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Verteidigung Europas Rüstungsfirmen können allein nicht bestehen

Der Franzose Herve Guillou, Chef des Marine-Marktführers Naval, drängt auf gemeinsame europäische Schiffsprojekte. Dabei hakt es schon wieder beim Kampfflugzeug FCAS.
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Der eigentliche Wettbewerb finde mit den Chinesen und den Russen statt, sagt der Naval-Chef. Quelle: Reuters
Flugzeugträger Charles de Gaulle

Der eigentliche Wettbewerb finde mit den Chinesen und den Russen statt, sagt der Naval-Chef.

(Foto: Reuters)

Berlin, Paris Für ihre Luftwaffen entwickeln Deutschland und Frankreich das neue Kampfflugzeugsystem FCAS, und für ihre Heere einen neuen Panzer. Im Marine-Schiffbau jedoch fehlt ein solches Modernisierungsprojekt.

Dabei wäre es genauso notwendig: „Niemand von uns hat die kritische Größe, um im weltweiten Wettbewerb dauerhaft zu bestehen“, sagte Herve Guillou im Interview am Rande des French-German Business-Forums von Handelsblatt und „Les Echos“. „Die europäische Integration unserer Industrie ist keine Frage von Idealismus mehr, sondern eine Überlebensfrage“, sagte er.

Guillou ist Chef des französischen Marineschiffbauers Naval Group, eines Konzerns mit 3,6 Milliarden Euro Umsatz. Als Europas Marktführer sieht er seine Firma, und sollte sie eine laufende Ausschreibung in den Niederlanden gewinnen, wäre sie sogar der „dominante Anbieter“ von Kriegsschiffen in der EU. Trotzdem hält Guillou es „für vollkommen sinnlos, wenn wir in Europa gegeneinander antreten“: Der eigentliche Wettbewerb finde mit den Chinesen, inzwischen Weltmarktführer, und den Russen, bald die Nummer zwei, außerhalb Europas statt, sagte er.

Noch vor 15 Jahren hätten die europäischen Marineschiffbauer unangefochten den Weltmarkt beherrscht. Wie zuletzt bei den Schnellzügen TGV und ICE drohten die Europäer jetzt aber mit ihrer in nationale Kleinfirmen zersplitterten Unternehmenslandschaft von China überholt zu werden. „Ich kämpfe wie ein Hund um Marktanteile, wenn es nötig ist, aber strategisch ist es für Europa notwendig, seine Kräfte zu vereinen“, sagte Guillou.

Auf dem Business-Forum-Panel zur Verteidigung herrschte über diese Notwendigkeit Einigkeit. „Wir haben den EU-Binnenmarkt, aber unsere Sicherheit organisieren wir nationalstaatlich wie im 19. Jahrhundert. Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Holger Mey, bei Airbus zuständig für die Verteidigungsprojekte der Zukunft.

Der Chef des europäischen Marine-Marktführers Naval kann sich vorstellen, die Marinesparte von Thyssen-Krupp zu übernehmen. Quelle: AFP/Getty Images
Herve Guillou

Der Chef des europäischen Marine-Marktführers Naval kann sich vorstellen, die Marinesparte von Thyssen-Krupp zu übernehmen.

(Foto: AFP/Getty Images)

Und der frühere Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), heute Aufsichtsrat bei Rheinmetall, sagte, die deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekte dienten auch dazu, die knappen Verteidigungsbudgets effizienter einzusetzen. Deshalb brauche man nach dem FCAS und dem Panzer unbedingt auch gemeinsam entwickelte Marineschiffe. „Wir müssen in Europa Souveränität gewinnen, um nicht abhängig zu werden von Entwicklungen in den USA“, sagte Jung.

Fortschritte zu langsam

Zwar lobten Mey und Jung, wie gut ihre Firmen vorankämen beim FCAS und beim Panzer. Schnell sind die Fortschritte jedoch nicht, sagte zumindest der Grünen-Verteidigungsexperte Tobias Lindner: „Das Verteidigungsministerium hat dem Haushaltsausschuss gerade mitgeteilt, dass es in diesem Jahr kein Geld mehr dafür beantragen wird“, sagte er. Denn es gebe ungelöste Fragen: Beim FCAS sei nach wie vor unklar, wie die Spanier in das Projekt einbezogen werden, wie die Triebwerkshersteller Safran und MTU kooperieren wollen, und wie die beteiligten Firmen die Patentrechte später jeweils für andere Projekte nutzen dürfen.

Lindner meinte allerdings, dass es besser sei, alle Streitfragen erst zu klären, bevor die eigentliche Arbeit beginnt: Bei Projekten wie dem europäischen Transportflugzeug A400M etwa hätten - neben den Triebwerken - auch später hinzukommende Wünsche der beteiligten Nationen die Auslieferung erheblich verzögert.

Auch wenn es häufig knirscht bei Rüstungskooperationen, sahen die Experten Fortschritte bei der Europäisierung. Dass es die Verteidigungsunion Pesco gebe, dazu einen 13 Milliarden Euro schweren europäischen Rüstungs-Entwicklungsfonds und demnächst auch eine Generaldirektion für Verteidigung in der EU-Kommission: All das seien Zeichen, dass die Regierungen ernst machten mit mehr Kooperation. „Wenn es eine bürokratische Struktur wie die Generaldirektion gibt, dann gibt es auch Leute, die das Thema vorantreiben“, sagte Ekkehard Brose, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

Vergangene Woche hat die Bundesregierung zudem einer neuen Rüstungsexport-Vereinbarung mit Frankreich zugestimmt. „Die Vereinbarung hilft uns allen sehr“, sagte Naval-Chef Guillou. Für Zulieferungen bis zu 20 Prozent des Warenwertes gilt künftig, dass sie keine Rüstungsexportgenehmigung aus dem Herkunftsland mehr brauchen. Frankreich kann damit Rüstungsgüter, die Schrauben aus Deutschland enthalten, exportieren, ohne in Deutschland nachzufragen. Bei Zulieferungen sei es schwer, über einen 20-Prozent-Anteil zu kommen“, sagte Guillou. Für Joint-Venture-Projekte werde man sich auch künftig verständigen. „Die Vereinbarung wird die deutsche Industrie nicht in die Rolle des Juniorpartners drängen“, sagte er.

Interesse an Marinesparte von Thyssen-Krupp

Aus Rheinmetall-Sicht ist die Export-Einigung nur „ein Schritt in die richtige Richtung“, so Jung: Notwendig seien europäische Regeln, sonst werde es immer wieder vorkommen, dass wegen der deutschen Exportregeln Rüstungsgüter über den Umweg Italien exportiert würden.

Guillou will seinen Deutschland-Besuch auch für Gespräche über Marine-Kooperationen nutzen. „Wir können das Unternehmen sein, das die europäische Industrie konsolidiert“, sagte er. Allerdings sei dies nur mit der Zustimmung der Regierungen möglich. Spekuliert wird in der Branche seit längerem, dass Naval Interesse an einem Kauf der Marine-Sparte von Thyssen-Krupp, TKMS, haben könnte. „Ich weiß nicht, ob TKMS zu kaufen ist und was die Bedingungen der Bundesregierung sind“, sagte er. „Wenn ich die Bedingungen kennen würde, würde ich entweder ein Übernahmegebot machen oder eine Allianz anbieten, oder welche Form der Zusammenarbeit auch immer gewünscht wird“, sagte er.

Mehr: Warum deutsch-französische Rüstungsprojekte stocken

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