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Währungskrise Türkische Firmen machen in der Lira-Misere aus der Not eine Tugend

Konzerne in der Türkei leiden unter einem hohen Schuldenberg. Trotzdem haben die größten Industrieunternehmen ihren Nettogewinn erheblich gesteigert.
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Der Verfall der türkischen Währung macht den Export billiger. Quelle: Reuters
Lira-Banknoten

Der Verfall der türkischen Währung macht den Export billiger.

(Foto: Reuters)

IstanbulTürkische Industriekonzerne hatten in den vergangenen zwölf Monaten erhebliche Schwierigkeiten, mit dem plötzlichen Verfall der Heimatwährung Lira umzugehen. Doch unter dem Strich sind die Unternehmen gut weggekommen, wie eine Berechnung des Istanbuler Industrieverbands ISO für die 500 größten produzierenden Betrieben des Landes zeigt.

Die Lira hat allein seit August 2018 rund 16 Prozent zum US-Dollar verloren. Dies trieb vor allem die Kosten für Kredite in Fremdwährung in die Höhe. Gerade Unternehmen mit inländischem Geschäft wie Energieversorger oder Baukonzerne müssen immer größere Umsätze aufwenden, um die gleiche Menge Dollar-Schulden abbezahlen zu können.

Hinzu kommt eine Rezession, die seit Oktober die Wirtschaft des Landes gelähmt hat. Im ersten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Quartalsvergleich um 1,3 Prozent gestiegen, teilte das Statistikamt am Freitag mit. Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging das türkische BIP jedoch um 2,6 Prozent zurück.

Betriebswirtschaftlich hat das den Unternehmen jedoch kaum geschadet. Und das obwohl die Schulden der untersuchten Unternehmen, in Lira gerechnet, um 35 Prozent angestiegen sind. Aufwendungen für Finanzgeschäfte wie etwa Kredite stiegen zwischen 2017 und 2018 in Lira gerechnet sogar um mehr als 170 Prozent, von 35 auf 95 Milliarden Lira. „Unternehmen müssen immer größere Summen beiseitelegen, um ihre Schulden zu bezahlen“, warnt deshalb Industriepräsident Erdal Bahçıvan.

Gleichzeitig wuchsen auch die Umsätze um 34,5 Prozent. Die Betriebsergebnisse der Unternehmen stiegen im Schnitt sogar um 52,7 Prozent. Noch deutlicher ist der Zuwachs jedoch bei außerbetrieblichen Geschäften – etwa wenn Unternehmen ihre eigenen Reserven investieren, um daraus eine Rendite zu erwirtschaften. Die Einnahmen aus solchen Aktivitäten stiegen zwischen 2017 und 2018 um mehr als 424 Prozent an.

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Unter dem Strich liegen die Gewinne vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände (Ebita) im Jahr 2018 zusammengenommen bei rund 163 Milliarden Lira, ein Plus von 82,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Wegen der Verbindlichkeiten aus den hohen Schulden ergibt sich ein geringerer Zuwachs beim Nettogewinn, der aber immer noch beachtlich ist: Alles in allem verdienten die 500 größten türkischen Industrieunternehmen rund 20 Prozent mehr. Anders ausgedrückt: Die Unternehmen haben ihre Reserven geschickt investiert und sich so einen Bilanzverlust erspart. Die Anzahl der Mitarbeiter in den 500 Unternehmen ist im gemessenen Zeitraum um 2,4 Prozent angestiegen.

Unterstützung für den Export

Die Netto-Geschäftszahlen zeigen jedoch auch einen anderen Blick auf die türkische Wirtschaft, die bisher einzig wegen ihrer Schuldenberge in die Schlagzeilen geraten ist. Durch geschicktes Management haben es viele Konzernmanager geschafft, aus der Misere das Beste zu machen – mit Erfolg.

Der besonders hohe Zuwachs beim Ebita lässt sich auch durch die Exportstärke der Konzerne erklären. Denn der Währungsverfall ist zwar schlecht für die Schuldner unter den türkischen Firmen. Aber er hilft ihnen beim Export: Ihre Produkte wurden im Ausland billiger.

Zu den zehn größten türkischen Industriekonzernen zählen, gemessen am Umsatz, fünf Autokonzerne, darunter Ford Otomotiv, Toyota Otomotiv, Hyundai Assan, Oyak-Renault sowie der türkische Hersteller Tofas. Der Küchengerätehersteller Arçelik, der auch nach Europa exportiert, ist das sechstgrößte Unternehmen des Landes. Ein Kühlschrank des Unternehmens, dessen Verkaufswert im Inland bei 1.000 Lira liegt, ist innerhalb eines Jahres, grob gerechnet, rund 40 Dollar oder Euro günstiger geworden.

Hinzu kommen Tausende mittelständische Betriebe, oft im Familieneigentum, die häufig als Zulieferer in der Automobil- oder Maschinenindustrie unterwegs sind. Sie spüren derzeit vor allem die Nachfragedelle am Weltmarkt, hervorgerufen durch Handelskriege und Rezessionsängste. Gleichzeitig verbilligten sich auch ihre Produkte am Weltmarkt.

Dem Verbandspräsidenten Bahçıvan zufolge haben 48 Prozent der befragten Unternehmen das beste Ebita-Ergebnis der vergangenen sechs Jahre erwirtschaftet. Der Zuwachs beim gewöhnlichen betrieblichen Umsatz von 34,5 Prozent sei der höchste gemessene seit 14 Jahren. Gleichzeitig stieg der Anteil der Verbindlichkeiten aus Finanzgeschäften am Betriebsgewinn, etwa Krediten, innerhalb eines Jahres von 49,8 auf 88,9 Prozent an.

Grund zur Freude besteht für ISO-Präsident Bahçıvan jedoch nicht. „Die Erosionen, die die Kreditkosten in der Bilanz verursachen, sind nicht nachhaltig, egal wie hoch der operative Profit ist“, erklärte er. Er forderte die Regierung auf, möglichst schnell wieder für stabile Verhältnisse im Land zu sorgen.

Mehr: Die türkische Regierung hat sich dafür eingesetzt, dass Banken schlecht laufende Verträge an Investoren abtreten. Lesen Sie hier, warum die Verhandlungen stocken.

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