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Schottischen Nationalpartei SNP

Erste Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, und Europaabgeordneter Alyn Smith machen Wahlkampf in Stirling. Die Schottische Nationalpartei will den Brexit stoppen.

(Foto: Reuters)

Wahlen in Großbritannien Wie die Schottische Nationalpartei für die Unabhängigkeit kämpft

Im Norden des Königreichs buhlt die Schottische Nationalpartei um Wählerstimmen. Die SNP spielt bei den Parlamentswahlen am 12. Dezember eine entscheidende Rolle.
08.12.2019 - 19:00 Uhr Kommentieren

Stirling Die Kälte ist an diesem Morgen der härteste Gegner von Alyn Smith. Ausgerüstet mit einer dicken Jacke gegen die eisigen Temperaturen läuft der Kandidat der schottischen Nationalpartei SNP durch die Straßen der schottischen Kleinstadt Stirling und klingelt an Haustüren des Arbeiterviertels Cambusbarron.

Am Revers prangt die für britische Politiker im Wahlkampf so wichtige Rosette in den Parteifarben der Schottischen Nationalpartei SNP, gelb und schwarz. „Ja, die Umfragen sehen gut aus“, sagt der bisherige Europaabgeordnete auf dem Weg zu einem kleinen Einfamilienhaus in der Arbeitersiedlung. Aber „es ist wichtig, dass wir die Menschen auch motivieren, zur Wahl zu gehen“.

Dreimal am Tag geht Smith deshalb durch Stirling, spricht mit den Wählern und verteilt seine hellgelben Flyer mit der Botschaft „Gib mir deine Stimme. Um den Brexit zu stoppen. Um gegen Boris Johnson Stellung zu beziehen. Damit ich die Interessen der Menschen in Stirling vertrete.“

Als die Tür des grauen Häuschens aufgeht, steht eine junge Frau mit tätowierten Armen vor Smith. Sie hört sich kurz an, was er zu sagen hat: Er sei bei den Parlamentswahlen am 12. Dezember Kandidat für die SNP, ob sie Fragen habe an ihn?

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    Sie winkt ab, lächelt aber freundlich. Sie sei gerade bei der Arbeit, entgegnet sie, „aber natürlich wähle ich SNP, wir alle im Haus“.

    Alyn Smith, SNP-Kandidat für das schottische Stirling, buhlt um Wählerstimmen. Quelle: AFP
    Alyn Smith

    Alyn Smith, SNP-Kandidat für das schottische Stirling, buhlt um Wählerstimmen.

    (Foto: AFP)

    Auch wenige Meter weiter in einer Schlachterei ist keine Überzeugungsarbeit notwendig. „Ich habe schon immer SNP gewählt und ich werde das auch jetzt tun“, erklärt der glatzköpfige Schlachter Michael More, auf seine Fleischtheke gestützt, in der Steaks schottischer Highlandrinder, Hack, Würstchen und natürlich die schottische Nationalwurst Haggis ordentlich nebeneinander aufgereiht liegen. „Ich bin für den Verbleib in der EU und die Unabhängigkeit von Schottland.“

    Verärgerung über London

    Es sind nur noch wenige Tage bis zu den Wahlen am 12. Dezember, und die politischen Parteien buhlen landesweit mit allen Kräften um die Wählerstimmen. Premierminister Boris Johnson hat die Wahlen ausgerufen in der Hoffnung, eine klare Mehrheit für seine Partei zu erhalten, um so den Brexit durchziehen zu können.

    Und Umfragen zufolge scheint er Erfolg zu haben: In vielen Wahlkreisen, vor allem in Mittelengland, sind die Wähler wegen des zähen Brexit-Prozesses verärgert und wollen mehrheitlich für die konservative Partei stimmen. In Schottland aber ist die Lage komplizierter.

    Im hohen Norden des Königreichs ist die schottische Nationalpartei SNP die stärkste Kraft. Sie stellt auch die regionale Ministerpräsidentin, Nicola Sturgeon. Ihr erklärtes Ziel: die Loslösung vom Vereinigten Königreich.

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    Der Wahlkreis in den grünen Hügeln der Highlands ist ein Ort mit Symbolcharakter. „Wer Stirling hält, beherrscht den Norden“, lautet ein geflügeltes Wort, das Reiseführer vor Touristengruppen zu zitieren pflegen. Hier hatte 1297 der schottische Freiheitskämpfer William Wallace – dessen Leben von Hollywood in dem US-Film Braveheart verfilmt wurde – im Ersten Schottischen Unabhängigkeitskrieg den Engländern eine vernichtende Niederlage beigebracht.

    Jetzt, mehr als 700 Jahre später, ist das Thema Unabhängigkeit für viele Schotten erneut in den Vordergrund gerückt. 2014 hatten die Schotten schon einmal über einen Verbleib im Vereinigten Königreich abgestimmt. 55,3 Prozent der Schotten stimmten damals gegen eine Abspaltung. Allerdings warben Politiker auch damit, dass ein solcher Schritt auch den Abschied aus der Europäischen Union (EU) bedeutet hätte. Das schreckte viele Schotten ab. Denn viele fühlen sich als Europäer.

    Bei dem EU-Referendum vor dreieinhalb Jahren hatten die Schotten mit 62 Prozent für den Verbleib in der EU votiert. Und doch soll Schottland dem Vereinigten Königreich aus der EU folgen. Die Verärgerung der Schotten über den Brexit-Kurs der Zentralregierung in London ist groß. So groß, dass die Einheit des 1707 geformten Königreichs aus den vier Regionen England, Schottland, Nordirland und Wales auf dem Spiel steht.

    Auf verlorenem Posten

    In Stirling hatte bei den letzten Wahlen 2017 der Abgeordnete der konservativen Regierungspartei gewonnen. Aber das Ergebnis war so knapp, dass die Stimmen zweimal ausgezählt werden mussten. Lediglich 148 Stimmen machten den Unterschied.

    Der siegreiche Abgeordnete Stephen Kerr von der konservativen Tory-Partei unterstützte seitdem konsequent alle Brexit-Bestrebungen der Regierungen. Viele Wähler in Stirling nehmen ihm das übel. Wenn sich die Prognosen bewahrheiten, dürfte bei diesen Wahlen Kerrs Kontrahent Alyn Smith von der SNP den Sieg davontragen.

    Es geht um 59 der 650 Plätze im Londoner Abgeordnetenhaus, auf denen Vertreter aus Wahlkreisen in Schottland sitzen. Geht die SNP aus dieser Wahl tatsächlich gestärkt hervor, könnte sie den Plan von Premierminister Boris Johnson durchkreuzen, eine deutliche Pro-Brexit-Mehrheit zu erzielen.

    Einer aktuellen Umfrage von Yougov zufolge wollen in Schottland lediglich 28 Prozent für die konservative Partei stimmen. Dabei liegt diese im Rest des Vereinigten Königreichs deutlich vor den anderen Parteien. In Schottland ist die SNP mit 44 Prozent an der Spitze. Die Labour-Partei kommt in schottischen Umfragen mit 15 Prozent auf den dritten Platz.

    In Stirling hat Labour die 19-jährige Studentin Mary Kate Ross als ihre Kandidatin in den Wahlkampf geschickt. Sie gilt als chancenlose Außenseiterin. „Ich weiß, die aktuellen Umfragen haben mich auch etwas traurig gemacht“, sagt Ross bei einem Treffen in einem Pub und trinkt einen Schluck ihrer Cola light. „Aber ich dachte, ich darf das Feld nicht einfach kampflos aufgeben.“ 

    Eigentlich wäre die SNP der natürliche Verbündete der Oppositionsparteien, die sich gegen den Brexit einsetzen, allen voran die Labour-Partei. Aber SNP-Chefin Sturgeon fordert im Gegenzug für die Unterstützung ihrer Partei die Zusage für ein Unabhängigkeitsreferendum in Schottland, und dem steht man auch in der Labour-Partei ablehnend gegenüber. Dennoch werde Labour-Chef Jeremy Corbyn ihr den Wunsch nach einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum nicht abschlagen, wenn er dadurch an die Macht kommen könne, ist sich SNP-Chefin Sturgeon sicher.

    Es wird ein zweites Referendum geben, die große Frage ist nur wann. Kirsty Hughes , Scottish Centre on European Relations

    „Es wird ein zweites Referendum geben, die große Frage ist nur wann“, meint auch Politik-Expertin Kirsty Hughes vom Thinktank Scottish Centre on European Relations in Edinburgh. Mehrere Wege führten dahin: Entweder über eine Zusage von der Labour-Partei im Gegenzug für die Stimmen der SNP-Abgeordneten – sollte Premier Johnson nicht als Sieger aus der Wahl hervorgehen – oder aber, wenn Premier Johnson eine Mehrheit bekommt und seinen Brexit-Deal durchsetzt.

    Das würde der SNP, die sich als Remain-Partei positioniert hat, weiter Zulauf verschaffen. Immer mehr Schotten kämen auch zu der Überzeugung, dass man ohne das Vereinigte Königreich besser zurechtkommen würde – „ganz unabhängig davon, ob das nun realistisch ist oder nicht“.

    „Bekommen wir dann den Euro?“

    Auch in Stirling rechnet man fest damit, dass die SNP ein zweites Referendum durchziehen wird – selbst wenn man das bei Weitem nicht überall gut findet. Vor allem im sichtlich wohlhabenderen Bezirk Kings Park in Stirling steht man der schottischen Partei skeptisch gegenüber. „Die von der SNP sind Tyrannen“, sagt der 67-jährige Gilbert, während er seinen Hund in den Kofferraum seines weißen Jeeps springen lässt.

    „Denen geht es nur um die Unabhängigkeit, alles andere ist denen egal. Aber wie soll das funktionieren? Wir müssten eine Grenze zu Großbritannien haben? Und was ist mit unserer Währung? Sollen wir dann den Euro einführen? Das ist doch Wahnsinn“, sagt er und schließt kopfschüttelnd die Heckklappe. „Ich mag Boris Johnson nicht“, fährt er fort, „aber ich habe mein Leben lang Tory gewählt und werde das auch diesmal tun.“

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    Ein paar Schritte weiter steckt ein älterer Mann Werbung für die liberaldemokratische Partei in die Briefkästen der stattlichen Wohnhäuser im viktorianischen Baustil. „Ich unterstütze die Liberaldemokraten, auch wenn das keinen Sinn macht“, raunt er und schaut rasch um sich, ob ihn jemand hören kann. „Ich selbst wähle dieses Mal Tories“, sagt er dann. „Die Wahl hier wird zwischen den Tories und der SNP entschieden. Und ich will die SNP hier raushaben.“

    Von einer Abspaltung Schottlands hält er nichts. „Was wäre denn mit den ganzen Arbeitsplätzen? Hier in Schottland sind die Atomraketen der Briten stationiert, da hängen viele Arbeitsplätze dran. Ich habe für den Verbleib in der EU gestimmt. Aber jetzt habe ich keine andere Wahl. Und mit Boris Johnson haben wir immerhin einen Deal.“

    Mehr: In Umfragen liegt die Regierungspartei des britischen Premiers deutlich vorn. Doch die Prognosen können trügen – das liegt vor allem an drei Faktoren.

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