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Verschwundener saudischer Journalist Jamal Khashoggi – Der Unbeugsame

Er wollte Demokratie und Pressefreiheit für Saudi-Arabien. Dafür ging Jamal Khashoggi ins Exil, verließ seine Familie – und bezahlte vermutlich mit seinem Leben.
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Seit der Journalist das saudische Konsulat in Istanbul am 2. Oktober besucht hat, wo er seine Scheidungspapiere abholen wollte, ist er verschollen. Quelle: AP
Jamal Khashoggi

Seit der Journalist das saudische Konsulat in Istanbul am 2. Oktober besucht hat, wo er seine Scheidungspapiere abholen wollte, ist er verschollen.

(Foto: AP)

Jeddah, MünchenEin Wohnzimmer in einem vornehmen Viertel der saudischen Küstenstadt Dschidda. Zwei Eheleute sitzen am Tisch und diskutieren, was sich ändern muss, damit sich Saudi-Arabien endlich demokratisiert. Eine Angestellte serviert Süßigkeiten und Heißgetränke.

Die Ehefrau trägt einen beigen Hidschab, das traditionelle Kopftuch. Sie ist eine promovierte Entwicklungsberaterin. Ihr Mann, ein Intellektueller, kräftig gebaut, sitzt in weißer Thobe, dem arabischen Überkleid, in einem Sessel, nippt an seinem Tee und lauscht den Worten seiner Frau.

Wenn sie, Khadisha Mahmoud*, ihm ins Wort fällt, lächelt er. Obgleich sie unterschiedlicher Meinung sind, verehrt und bewundert er sie. Sein Name ist Jamal Khashoggi. Schon da, es ist ein heißer Tag im Januar 2016, ist er ein international geachteter Journalist.

Mahmoud glaubt an Wandel von unten. Die Gesellschaft sei für alles andere zu konservativ. Khashoggi dauert das zu lang. „Wir werden nie Demokratie haben, wenn wir nicht endlich damit anfangen“, kontert er mit seiner tiefen Stimme. Khashoggi glaubt, es brauche Gesetze, um den Bürgern Saudi-Arabiens mehr Mitsprache zu verschaffen.

Die Menschen würden sich schon daran gewöhnen, wenn die Regierung etwa das Fahrverbot für Frauen, wie 2017 geschehen, kippt. Es sei wie beim Schwimmen, meint Khashoggi: „Irgendwann musst du ins Wasser springen, um es zu lernen.“ Und dann sagt Khashoggi noch etwas anderes: „Es wird Rückschläge und Fehler geben. Vielleicht gibt es sogar Morde. Aber man muss es versuchen.“

Khashoggi hat es versucht – und dafür mit dem Leben bezahlt. Am 13. Oktober wäre der in Medina geborene Journalist 60 Jahre alt geworden. Doch seit er das saudische Konsulat in Istanbul am 2. Oktober besucht hat, wo er seine Scheidungspapiere abholen wollte, ist er verschollen.

Tonaufnahmen türkischer Behörden wollen belegen, dass ein 15-köpfiges, aus Saudi-Arabien angereistes Mordkommando Khashoggi im Konsulat in Istanbul unter seinen gellenden Schreien bei lebendigem Leibe zersägt hat. Khashoggi hinterlässt zwei Töchter und zwei Söhne aus einer anderen Ehe.

Bekannt wurde er zunächst durch seine Interviews mit dem jungen Osama bin Laden. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 bezeichnete Khashoggi später als „einen Anschlag auf Toleranz, Koexistenz und den Islam selbst“. Nach seinem Studium an der Indiana State University zog es Khashoggi zurück nach Saudi-Arabien. Zweimal leitete er die progressive Zeitung „Al-Watan“, zweimal verlor er den Job wegen kritischer Berichte über Teile des saudischen Klerus.

Auch ein arabischer TV-Kanal des saudischen Prinzen und Milliardärs Alwalid ibn Talal, den Khashoggi leitete, musste den Betrieb wegen kritischer Berichte bald wieder einstellen. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten Saudi-Arabiens, dass Khashoggi, der zeitweise Berufsverbot hatte, Medienberater des Prinzen Turki ibn Faisal wurde, als dieser saudischer Botschafter in London und später in Washington war.

In den Kronprinzen Mohammed bin Salman und seinen Reformprozess setzte Khashoggi zunächst einige Hoffnungen. Doch unter „MbS“ ist ein Klima der Angst entstanden. Verhaftungswellen zeigen, dass der Raum für Andersdenkende schwindet.

Khashoggi verließ Saudi-Arabien und seine Familie im Sommer 2017, um frei schreiben zu können, unter anderem für die „Washington Post“. Die Nahostexpertin Maggie Mitchell Salem, eine enge Freundin Khashoggis, berichtet, wie sehr er, der nie Dissident sein wollte, unter der Trennung von seiner Frau gelitten habe. Das Regime belegte sie mit einem Reiseverbot. „Die ersten Monate in Washington war er emotional am Ende.“

Nach gewaltigem Druck der Regierung entschied Mahmoud, sich von Khashoggi scheiden zu lassen. „Es war eine brutale Zeit für Jamal, der sich jeden Tag fragte, ob er richtig gehandelt hatte“, so Salem. Erst im Mai lernte Khashoggi seine spätere Verlobte, die Türkin Hatice Cengiz, auf einer Konferenz kennen. Um sie heiraten zu können, hatte er in Istanbul das saudische Konsulat betreten.

In der „New York Times“ schreibt sie: „Er hat das Gebäude nicht mehr verlassen, und mit ihm bin auch ich dort verloren gegangen.“

*Name geändert

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1 Kommentar zu "Verschwundener saudischer Journalist: Jamal Khashoggi – Der Unbeugsame"

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  • Demokratie und Pressefreiheit? Na klar, dafür ist die Muslimbruderschaft ja weltweit bekannt geworden.

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