Verzweifelter Brief eines Griechen „Mir fehlt die Kraft, gegen den Wahnsinn zu kämpfen“

Er weiß nicht weiter, sorgt sich um seine Familie und sein Land: Ein Grieche schreibt in seinem Brief über seine Verzweiflung – und greift seine Regierung scharf an. Das Handelsblatt veröffentlicht den bewegenden Appell.
121 Kommentare
In Griechenland und Deutschland aufgewachsen ringt der Autor um die Zukunft seines Landes.
Verzweifelte Worte

In Griechenland und Deutschland aufgewachsen ringt der Autor um die Zukunft seines Landes.

Vor einigen Jahren ging der in Deutschland und Griechenland aufgewachsene M. A. zurück in seine Heimat, um sich dort eine Existenz als Anwalt aufzubauen. Mit seiner griechischen Ehefrau hat er einen kleinen Sohn. Aus einem am Donnerstag an seine Freunde gesandten Brief spricht große Sorge um die Zukunft seines Landes. Handelsblatt Online veröffentlicht den bewegenden Appell. Der Verfasser hat sich aber ausbedungen, anonym zu bleiben: „Sonst wird es gefährlich für mich und meine Familie.“

„Ich bin wirklich verzweifelt und weiß nicht mehr weiter. Ich habe gestern Nacht viele SMS an meine Freunde geschickt, um sie zu motivieren, zu den Pro-Europa-Demonstrationen zu gehen. Aber es scheint alles nichts zu helfen. Ich will wirklich kämpfen. Aber mir fehlt gerade die Kraft, gegen den Wahnsinn anzugehen.

Als Demokrat und Europäer, als Vater und Ehemann, als Mensch zwischen Kampfgeist und Verzweiflung – wie viele Menschen in diesem Land – erlebe ich, was gerade passiert. Es kommt mir vor wie ein nebulöser Traum. Aber es ist Wirklichkeit.

Wir gleiten mit einem hübsch lächelnden Regierungschef, der uns von frischer Luft und sonnigen Tagen erzählt und von kleinen Problemen, die bis kommende Woche mit absoluter Sicherheit überwunden sein würden, in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe.

Seine Minister können gar nicht aufhören, von sonnigen Tagen frei von Problemen zu sprechen. Es gebe überhaupt kein Problem, sagen viele sogar. Ohne mit der Wimper zu zucken, lügen sie uns ins Gesicht. Wenn ich die Menschen darauf anspreche, sagen einige: „Er ist doch unser Ministerpräsident. Soll ich denn den Fremden glauben?“

Andere werden sofort rabiat und beginnen jeden, der nicht der Regierungsmeinung folgt, als Germanozolias – als Deutschenhure – oder Vaterlandsverräter zu beschimpfen. Für viele reicht es dafür schon, wenn man ein kleines Schild nach einer Demonstration nach Hause trägt, auf dem „Greece belongs to Europe“ steht. Oder wenn Mitbürger ihre Sorge über die Situation ausdrücken und Angst um ihre Familien haben.

Sehr bald wird es nicht einmal mehr 20 Euro an den Geldautomaten geben – und dann gar nichts mehr. Außer ein kleines Lächeln seitens der Regierung.

Aber es sind ja nette demokratische Menschenfreunde, die all das tun. Diejenigen, die es wagen, sich ernsthafte Sorgen zu machen oder gar eine andere Ansicht haben, werden von den Fanatikern als Verräter beschimpft.
Wir taumeln mit unserem lächelnden, jungen und fotogenen Ministerpräsidenten in einen Abgrund jenseits meiner bisherigen Vorstellungskraft.

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121 Kommentare zu "Verzweifelter Brief eines Griechen: „Mir fehlt die Kraft, gegen den Wahnsinn zu kämpfen“"

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  • @Frau Nina Franke

    Jaaa..... aber eine neue Staats-Struktur muss man aufbauen wollen !
    Wollen das die Griechen wirklich ??

  • .. da kann man vielleicht sogar folgen, aber nur wenn sie sagen wie viele "Verluste" noch? (bisher gesamt 320 + 90 Ela-Kredite + ca. 20 TARGET2 Milliarden)
    Doch sowohl bei Hilfen (Verlusten) wie für die Griechen, oder bei der Aufnahme von Flüchtlingen ist immer die Rede von "wir müssen..." aber auf eine maximale Zahl möchte sich nie niemand festlegen. Warum nur ?

  • @Herr Dannenberg,
    1. Herr nicht Frau.
    2. Sie haben wohl nur meine "Fortsetzung" gelesen? Der Kommentar davor war länger und hatte die Argumente für den Kompromiss!
    Wenn Sie den 1. Kommentar gelesen hätten, ware wohl klar, dass ich nicht für die Linkspatei bin sondern für das griechische Volk, was sicherlich nicht in der Mehrheit links ist.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • @Frau Hagen,
    wie viel Kompromisse denn noch. Bis 6ur Pleite der gesamten Euro Länder, einschließlich der halbwegs gesunden. EU Länder.
    Das kann doch nicht ihr griechischer Ernst sein. Und, und ich bin mir fast zu hundert sicher das jugendliche Vorsitzende und sein Stinkefinger in Richtung Schäuble nicht noch was ganz anders planen.

  • Glauben Sie bitte nicht das, was Ihnn Prof. Un-Sinn & Kollegen aus dem 'Lehrbuch der Wettbewerbsfähigkeit für Anfänger' dauernd vorlesen. Das mit der Praxis der griechischen Wirtschaft unter der Drachme nichts zu tun - ich habe dort gelebt und weiß wovon ich rede. Abwertung bringt einer Wirtschaft etwas, wenn der eigene Binnenmarkt ausreichend groß ist und/oder man wettbewerbsfähige Produkte hat, die das Land dann besser exportieren kann. Griechenland hat weder noch. Und das Argument mit dem Tourismus zieht nicht, denn dann würde wegen Engpässen bei Energie und höherwertigen Produkten die Qualität stark sinken.
    Griechenland braucht endlich effektive Strukturen Reformen in Staat und Wirtschaft, aus denen sich überhaupt erst ein tragfähiges Business-Modell entwickeln lässt. Das geht auch mit dem Euro, wahrscheinlich sogar besser bei engerer Integration in den Binnenmarkt.
    Rausgeschmissen gehört die gesamte politische Klasse in Griechenland - und eine neue muss her, die endlich wirklich Verantwortung übernimmt. Aber wo die gefunden werden soll, weiß ich auch nicht .....

  • Haben uns alle Freunde schon abgeschrieben. Wollen Sie uns loswerden?
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    Es gibt wirkliche Freunde und andere "Freunde" und danach richtet sich der Wunsch aus.
    Wirkliche Freunde Griechenlands wollen Änderungen, die nicht im EURO, wohl aber mit der Drachme und den aus dem Staatsbankrott heraus erzwungen Reformen, die ohne Ansehen der Person durchzuführen sind, erreicht werden können, wobei die EU diesen Transformationsprozeß begleitend unterstützt.
    Sollte diese Bereitschaft fehlen oder zu "schwach" ausfallen, erscheint es nicht ausgeschlossen, dass Griechenland dem EURO, der EU und auch der NATO Ade sagt und sich anderen Partnern zuwendet, die mit einem durch den Staatsbankrott weitestgehend entschuldeten Land (mit einer dann voraussichtlich starken Drachme) gerne zusammenarbeiten werden.
    Schon möglich, dass die anderen "Freunde" Griechenlands diese Entwicklung begrüssen würden !

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Ein bewegender Brief. Aber mir fehlt bei diesen emotionalen Reden immer der wirtschaftliche Aspekt. Kann Griechenland, teuer wie es ist, mit dem Euro seine Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen? Wenn nicht, was bringt der Euro als Währung, wenn die Wirtschaft am Boden liegt und keine Chance hat? Vielleicht würde ich selbst mit "nein" stimmen, in der Hoffnung auf einen Neuanfang nach dem Euroausstieg.

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