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Verhaltenslenkung Wie der Hype um Nudging wirksame Politik verhindert

Die sanfte Verhaltenslenkung wird immer beliebter. Doch Verhaltensforscher weisen nach, dass dadurch wirksamere Politikmaßnahmen unterbleiben.
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Falsche Verheißung: Mit Nudging kann man die Umwelt retten, ohne dass es weh tut. Quelle: Getty Images
Grüne Stadt

Falsche Verheißung: Mit Nudging kann man die Umwelt retten, ohne dass es weh tut.

(Foto: Getty Images)

Frankfurt Das Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ aus dem Jahr 2008 von Richard Thaler und Cass Sunstein war ein begriffsprägender, politisch einflussreicher Bestseller. Thaler hat 2007 für seine Pionierarbeit in der ökonomischen Verhaltensforschung den Ökonomie-Nobelpreis bekommen. Eine Reihe von Regierungen haben seither „Nudge-Teams“ gegründet, die Erkenntnisse der Verhaltensforschung für die Politikberatung nutzbar machen sollen.

Ein Nudging, übersetzt Anstupsen, ist eine Methode, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne dabei auf Zwang oder finanzielle Anreize zurückzugreifen. Stattdessen werden die Rahmenbedingungen so gesetzt, dass das gesellschaftlich erwünschte oder mutmaßlich für die Angestupsten beste Verhalten zur natürlichen ersten Wahl wird.

Ein einfaches Beispiel ist das Einstellen von Druckern auf doppelseitigen Schwarzweißdruck zur Umweltschonung als Standard. Umstellen muss den Drucker dann, wer einseitig und farbig drucken will, nicht wer ressourcensparend drucken will.

Heikler und entsprechend umstritten ist ein anderer Nudge-Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn. Er will Zustimmung zur Organspende im Todesfall voraussetzen, wenn man vorher nicht ausdrücklich widersprochen hat. Die Grenzen zum Autoritären sind fließend, je nachdem, wie schwer einem der Widerspruch gemacht wird, und wie leicht das Vergessen eines eigentlich gewollten Widerspruchs.

Der Nudging-Ansatz ist eine Antwort liberaler und libertärer Wissenschaftler auf Kritik an staatlichen Eingriffen. Er rechtfertigt lenkendes Regierungshandeln damit, dass Menschen auf verschiedene Weise irrational oder unbedacht handeln. Das ließe sich durch Nudging ausgleichen, so die Verheißung, ohne die Entscheidungsfreiheit der Individuen zu beeinträchtigen.

Kein Wunderinstrument

Immer mehr Wissenschaftlern ist der Boom des Nudging nicht geheuer. Zu den Kritikern der angeblichen Wunderwaffe für alle möglichen Probleme, einschließlich der Umweltzerstörung, gehört Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig.

Unter dem Titel „Angestupst in die Katastrophe“ schrieb er 2017 in der „Zeit“ einen scharfen Kommentar gegen den Nudging-Hype und die Erwartung, man könne damit große ökonomische Probleme lösen. Am Beispiel des Klimaschutzes bemängelt er: „Nudging mag in der Lage sein, Menschen einen kleinen Schritt in die richtige Richtung zu schubsen. Aber Klimaschutz bedeutet nicht, ein kleines bisschen besser zu werden.“

Durch Nudging könne man weder die Zahl der Flüge und Schnitzel drastisch reduzieren noch den technischen Wechsel von fossilen zu regenerativen Energien schaffen. „Um Fortschritte zu erreichen, muss man an allen Ecken ansetzen, statt nur auf ein neues Wunder-Politikinstrument zu hoffen“, so Ekardt.

Der renommierte Verhaltensökonom George Loewenstein von der Carnegie Mellon University hat das Nudging selbst mit popularisiert, unter anderem mit dem viel zitierten Beitrag „Regulation for Conservatives“ mit Camerer und anderen aus dem Jahr 2003.

Doch seit einigen Jahren zieht er gegen übertriebene Erwartungen zu Felde. In dem Artikel „Putting Nudges in Perspective“, den er mit Nick Chater in „Behavioral Public Policy“ veröffentlichte, beklagt er, dass die ökonomische Verhaltenswissenschaft auf das reduziert werde, was sich in Form eines Nudges in konkrete Politik umsetzen lasse.

Viel wichtiger seien verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse aber für den Einsatz traditioneller Politikinstrumente wie Steuern, Verbote und Gebote. Sie böten wertvolle Erkenntnisse, wie man damit am effektivsten Verhaltensänderungen herbeiführen kann.

Aufklärung als Gegenstrategie
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