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Wahlsieger Sebastian Kurz In Österreich triumphiert ein Meister der sozialen Medien

Der Österreicher feiert einen großen politischen Erfolg. Mit 33 Jahren wird er wieder Kanzler – mit mehr Macht und ohne Rechtspopulisten.
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Er ist die Blaupause einer neuen Politiker-Generation. Quelle: AFP
Sebastian Kurz

Er ist die Blaupause einer neuen Politiker-Generation.

(Foto: AFP)

Wien, Düsseldorf Gespielt oder ehrlich? „Mir fehlen die Worte, und ich bin selten sprachlos“, sagte Sebastian Kurz mit einem Anflug von Selbstironie vor seinen jubelnden Parteifreunden im Wiener Kursalon Hübner – dem traditionellen Partyzentrum der konservativen Volkspartei.

Mit einem Stimmengewinn von fast sieben Prozentpunkten auf mehr als 38 Prozent geht der 33-jährige Altbundeskanzler aus den Wahlen in Österreich als Gewinner hervor. Tatsächlich war der Abstand seiner Partei zur SPÖ, trotz starker Stimmenverluste noch zweitgrößte Partei der Alpenrepublik, nie größer.

Während sein früherer rechtspopulistischer Koalitionspartner FPÖ nach einem katastrophalen Wahlergebnis mit einem Minus von fast neun Prozent in die Opposition gehen will, besitzt Kurz nun alle Voraussetzungen für ein bürgerliches Regierungsbündnis.

Der Aufstieg von Kurz ist beispiellos. Er ließ die Zusammenarbeit von Konservativen und Sozialdemokraten vor zwei Jahren platzen, stieg mit Hilfe der FPÖ zum Kanzler auf. Die Video-Affäre der Rechtspopulisten auf Ibiza beendete aber vor wenigen Monaten die Koalition zwischen FPÖ und ÖVP.

Die Affäre nutzte Kurz geschickt für seine Zwecke und Ausbau seiner Machtbasis. Bei seiner zweiten Regierung hat er jetzt die Qual der Wahl. Möglich wären Bündnisse mit den Grünen, den Sozialdemokraten – aber auch ein Dirndl-Bündnis mit Grünen und den liberalen Neos ist vorstellbar.

Mit einer schwarz-grünen Koalition würde er ein Bündnis in den Praxistest schicken, dessen Ausgang auch in Deutschland auf Beachtung stoßen dürfte. Geht dort die Große Koalition zu Ende, wären die Grünen in Berlin eine Option für die CDU.

Wie auch immer die Regierung in Österreich aussieht: Kurz muss viel Vertrauen bei seinen bisherigen politischen Gegnern aufbauen. Grünen-Chef Werner Kogler etwa äußert sich schon mal skeptisch über den neuen Landesführer. Er nennt den ehemaligen Jura-Studenten spöttisch „Kanzlerdarsteller“, wobei er auf seine Gabe anspielt, sich perfekt in Szene zu setzen, sobald die Scheinwerfer auf ihn gerichtet sind.

Im öffentlichen Auftritt überlässt Kurz tatsächlich nichts dem Zufall: keine Schweißperle auf der Stirn, keine zerzausten Haare, keine peinlichen Gesten. Er erscheint damit als Idealtypus einer neuen Politikergeneration, möchte Marke sein, schillernde Persönlichkeit, fast schon Messias-ähnlicher Reformer.

Influencer der Politik

Vor allem aber versteht er die sozialen Medien. Sebastian Kurz ist der erste Influencer der österreichischen Politiklandschaft. 1.273.397 Follower zählt der Alt-Neu-Kanzler in den sozialen Medien Facebook, Instagram und Twitter. Das sind mehr, als alle anderen Spitzenkandidaten zusammen haben.

Seine Medienstrategie gleicht einem perfekt durchdachten Schlachtplan. Bereits für die Nationalratswahl 2017 hat er sich mit Peter Eppinger, langjähriger Moderator des reichweitenstärksten Radiosenders Ö3, die wohl bekannteste Stimme Österreichs als Sprecher in die Partei geholt. Seither tourt auch Eppinger im türkisblauen Auftrag mit dem Mikrofon durchs Land, plaudert locker in alter Ö3-Wecker-Manier mit Passanten über den Kanzler und dreht behind-the-scene-Videos im Kanzleramt.

Man kann ihm nahekommen diesem Kurz, kann sich fesseln lassen von seinem Personenkult und schönen Hochglanzfotos.

Auf der Website von Kurz sieht man große Bilder mit Gebirgsseen, Almwiesen und Berggipfeln statt Parteiprogramm oder langatmiger Wahlkampfparolen. Seit seinem Wahlsieg springt dem Website-Besucher zuerst ein türkisfarbenes „DANKE“ entgegen. Er bemüht sich um klare Botschaften – zumindest im Digitalen.

In der Realpolitik hingegen wirkt er nicht immer so geradeaus, Kritiker schmähen ihn schon mal als Politik-Chamäleon. Zu unklar sei seine Linie, zu rasant der Wandel vom charmanten Integrationsstaatssekretär über den harschen Außenminister bis zum Superstar-Kanzler, der das Prä-Ibiza-Österreich vor illegaler Migration, das Post-Ibiza-Österreich aber vor dem Klimawandel bewahren will.

Dass er intensiv die mediale Präsenz in Deutschland sucht, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch nirgendwo sonst hat Kurz von Beginn an so viel Lob und Aufmerksamkeit für sein Auftreten und seine politische Agenda geerntet wie hierzulande. Die deutsche Medienlandschaft liebt ihn mehr als die heimische – und das weiß er zu nutzen.

Mehr: ÖVP-Chef Kurz kann mit einer politischen Wende Geschichte schreiben. Für einen Pakt mit den Grünen würde er im eigenen Land und in ganz Europa viel Applaus erhalten.

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