Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Waffengesetze Jeder Amokläufer stärkt die Macht der US-Waffenlobby – und die Politik hilft mit

Nach jedem Massaker in den USA werden schärfere Waffengesetze gefordert. Wissenschaftler haben jedoch nachgewiesen, dass die Politik ganz anders reagiert.
15.11.2019 - 11:13 Uhr Kommentieren
Bei einem Amoklauf an der Saugus High School bei Los Angeles starben zwei Jugendliche. Quelle: AP
Zeichen der Trauer

Bei einem Amoklauf an der Saugus High School bei Los Angeles starben zwei Jugendliche.

(Foto: AP)

Frankfurt Wieder einmal gab es am Donnerstag in den USA einen Amoklauf in einer Schule. Der 16-jährige mutmaßliche Täter erschoss in der Saugus High School in der Nähe von Los Angeles zwei Jugendliche und verletzte andere zum Teil schwer. Wie nach jedem dieser Vorfälle wurden in den Medien und von zumeist demokratischen Politikern Forderungen nach schärferen Waffengesetzen laut. Die „New York Times“ schrieb resignierend, Kalifornien habe zwar relativ strikte Waffengesetze, aber das könne Waffen aus anderen Bundesstaaten nicht draußen halten.

Ausgerechnet am Donnerstag hatte der demokratische Senator Chris Murphy versucht, einem Gesetz, das umfangreiche Hintergrundchecks bei allen Waffenkäufern vorschreibt, den Weg zu ebenen und scheiterte am Widerstand der Republikaner. Während er seine anschließende Protestrede hielt, kam die Nachricht von dem neuen Amoklauf.

Es fällt Europäern und vielen Amerikanern schwer, zu verstehen, was in Sachen Schusswaffen in den USA vor sich geht. Fast nirgends gibt es so viele Waffen in der Bevölkerung wie dort, und fast nirgends werden auch nur annähernd so viele Menschen Opfer dieser Waffen. Immer wieder gibt es Massaker, bei denen jemand in Schulen oder Universitäten oder auf offener Straße, wahllos Menschen tötet. Jedes Mal werden schärfere Waffengesetze gefordert. Und doch gibt es nur immer mehr Waffen.

Politik reagiert unerwartet

Drei Betriebswirte der Universitäten Harvard und der UCLA (University of California) haben mit einer ausgefeilten statistischen Analyse der Gesetzgebung im Gefolge von Amokläufen aufgeklärt, wie die Politik reagiert. Zuständig sind vor allem die Bundesstaaten. Das Ergebnis ist spektakulär.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Wenn die Demokraten im betreffenden Bundesstaat an der Regierung sind, passiert im Durchschnitt nach einem Amoklauf nichts, was die Waffengesetze merklich restriktiver oder lockerer machen würde. Wenn die Republikaner an der Regierung sind, werden die Waffengesetze gelockert. In Kalifornien ist der Demokrat Gavin Newsom Gouverneur. Er sagte nach dem Amoklauf lediglich. „Ich verfolge den Vorfall an der Saugus High School in Santa Clara sehr genau, und meine Verwaltung arbeitet eng mit den lokalen Polizeibehörden zusammen.“

    Um zu ihrem überraschenden Ergebnis zu kommen, werteten Michael Luca, Deepak Malhotra und Christopher Poliquin Datenbanken aus und zählten die Gesetzesvorschläge (Bills). Sie stellten zunächst fest, dass nach einem Massaker in dem betreffenden Staat 15 Prozent mehr Gesetzesvorschläge zur Schusswaffenregulierung verhandelt werden als in „normalen“ Jahren.

    Je höher das Medieninteresse, desto größer nachher die Aktivität der Gesetzgeber. Damit haben Tote aufgrund von Amokläufen eine hundert Mal stärker antreibende Wirkung auf die Gesetzgeber als die ungleich zahlreicheren „normalen“ Waffenopfer. Rund 30.000 Bürger sterben in den USA pro Jahr durch Schusswaffen, davon 56 Prozent durch Selbstmord und 40 Prozent durch Mord und Totschlag.

    Der mit seinem Gesetz zu Hintergrundchecks gescheiterte Senator Murphy sagte, er glaube nicht, dass der Fall Saugus High etwas bewirken werde: „Ich wünschte, es wäre anders, aber das Interesse der Republikaner an Waffengesetzen wird nur von Opferzahlen über 15 geweckt.“ Man werde zwar irgendwann wieder über Hintergrundchecks reden, aber wohl erst nach dem nächsten großen Massaker.

    Tatsächlich kommt es stark auf die Republikaner an. Die Aktivität findet vor allem statt, wo sie regieren. Sie steigern die Zahl der Gesetzesvorhaben nach einem Massaker um fast 50 Prozent, die Demokraten nur um gut zehn Prozent.

    Von den über 20.000 relevanten Gesetzesvorschlägen im Untersuchungszeitraum 1990 bis 2014 wurden 3200 Gesetz. Die Zahl der verabschiedeten Waffengesetze steigt nach Amokläufen in republikanischen Staaten um ein Drittel, in demokratisch kontrollierten nur um sieben Prozent. Noch interessanter ist die Richtung: republikanische Regierungen steigern die Anzahl von Gesetzen, die Waffenrestriktionen lockern, nach Massakern um über 100 Prozent, demokratische senken deren Anzahl nur geringfügig. Gesetze, die die Waffenregulierung verschärfen, gibt es nach Massakern nicht systematisch mehr oder weniger, unabhängig davon, wer regiert.

    Waffen sind ein Thema der Republikaner

    Das überraschende Ergebnis erklären die Autoren mit Rückgriff auf etablierte politikwissenschaftliche Erkenntnisse. Waffengesetze sind ein Thema, bei dem die Republikanische Partei, anders als die Demokraten, bei ihren Anhängern im Ruf steht, darin kompetent und erfolgreich zu sein.

    Deshalb betont sie es und wird aktiv, wenn es nach einem aufsehenerregenden Amoklauf wieder einmal heißt, es müsse etwas geschehen. Sie hat eine Wählerbasis, die mehrheitlich für ein freizügiges Waffenrecht ist, und – wider alle Evidenz – der These anhängt, gegen Waffen in den Händen der bösen Menschen hülfen vor allem mehr Waffen in den Händen von guten Menschen.

    Diese Pro-Schusswaffen-Fraktion in der Bevölkerung ist auch viel besser organisiert, vor allem in der ausgesprochen wirksamen und mächtigen National Rifle Association (NRA). Sie ist auch viel eher geneigt, das Waffenrecht zur Grundlage für ihre Wahlentscheidung zu machen.

    So kommt es denn, dass öffentliche Aufregung und Forderungen nach Beschränkungen des Waffenbesitzes regelmäßig in Gesetze zur Lockerung desselben münden. Typische Gesetze dieser Art sind die Erlaubnis für Lehrer und andere Freiwillige, in der Schule Waffen zu tragen, oder die Aufhebung des Verbots, auf Schulparkplätzen Gewehre zu lagern.

    Typisch war die Reaktion des Gouverneurs von Texas, Greg Abbott, auf den Amoklauf in Odessa im September. „Ich habe zu viele solche Vorkommnisse als Gouverneur erleben müssen, ich bin dieses Sterben in Texas leid“, sagte er. Abbott unterzeichnete eine ganze Reihe von Gesetzen und Verfügungen zur Lockerung von Waffenrestriktionen. Er ergriff aber keine der Maßnahmen, die Kriminologen für wirksam halten. Dazu gehört die Beschränkung der Möglichkeiten, in kurzer Zeit sehr oft zu schießen, ohne nachzuladen.

    Die Ergebnisse der vier Betriebswirte sind stärker als das, was der Kriminologe Gary Kleck schon 2009 festgestellt hatte, indem er die Reaktion auf das Massaker in der Columbine High School und frühere Massenmorde dieser Art ausgewertet hatte: „Die Maßnahmen, die danach beschlossen wurden, waren im Großen und Ganzen irrelevant und fast sicher ungeeignet, solche Vorfälle zu verhindern oder die Zahl der Opfer zu reduzieren.“ Er bezog sich auf Restriktionen für Waffenmessen, Vorschriften zum Abschließen von Waffenschränken und ähnliches.

    Kein Interesse am täglichen Sterben

    Kriminologen beklagen, dass die Fokussierung von Medien und Politik auf solche aufsehenerregende, aber von der Gesamtzahl der Opfer eher nachrangige Vorkommnisse dazu führten, dass die bekannten Maßnahmen, die die Opferzahlen des alltäglichen Schusswaffengebrauchs wirksam eindämmen könnten, nicht einmal diskutiert werden.

    Klar ist aus Sicht der Forschung, so Frederic Lemieux von der George Washington University, dass das Argument, Waffen würden ihre Inhaber schützen und Leben retten, allenfalls in Einzelfällen trägt. Besitzer von Schusswaffen sind um ein Mehrfaches gefährdeter, Opfer einer Schusswaffe zu werden. Dazu mag ein Selektionseffekt beitragen, weil Kriminelle überdurchschnittlich oft mit Schusswaffen versorgt sind. Aber so verbreitet wie der Waffenbesitz in den USA ist, sollte dieser Effekt nicht allzu viel ausmachen.

    Intensiv erforscht sind die Folgen restriktiver australischer Waffengesetze aus dem Jahr 1996 in Reaktion auf einen Amoklauf mit vielen Opfern. Die Rate der Tötungen mit Schusswaffengebrauch fiel danach um 7,5 Prozent, die Rate der Selbstmorde mit Schusswaffen um fast 60 Prozent. Da auch die Rate der sonstigen Selbstmorde um 25 Prozent sank, ist klar, dass die akut Lebensmüden nicht einfach auf andere Arten der Selbsttötung auswichen. In den folgenden gut zehn Jahren gab es kein Massaker, während es in den 18 Jahren vorher rund sechs pro Jahrzehnt gegeben hatte.

    Leimieuxs eigene Auswertung von 73 Massakern in den USA ergab keine Evidenz für die Behauptung, dass mehr Waffen bei den „Guten“ diese Vorfälle hätten verhindern oder die Zahl der Opfer deutlich hätten reduzieren können. Die Vorstellung, potenzielle Attentäter könnten aus Angst vor Waffen bei ihren auserkorenen Opfern auf ihre Tat verzichten, sei ohnehin abseitig, da sich die meisten der Amokläufer selbst töteten.

    Die Erkenntnisse zur Reaktion der Politik auf Forderungen nach Maßnahmen gegen Gewalt mit Schusswaffen stellt Gegner von frei erhältlichen Schusswaffen vor ein schweres Dilemma. Was sollen sie tun, wenn die Waffengesetze umso liberaler werden, je größer die öffentliche Aufregung über Schusswaffentote ist?

    Mehr: Donald Trump allein ist nicht Schuld an laschen US-Waffengesetzen. Der Kongress und die Regierung schieben gleichermaßen die Verantwortung ab.

    Startseite
    Mehr zu: Waffengesetze - Jeder Amokläufer stärkt die Macht der US-Waffenlobby – und die Politik hilft mit
    0 Kommentare zu "Waffengesetze: Jeder Amokläufer stärkt die Macht der US-Waffenlobby – und die Politik hilft mit"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%