„Völkermord“ an Armeniern Türkische Regierung greift den Papst an

Papst Franziskus nennt die Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren „Völkermord“ – und bringt die Türken gegen sich auf. Regierungschef Davutoglu meint, der Papst interpretiere die Geschichte falsch.
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Papst Franziskus. Quelle: dpa

Papst Franziskus.

(Foto: dpa)

AnkaraDer türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat Papst Franziskus nach dessen Äußerungen zum „Völkermord“ an den Armeniern vorgeworfen, Rassismus in Europa zu befördern. Die Worte des Pontifex seien „unglücklich gewählt, falsch und widersinnig“, sagte Davutoglu am Sonntagabend in Istanbul. Sie beruhten auf einer „fehlerhaften Interpretation“ der Geschichte. „Gleichzeitig tragen sie zum steigenden Rassismus in Europa bei.“

Papst Franziskus hatte die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren in einer Messe am Sonntag als „ersten Völkermord im 20. Jahrhundert“ bezeichnet. Davutoglu kritisierte, Papst Franziskus bezichtige Muslime und Türken damit kollektiv einer Schuld. Die Türkei lehnt es als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs ab, von Genozid zu sprechen.

Die kruden Äußerungen des Präsidenten
huGO-BildID: 40008566 TOPSHOTSTurkish President Recep Tayyip Erdogan poses inside the new Ak Saray presidential palace (White Palace) on the outskir
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Er wettert gegen den Westen und gegen Israel, gegen das Assad-Regime in Syrien und gegen die kurdischen Kämpfer in Kobane. Von den Hoffnungen, die der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach seinem Wahlsieg am 10. August weckte, ist nicht mehr viel übrig geblieben.

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Er wettert gegen den Westen und gegen Israel, gegen das Assad-Regime in Syrien und gegen die kurdischen Kämpfer in Kobane. Von den Hoffnungen, die der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach seinem Wahlsieg am 10. August weckte, ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Turkey's President Tayyip Erdogan talks with students of Tevfik Ileri Imam Hatip School during its opening ceremony in Ankara
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Erdogans oft krude wirkenden Äußerungen rufen Spott bei Kritikern und zunehmende Sorge bei Bündnispartnern hervor. Vor dem Türkei-Besuch von Papst Franziskus warf Erdogan dem Westen vor, Muslime ausbeuten zu wollen.

Handout photo of Turkey's President Erdogan arriving to a welcoming ceremony during the visit of Russian President Putin (not pictured) at the Presidential Palace in Ankara
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„Sie scheinen vordergründig unsere Freunde zu sein, aber freuen sich über unseren Tod und über den Tod unserer Kinder“, sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu. Im Wahlkampf hatte Erdogan - noch als Ministerpräsident - Israels Politik mit der Adolf Hitlers verglichen.

huGO-BildID: 40427627 TO GO WITH AFP STORY BY DILEY GUNDOGAN(FILES) A file picture taken on August 8, 2014 shows a woman walking past a campaign pos
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Für Aufmerksamkeit sorgte das Staatsoberhaupt auch mit seiner These, muslimische Seefahrer hätten Amerika bereits Jahrhunderte vor Kolumbus entdeckt. Ausgerechnet auf einem Frauengipfel in Istanbul riet er Frauen, sich auf ihre Mutterrolle zu konzentrieren, weil Gleichberechtigung im Arbeitsleben wider die „menschliche Natur“ sei.

Francis, Recep Tayyip Erdogan
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Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und die mit ihr verbundenen kurdischen Kämpfer in Kobane setzte der Präsident mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gleich - obwohl er sich zugleich eigentlich um einen Friedensprozess mit der PKK bemüht.

Pope Francis, accompanied by Turkey's President Erdogan, reviews a guard of honour during a welcoming ceremony at the Presidential Palace in Ankara
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Besonders ihre Rolle im Kampf um Kobane hat der Türkei internationale Kritik eingebracht - und Zweifel an der Bündnisfähigkeit des Nato-Partners gesät. Erst schloss Erdogan jedes militärische Vorgehen gegen den IS im benachbarten Syrien aus, dann war die Option doch auf dem Tisch.

Das Außenministerium in Ankara teilte mit, man hätte sich gewünscht, dass der Pontifex für alle Opfer des Ersten Weltkriegs gebetet hätte, „ohne zu unterscheiden, ob sie Christen, Muslime oder Juden waren“. Die türkische Regierung beklagt seit längerer Zeit eine wachsende Islamfeindlichkeit in Europa.

Die türkische Regierung bestellte nach der Messe den Vatikan-Botschafter ins Außenministerium in Ankara ein. Kurz darauf beorderte das Ministerium auch den türkischen Botschafter beim Vatikan zu Konsultationen nach Ankara zurück.

Dagegen hatte der armenische Präsident Sersch Sargsjan die Äußerungen des Papstes als „starkes Signal“ an die internationale Gemeinschaft gelobt, dass ein Völkermord, der nicht verurteilt werde, eine „Gefahr für die ganze Menschheit“ darstelle. Den Gräueltaten waren nach armenischen Angaben 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Die Türkei geht von deutlich weniger Toten aus. Armenier gedenken der Massaker an ihrem Volk vor 100 Jahren am 24. April.

  • dpa
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2 Kommentare zu "„Völkermord“ an Armeniern: Türkische Regierung greift den Papst an"

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  • Der [...] aus Rom und die Kirche im allgemeinen sollen sich aus der Politik heraus halten, auch wenn er in diesem Falle nicht unbedingt unrecht hat.
    Besser wäre es sich mit seinem grausamen Chef zu beschäftigen, denn der wird ja immer als der alles wissende und lenkende, die Menschen liebenden, unfehlbare usw. hin gestellt und ihn fragen warum er das Leid in Armenien (und auch anders wo und zu allen Zeiten) überhaupt zugelassen hat.
    [...]. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

  • Die Türkische Regierung täte gut daran, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Leider aber handeln die Verantwortlichen in der Türkei, allen voran Herr Erdogan eher nach dem Prinzip - wir sind Gottes ausgewählte Nation und die begeht keinen Völkermord. Falsch gedacht! Wir Deutschen haben da einschlägige Erfahrungen.

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