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Weltgeschichte In Argentinien ist die Krise der Normalzustand

Inflation, Rezession und politische Unruhen treiben Argentinien erneut in die Krise. Das Land scheint in einer Endlosschleife von Problemen gefangen.
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Argentinien: Die Krise ist der Normalzustand Quelle: dpa
Schaufenster in Buenos Aires

An das Fenster eines Geschäftes wurde geschrieben: „Alles zum Produktionspreis bis Oktober – dann sind wir weg“.

(Foto: dpa)

Buenos Aires Derzeit kursiert in Lateinamerika ein schöner Spruch, der perfekt die Lage in Argentinien beschreibt. Er lautet: Wenn man nach 30 Tagen in dieses Land zurückkehrt, hat sich alles verändert, aber wenn man nach 30 Jahren zurückkehrt, hat sich nichts geändert. Noch vor zwei Wochen sah es so aus, als wäre Argentinien bald aus dem Gröbsten heraus.

Die Rezession schien einer leichten Erholung zu weichen. Ende Juni hat Argentinien als Mitglied des Mercosur mit der EU das Abkommen zur größten Freihandelszone der Welt abgeschlossen. Der Präsident Mauricio Macri kletterte aus seinem Popularitätsloch hervor. Alle hielten es für wahrscheinlich, dass er im Oktober wiedergewählt werden könnte.

Niemand – außer der harte Kern der Fans – will wieder zurück zu Marktabschottung, Dirigismus und Korruption einer Cristina Kirchner, so der Tenor unter Investoren und politischen Experten. Doch es kam anders: Die Peronisten – Anhänger einer vielschichtigen politischen Bewegung – deklassierten Macri bei den Vorwahlen.

Als Vize dabei war auch Cristina Kirchner – zweifache Präsidentin vor Macri – zusammen mit ihrem Kabinettschef. Nun ist der Peso abgestürzt, die Inflation steigt und die Rezession verschärft sich. Plötzlich steigt in Argentinien das Risiko eines Zahlungsausfalls. Macris Chance, im Oktober wiedergewählt zu werden, tendiert jetzt gegen Null. So ist es, wenn sich in wenigen Tagen alles verändert in Argentinien – oder eben nicht.

Für den Korrespondenten, der gefühlt schon über ein Dutzend Krisen Argentiniens berichtet hat, ist wieder der Krisenalltag eingetreten, der in Argentinien eigentlich Normalzustand ist. Es wirkt wie ein uralter Film, erinnert man sich daran, wie Macri beim Amtsantritt vor dreieinhalb Jahren vollmundig verkündete, dass er bis Ende seiner Amtszeit mit der Armut aufgeräumt haben wollte. Weiterhin ist ein Drittel der Argentinier arm – Reformen hin oder her.

Was haben die Privatanaleger wohl nur gedacht – fragt man sich jetzt -, als sie sich vor zwei Jahren (!) um die 100-jährige Dollar-Anleihe Argentiniens rissen. Statt der 2,7 Milliarden Dollar hätte Argentinien auch problemlos zehn Milliarden aufnehmen können. Jetzt sind die Bonds gerade noch mal die Hälfte wert.

Nun spekuliert die Regierung stundenlang darüber, wann welche Kredite fällig werden und ob sie sie bezahlen kann - oder will. Die siegreichen Peronisten legen in den Interviews nun jedes Wort auf die Goldwaage, und es wird darüber gemutmaßt, wie diese mit den Gläubigern verfahren wollen.

Es gibt vermutlich kein Land der Welt, in dem abends auf so vielen Fernsehkanälen parallel stundenlange Talkrunden laufen. In denen debattieren Ökonomen und Journalisten genüsslich über die Tagesaktualität wie an einem öffentlichen Stammtisch – natürlich theatralisch, emotional und meistens reden alle gleichzeitig.

Wann kommt die IWF-Delegation? Was will sie? Soll man sie überhaupt reinlassen? Wird der IWF im September noch die letzte Rate des Mega-Kredits über insgesamt 57 Millionen Dollar an Argentiniens von insgesamt 57 Milliarden Dollar vergeben oder zieht er jetzt die Reißleine?

Aus allen Ecken scharen sich Ökonomen

Tagsüber trifft man die gleichen Experten und Ökonomen in den engen Restaurants des Geschäftszentrums um Börse, Kongress und den Regierungssitz, wo sie ihre Steaks essen. Früher rauchten noch alle dabei, das wurde inzwischen aber abgeschafft. Wie aus der Versenkung tauchen die vielen Ökonomen auf, die alles schon vorher wussten – nun aber aus dem Lager der Peronisten, die sich ein paar Jahre versteckt zu haben scheinen.

Viele treten im Namen von „Wirtschaftsinstituten“ auf, die nach ihren eigenen Initialen benannt sind, also Ein-Mann-Institute sind. Überhaupt, von Ökonomen gibt es in Argentinien Heerscharen – und das in einer Stadt wie Buenos Aires, die sich damit brüstet, die höchste Dichte an Psychotherapeuten pro Einwohner weltweit zu besitzen. Aber: Wenn man es recht bedenkt, unterscheiden sich die beiden Berufsgattungen – Psychotherapeuten und Ökonomen – in Argentinien nicht besonders.

Mehr: Einen weiteren Anstieg des Dollar zuzulassen, würde zur Unsicherheit beitragen, glaubt Hernán Lacunza. Stabilität sei das wichtigste öffentliche Gut.

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