Weltgeschichten USA – „The Land of the Fee“

Fees, Gebühren, sind ein ständiges Ärgernis in den USA. Dabei ist es faszinierend, welchen Langmut die Menschen an den Tag legen, wenn es an ihr Geld geht.
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Gebühren bei jeder Transaktion: Vor allem Kreditinstitute sahnen in den USA ab. Quelle: AP
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Gebühren bei jeder Transaktion: Vor allem Kreditinstitute sahnen in den USA ab.

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San FranciscoDas war so dreist, da musste T-Mobile-CEO John Legere einfach zum Smartphone greifen und seine Wut am Lieblingsfeind AT&T auslassen. „Noch ein Beispiel, wie AT&T das Wohl seiner Brieftasche vor das Wohl der Kunden setzt. 16 Quartale in Folge mit sinkenden Mobilfunkumsätzen und ihr tut den Kunden noch mehr schreckliche Dinge an. Zweimal in einem Quartal! Was .... AT&T?“

Grund für den Ausraster war der Bericht eines Analysten über eine zweimalige Preiserhöhung einer obskuren „Verwaltungsgebühr“ im Mobilfunk, die sich im Kleingedruckten der Monatsrechnungen der Vertragskunden versteckt. Insgesamt stieg sie in weniger als drei Monaten von 76 Cents auf 1,99 Dollar.

Der Analyst von BTIG rechnet aus, dass das keineswegs Kleinkram ist. „Wir glauben“, so Analyst Walter Pieczk, „das betrifft 85 Prozent der 64,5 Millionen Mobilfunkkunden.“ Im Jahr wäre das ein nettes Zubrot von fast 800 Millionen Dollar und würde ausreichen, um zehn Milliarden Dollar Schulden zu bedienen. AT&T hat gerade Time Warner übernommen und steht wegen eines enormen Schuldenberges unter scharfer Beobachtung der Ratingagenturen.

Zuschlag hier, Aufschlag da, Service Fee hier, Convenience Fee da. Frei erfundene oder vom Gesetzgeber auferlegte Gebühren nehmen in rasantem Tempo zu. Mit klammen Kassen der Haushalte und hohen Schulden der Unternehmen bleiben nur Preiserhöhungen oder eben neue und steigende Gebühren.

Autor Devin Fergus geht in seinem Buch „The Land of the Fee“ sogar soweit zu behaupten, dass das Entstehen der Gebührenindustrie zu einem guten Teil verantwortlich ist für das Verschwinden der Mittelschicht in den USA, die für Selbstverständlichkeiten des Alltagslebens heute gebührenbehaftete Dienste in Anspruch nehmen muss.

Ein krasses Beispiel sei die Auto-Haftpflichtversicherung, die vom Staat verlangt wird, aber nur von gewinnorientierten Privatunternehmen angeboten werden darf. Der Einbau von Mittelmännern wie zum Beispiel Finanzberatern sei ein Kernelement der Gebührenwirtschaft. Der Anteil von staatlichen Studentenkrediten geht in den USA konstant zurück, der Anteil der Kredite durch Finanzvermittler und Banken steigt. Und alle erheben zusätzliche Gebühren.

Früher kannte man Gebühren nur als Kosten für einen Verwaltungsakt. Ein Führerschein, eine Urkunde – Gebühren deckten den Verwaltungsaufwand. Heute sind Gebühren Bestandteil der privatwirtschaftlichen Umsatzerzielung und wichtiges Profitelement. Nicht nur bei AT&T. Die US-Fluggesellschaften haben 2017 alleine mit Gepäckgebühren 5,4 Milliarden Dollar eingenommen.

Die Kreditkartenindustrie ist besonders innovativ

Besonders engagiert zeigt sich die Kreditkartenindustrie. Die sogenannten „Overdraft Fees“, die Überziehungsgebühren, sind längst kein Kleinkram mehr. Die drei größten US-Banken alleine, JP Morgan Chase, Bank of America und Wells Fargo, haben 2016 nach Erhebungen von CNN Money zusammen über 6,4 Milliarden Dollar mit Überziehungs- und Geldautomatengebühren eingenommen.

Wer an einem Geldautomaten, der nicht zum Netzwerk der Bank gehört, Geld abhebt, bezahlt an seine Bank im Schnitt drei Dollar pro Transaktion und an den Automatenbetreiber nochmal drei bis fünf Dollar. An Flughäfen oder in Casinos in Las Vegas sind das auch gerne mal sechs oder sieben Dollar. Wer Überziehungsgebühren vermeiden will, kann erst mal seinen Kontostand am Automaten abfragen – was natürlich extra kostet. Das ist so verhasst, dass an vielen Geldautomaten extra ausgewiesen wird, dass der Betreiber nichts dafür verlangt, sondern die Hausbank des Kunden diese Gebühr erhebt.

Bevor das Gesetz zu Überziehungsgebühren novelliert wurde, haben Amerikas Banken ihre Kunden automatisch für diesen Service angemeldet. Heute müssen die ausdrücklich zustimmen. Und die serviceorientierten Geldinstitute hatten sich eine weitere Sonderregelung einräumen lassen. Sie durften die Tagesabhebungen nach ihrem Gutdünken umsortieren.

Also angenommen, ein Konto hat 100 Dollar Guthaben. Drei Zahlungsvorgänge fallen an: zuerst zwei über 30 Dollar, dann einer über 150 Dollar. Die Bank rechnete dann aber zuerst den letzten über 150 Dollar ab, der sofort das Konto ins Minus drückt. Dann erst kommen die beiden kleineren. Der Effekt: Statt nur einmal 35 Dollar Überziehungsgebühren zu kassieren, die beiden kleineren Zahlungen wären durch das Guthaben gedeckt gewesen, werden nach der Umsortierung drei Mal 35 Dollar, also 105 Dollar abkassiert.

Gebühren haben zudem den Vorteil, dass man nicht wegen gewerbsmäßiger Kriminalität belangt werden kann. Angenommen, für den 3,50 Dollar Frappucino bei Starbucks wären nur 3 Dollar auf dem Konto gewesen, dann wären 35 Dollar Überziehungszinsen auf 50 Cents klar illegal. Aber die Bank kassiert ja keine Zinsen, wie der gewöhnliche Mob. Sie kassiert Gebühren. Und der Gebührenhunger kennt keine Grenzen. Jüngst erst wurden „Wartungsgebühren“ von bis zu 12 Dollar pro Monat für Girokonten eingeführt, bei denen das Guthaben unter bestimmte Schwellen, zum Beispiel 5000 Dollar, fällt.

Die Gebühreritis macht vor keiner Branche halt. Hotels in Las Vegas erheben mittlerweile „Ressortgebühren“, in denen der früher kostenlose Internetdienst drin ist und der ebenfalls früher kostenlose Zugang zum Pool. Zwischen 25 und über 50 Dollar werden pro Zimmer fällig.

Wer nicht zahlen will, muss fühlen – oder warten

Auf Inlandsflügen in den USA kostet der Zugang zum Bordkino in der Rückenlehne schon mal sechs Dollar. Wer nicht vorab einen Sitzplatz, gegen Gebühr, bucht, wird immer auf einen Mittelplatz gezwängt. Egal, wie viele Sitze frei sind. Wer die langen Schlangen an der Sicherheitskontrolle umgehen will, darf das bei Southwest für 64 Dollar pro Flug machen.

Bei einem Flug von San Francisco nach Los Angeles gab im Mai das Personal am Gate die Anweisung, dass alle Passagiere in den Boardinggruppen drei und vier ihr eigentlich erlaubtes Handgepäck (kostenlos) einchecken müssten: „Kein Platz mehr“. Auf meinen wütenden Protest erklärte die Dame hinter dem Tresen nur süffisant: „Sie brauchen nur das Upgrade auf Economy Premium zu bezahlen, dann ist auch Platz da.“ Das wären wohlgemerkt 100 Dollar plus auf ein Ticket von 70 Dollar gewesen. Bis der kleine Rollkoffer am Band in die Ausgabe purzelt, dauert es schon 30 bis 40 Minuten. Wer nicht zahlen will, muss fühlen und warten.

Aber nicht nur die Großunternehmen haben den Charme der Gebühren erkannt. Eine der teuersten Steakhaus-Adressen in den USA fügt der Rechnung eine dreiprozentige Gebühr an - mit der Begründung „damit wir in San Francisco Geschäft betreiben können“. Frechheit siegt.

Mensho Tokoyo auf der Geary Street, die derzeit angesagteste japanische Fastfood-Restaurantkette in San Francisco, nennt sich ein „Tip-freies Restaurant“. Doch das besagt natürlich nicht, dass der eigentlich freiwillige Obolus für gute Arbeit, die Mutter aller Gebühren in den USA, nicht mehr erhoben wird. Das Trinkgeld hat nur eine wundersame Wandlung in eine „Servicegebühr“ von 15 Prozent vollzogen, die zwangsweise an jede Rechnung angefügt wird. Die kann später einfach angehoben werden. Von den Kunden freiwillig 18 oder 20 Prozent Tip zu verlangen, ist eher schwierig.

Legendär sind auch Zuschläge von ein bis 1,5 Prozent auf den Rechnungspreis in San Franciscos Restaurants für zusätzlichen Krankenversicherungsschutz der Angestellten. Ob jemals ein Bartender oder eine Kellnerin davon profitiert hat, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. Aber klar ist, dass die Gebühr mit Einführung von Obamacare hinfällig gewesen wäre. Sie wird heute noch in vielen Betrieben erhoben, so wie die kaiserliche Sektsteuer in Deutschland.

Wundersamerweise werden die meisten Gebühren in Dienstleistungsunternehmen auch in Prozent angegeben, nicht in absoluten Zahlen. Steigt der Preis, steigt immer die Gebühr mit.

Gebührenfalle US-Krankenhaus

Den Gebührenwahnsinn in absolut stratosphärische Höhen treibt aber das amerikanische Gesundheitswesen. Da ist zum Beispiel die relativ neue „trauma team activation fee“ in Notaufnahmen. Wenn sich ein Krankentransport einem Hospital nähert, teilt der Sanitäter an Bord mit, was zu erwarten sein könnte. Zur Sicherheit des Patienten wird dabei immer eher etwas übertrieben als untertrieben. Bei potenziell schweren Verletzungen wird ein „trauma team“ aktiviert, zum Beispiel mit Chirurgen, Anästhesist und so weiter.

Zumindest ist das Team in Rufbereitschaft. Stellt sich dann heraus, dass es nicht gebraucht wird, wird dem Patienten eine Gebühr in Rechnung gestellt. Im günstigsten kalifornischen Krankenhaus werden gut 5000 Dollar fällig, im teuersten 50.000 Dollar. Wohlgemerkt ohne dass das Team jemals in Aktion getreten ist. Nur dafür, dass es hätte sein können. Die meisten Krankenversicherungen weigern sich, diese Kosten voll zu übernehmen.

Eine koreanische Urlauberfamilie, deren Kleinkind von einem Hotelbett gerollt war, bekam in der Notaufnahme des Zuckerberg General Hospital in San Francisco ein Pflaster für die Nase, einen Kindertrunk und ging erleichtert nach Hause, berichtet MSN Money. Bis vom Krankenhaus die Rechnung über 18.836 Dollar für knapp vier Stunden Warten und eine Begutachtung des Kindes eintrudelte, das meiste davon war die „Aktivierungsgebühr“ von 15.666 Dollar. Die Krankenversicherung erstattete nur 5000 Dollar. Der Rest blieb beim Patienten.

Krankenhäuser sind ohnehin neben der Finanzindustrie das größte Füllhorn der Gebührenwirtschaft. Da wird einfach alles mit einer Gebühr belegt, vom Sitzen auf dem Plastikstuhl in der Notaufnahme (Abnutzung) bis zum Baby-halten: In der Tat, berichtete healthline.com, bekam der frisch gebackene Vater Ryan Grassley von einem Krankenhaus in Utah für „skin-to-skin-time“, Berührungskontakt mit seinem neugeborenen Sohn, eine Rechnung über 39,95 Dollar.

Die Trauma Activation Fee wurde übrigens erst 2002 auf Betreiben der von ihr profitierenden Industrie eingeführt und ist dann in kürzester Zeit regelrecht explodiert, weil faktisch nicht reguliert oder überwacht.

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1 Kommentar zu "Weltgeschichten: USA – „The Land of the Fee“"

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  • Schön, daß man um die USA einen Bogen machen kann -- zumindest als Privatperson.

    Niemand muß die USA privat besuchen.

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