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Weltgeschichte Wie Sie (un)politisch korrekten Urlaub machen

Viele Deutsche meiden den Türkei-Urlaub aus politischen Gründen. Doch wo soll man stattdessen hin? Eine nicht ganz ernst gemeinte Weltgeschichte.
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Vielleicht geht es ja gar nicht um politisch korrekten Urlaub, sondern darum, nicht schief angesehen zu werden.
Urlaubsressort an der türkischen Riviera

Vielleicht geht es ja gar nicht um politisch korrekten Urlaub, sondern darum, nicht schief angesehen zu werden.

Istanbul Fünf Sterne, drei Mahlzeiten am Tag, 600 Euro pro Woche: So werben derzeit viele Hotels und Ressorts an der türkischen Mittelmeerküste um europäische Touristen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist optimal, das Wetter gut – aber die Politik?

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan ist in Deutschland bei vielen unten durch. Nazivergleiche, Machtausbau am Bosporus: Viele glauben, mit einem Urlaub an der türkischen Riviera würden sie den türkischen Präsidenten direkt oder indirekt unterstützen – wirtschaftlich oder auch einfach nur subjektiv, indem sie Erdogans Touristenstatistik schönen würden.

Doch wo kann man stattdessen hin, wenn es nicht gerade Balkonien sein soll? Dahin, wo es warm, schön oder billig ist, aber die Moral den Martini am Pool versaut? Das geht nicht. Wer politisch korrekten Urlaub verbringen will, darf seine Ansprüche nicht herabsetzen.

Aber da geht es schon los: Wie geht denn überhaupt politisch korrekter Urlaub? Neu ist das Phänomen jedenfalls nicht: Seit mehreren Jahren gibt es Hitlisten für ethischen Tourismus. In Blogs geben Urlaubsexperten Tipps für Reisen mit gutem Gewissen. „Nur noch dahin fahren, wo man es als politisch korrekter Mensch auch verantworten kann – alles muss einfach passen, von der Umwelt bis hin zu den Menschenrechten!“, schreibt ein Blogger darüber.

Ein Freund erzählte mir neulich, er sei mit seiner Freundin mit dem Reiseveranstalter Studiosus in den Iran gereist. „Supernett waren die da!“, meinte er. „Und die Politik?“, fragte ich leise und fing an aufzuzählen: Todesstrafe, umstrittene Militäreinsätze, Atombombe ... Weiter kam ich nicht. „Ach, die meisten Menschen haben doch nichts mit der Politik zu tun!“

Na, wenn das so ist, dann ist ja auch nicht die gesamte Türkei tabu. Man muss doch nur Orte finden, in denen niemand Erdogan mag. Und siehe da: An der gesamten türkischen Mittelmeerküste gewinnt bei Wahlen eigentlich immer die Opposition.

Ein Foto aus dem Erdogan-Land

Und selbst Volkswagen überlegt, das eventuell in der Türkei geplante neue Produktionswerk im westtürkischen Izmir – einer Hochburg der kemalistischen Opposition – zu errichten. Ein Journalist aus Istanbul meinte dazu neulich: „Wenn VW dort baut und Arbeiter einstellt, unterstützen sie ja auch gleich noch die richtigen Leute.“ Das gilt dann ja wohl erst recht für einen Touristen, der den richtigen Hotelier unterstützt.

Aber was, wenn die Reinigungskraft im Hotel oder der Ingenieur im VW-Werk dann doch Erdogan gewählt hat? Und gehen die Steuern, die man beim Einkaufen oder schon bei der Landegebühr am Flughafen entrichten muss, nicht ohnehin nach Ankara? Wie man den Döner auch dreht und biegt – irgendwann landet alles in Erdogans Hals. Die Türkei fällt weg.

Vielleicht geht es ja gar nicht um politisch korrekten Urlaub. Vielleicht geht es nur darum, dass man im Büro oder im Fußballverein schief angeschaut wird, nachdem man ein Foto aus dem Erdogan-Land gepostet hat. Mesut Özil ist es schließlich auch so ergangen.

Die Füße auf dem türkischen Sandstrand entsprechen dann dem Handschlag zwischen dem Starfußballer und dem türkischen Präsidenten. Wer sich mit Erdogan zeigt, hat seine demokratischen Prinzipien aufgegeben. Und wer sich mit einem kühlen Bier aus dem Hause Efes zeigt, hat seine Moral einfach nur weggesoffen. Erbärmlich.

Die Non-Profit-Organisation Ethical Traveller (Leitspruch: „Empowering travellers to change the world“) listet für 2019 unter anderem Benin, Ecuador und Nepal als rechtsstaatlich unbedenkliche Urlaubsziele auf. Bei den Kriterien wird mal die Größe der Nationalparks herangezogen, mal die Kindersterblichkeit, mal die geringen Verstöße gegen Menschenrechte.

Kein Land ist ohne Makel

Ich weiß nicht mal, wer das Land Benin regiert, geschweige denn, ob der Mann oder die Frau auch ein guter Demokrat ist, sich am Rechtsstaat und einem möglichen EU-Beitritt orientiert. Ich lese auf einer illegalen Kopie von Wikipedia (das Original ist in der Türkei gesperrt), dass der Staat als Musterdemokratie in Westafrika gilt. Ist die Türkei im Vergleich zu ihren Nachbarn Syrien, Irak, Iran dann nicht auch mustergültig?

In Ecuador werden seit Jahren Regenwälder abgeholzt und Ureinwohner vertrieben. Das steht mindestens einmal im Jahr im Magazin „National Geographic“ – jeder weiß das. Wie schafft es so ein Land überhaupt auf diese Liste? Und war da nicht auch irgendetwas mit Nepal? Oder in welchem Land steht Homosexualität noch mal unter Todesstrafe? Ich verliere den Überblick.

Kein Land ist ohne Makel. Wer ist das schon? In Italien regieren die Radikalen von ganz links und ganz rechts, in Thailand sowie Ägypten herrscht mehr oder minder das Militär, in Indien werden Menschen auf offener Straße vergewaltigt. Dann wäre doch ein Flug in die USA etwas – aber was ist mit Präsident Donald Trump?

Und überhaupt: Beim Einsteigen in den Flieger geht es doch schon los. Was ist mit all den Abgasen, die ein Airbus in der Luft so ausstößt? Wie behandelt Ryanair eigentlich momentan seine Piloten und das Kabinenpersonal? Hatten die nicht mal aus völlig nachvollziehbaren Gründen gestreikt?

Eine Fahrt mit dem Auto in die deutschen Nachbarländer geht nur, wenn kein Diesel getankt wird. Eine Zugfahrt nach China führt durch Russland, und eine Kreuzfahrt zerstört die Meere. Japan? Kirschblüte ist ja ganz schön, aber die vielen Kernkraftwerke ... Nein danke. Irland? Das Land mit den restriktivsten Abtreibungsrechten Europas? Vergiss es.

Ich gebe es zu: Als Korrespondent in Istanbul war ich jetzt schon mehrmals an der türkischen Küste im Urlaub. Ich beschäftige mich ja ohnehin jeden Tag mit der Politik im Land und der Region. Wenn ich am Strand liege, ignoriere ich all das. So lässt es sich wunderbar entspannen.

Mehr: Vor 30 Jahren haben die Ungarn den Eisernen Vorhang durchschnitten, um DDR-Bürgern die Flucht zu ermöglichen. Heute bauen sie wieder neue Zäune.

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