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Wahlen in Argentinien Kirchner: Der Kopf hinter dem Aufstieg von Fernández

Der Technokrat Fernández wird wohl gegen Präsident Mauricio Macri gewinnen. Doch wird er auch wirklich regieren? Cristina Kirchner könnte die Führung übernehmen.
26.10.2019 - 12:08 Uhr Kommentieren
In Argentinien stellen sich vor den Wahlen viele die Frage, ob Alberto Fernández überhaupt regieren wird. Schließlich ist Cristina Kirchner das Mastermind hinter dem kometenhaften Aufstieg von Fernández. Quelle: dpa
Alberto Fernandez und Cristina Fernandez de Kirchner

In Argentinien stellen sich vor den Wahlen viele die Frage, ob Alberto Fernández überhaupt regieren wird. Schließlich ist Cristina Kirchner das Mastermind hinter dem kometenhaften Aufstieg von Fernández.

(Foto: dpa)

Salvador Die letzte Veranstaltung der Opposition vor dem Wahlsonntag fand in Mar del Plata statt, einer Küstenstadt 400 Kilometer südlich von Buenos Aires am Atlantik. Sie gibt einen guten Vorgeschmack darauf, wie Argentinien in den nächsten vier Jahren regiert werden wird.

Alberto Fernández, der Präsidentschaftskandidat der Oppositionsbewegung „Frente de Todos“ steht auf einer Bühne im Stadtzentrum. Der 60-jährige Anwalt, der sein Leben in der Politik verbracht hat, seitdem er als 14-jähriger die ersten Schülerdemos organisierte, heizt routiniert die rund 35.000 versammelten Peronisten an: „Wir sind die Essenz dessen, das das argentinische Volk will!“ rief Fernández ins Publikum. Das stimmt.

Mit seinem Schnauzbart, dem blauen Jacket, dem prallen gefülltem Hemd über dem zu engen Gürtel, verkörpert Fernández tatsächlich perfekt den typischen argentinischen Bürokraten und Berufspolitiker, der seine gesamte Karriere zwischen Regierung, Kongress und staatsnahen Unternehmen verbracht hat.

Im Zentrum der Macht stand er zuletzt vor mehr als zehn Jahren, als Kabinettschef des Präsidenten Néstor Kirchner zwischen 2003 und 2008. Kirchner führte Argentinien durch die Wirren des Zahlungsstopps auf die Auslandsschuld und einer schweren Rezession.

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    Der drei Jahre nach Ende seiner Amtszeit verstorbene Kirchner wird von seinen Anhängern in Argentinien mythisch verehrt. Auf ihn bezieht sich Fernández auch, wenn er verspricht nicht zu ruhen, bis die „fünf Millionen neue Armen wieder in die Gesellschaft integriert seien“, die der wirtschaftsliberale Präsident Mauricio Macri mit seiner falschen Politik verschuldet habe. Das Publikum ruft in Sprechchören: „Néstor no se murió!“ Néstor ist nicht gestorben!

    Kirchner wärmt Herzen

    Doch so richtig pathetisch wird es erst als Néstors Witwe, die zweifache Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, sich im hellblauen Poncho an das Publikum wendet. Sie tritt dort auf, weil sie Vize ist im Kandidaten-Duo mit Alberto Fernández – mit dem sie nicht verwandt ist.

    Gemeinsam würden sie Argentinien wieder aufrichten, erklärt sie, die mit ihrer rhetorischen Gabe ganze Stadien von peronistischen Fans entzücken kann. Nicht nur das: Sie wärmt ihnen das Herz in dieser kalten, globalisierten Welt. In Mar del Plata verspricht sie: „Wir treten an mit dem Versprechen, dass das Vaterland nie mehr in den Hände des Neo-Liberalismus fällt.“

    Unter Schluchzen erinnert sie daran, dass der Wahlsonntag auch der neunte Todestag ihres Mannes ist. Und mahnt die ihre Anhänger Wähler zu mobilisieren. „Nunca más! Nunca más!“, skandiert das Publikum ergriffen, viele mit Tränen in den Augen. „Nie wieder!“ – so hieß der Bericht über die Menschenrechtsverletzungen unter der Militärdiktatur in Argentinien.

    Darunter geht es nicht in der argentinischen Politik, wo traditionell kräftig mit Emotionen angemischt wird. Und Cristina Kirchner zeigt an der Wahlschlussveranstaltung wieder einmal, wie perfekt sie auf der Tastatur des linken Peronismus spielen kann, eine Sonderform des südamerikanischen Populismus.

    Deswegen stellen sich Argentinien jetzt viele die Frage, ob Alberto Fernández überhaupt regieren wird. Sein Sieg jetzt gilt bereits als sicher: In den Umfragen führen die beiden Fernández mit über 50 Prozent der Stimmen – was schon für den Sieg im ersten Wahldurchgang reichen würde.

    Wird sie die Führung übernehmen?

    Doch was kommt dann? 45 Prozent der Argentinier sind der Meinung, dass Cristina Kirchner in der Regierung bald die Führung übernehmen wird, ergeben Umfragen von renommierten Instituten wie Berensztein oder D´Allessio IROL in Buenos Aires. Drei Viertel, die für das Duo stimmen wollen, machen dies, weil Cristina Kirchner dabei ist.

    Kein Wunder. Schließlich ist Cristina Kirchner das Mastermind hinter dem kometenhaften Aufstieg von Fernández. Denn die Senatorin war politisch bereits etwas angeschlagen mit einem Dutzend laufenden Prozessen wegen Korruption gegen sie in der Justiz. Sie wusste klar, dass sie zwar viele Fans, aber auch genauso viele Feinde hat und in einer Stichwahl gegenüber den meisten Kandidaten den Kürzeren ziehen würde.

    Also soll sie bereits Ende letzten Jahres auf Fernández zugegangen sein: „Alberto, jetzt bist du dran!“ Dabei hatte sie sich mit Fernández, der auch unter ihr eine Zeitlang Kabinettschef war, böse zerstritten. Sie sei eine Lügnerin, zutiefst undemokratisch und realitätsfern warf er ihr hinterher. Doch beide Fernández, Politprofis genug, um Streit nicht persönlich zu nehmen, fanden schnell zusammen für die Doppelkandidatur.

    Er gilt als Vermittler, der mit allen reden kann: Mit den Unternehmern, die sich inzwischen mehrheitlich von Macri abgewandt haben und wieder auf Zollschutz und Subventionen hoffen. Mit den Medienhäusern, die in Argentinien über TV, Print und Digital viel Einfluss haben – und natürlich in der Politik: Als Kabinettschef schloss er die Koalitionen mit allen politischen Lagern und besorgte Kirchner die Mehrheit im Kongress, über die der nicht verfügte. Auch den Wahlkampf für Cristina organisierte er. Er hat gute Drähte zu den mächtigen Gewerkschaftern.

    Unhaltbare Versprechen

    Wie er regieren wird – das lässt er bisher offen. Das, was er verspricht, kann nicht funktionieren, sagt Edwin Gutierrez, Chef für Emerging-Market-Anleihen bei Aberdeen Standard Investments. „Fernández kann nicht gleichzeitig das Haushaltsdefizit senken, die Renten und Sozialleistungen erhöhen und dann auch noch die Schulden zu tilgen.“

    Doch was ist rational in der Politik Argentiniens? Cristina Kirchner hat in ihrer Amtszeit die staatlichen Pensionskassen und die Devisenkasse geplündert, Unternehmen enteignet, die statistischen Daten fälschen lassen und wird verdächtigt, ein gewaltiges Korruptionssystem unterhalten zu haben. Doch als sie in Mar del Plata jetzt davon spricht, dass sie den Argentiniern wieder Würde und Anstand geben werde – da jubelt die Menge begeistert.

    Keine Frage: Wenn Alberto Fernández nicht in wenigen Monaten das Land aus der Krise geführt hat – dann steht Cristina Kirchner bereit, die Zügel zu übernehmen.

    Mehr: Argentinien macht kurz vor den Wahlen eine schwere Finanzkrise durch. Erste Investoren kehren zurück – trotz aller Risiken für Anleger und das Land.

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