorge von pensionierten städtischen Angestellten. Diese Verbindlichkeiten standen nicht in den Büchern, denn Detroit war erst ab 2008 gesetzlich verpflichtet, solche Posten in die Finanzpläne aufzunehmen.

Wie kam es zu dieser Summe?
Die Stadt hatte die Lohnforderungen der Gewerkschaften mit höheren Pensionsleistungen befriedigt, doch dafür nichts zurückgelegt. Die Rechnung bekamen dann spätere Generationen von Steuerzahlern aufgedrückt. Da man früher bereits nach 20 bis 25 Dienstjahren mit vollen Bezügen in Pension gehen konnte, zahlte die Stadt also am Ende gleichzeitig für drei Polizeidirektionen, drei Feuerwehren und drei Verwaltungen – obwohl jeweils nur eine wirklich arbeitete! Die Stadt-Offiziellen hatten einfach keine Lust, es sich mit den mächtigen Gewerkschaften zu verscherzen.

„Korruption und schlechtes Management“
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