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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Russische Trinktouristen im türkischen Albtraum-Urlaub

Die Türkei ist das beliebteste Reiseziel der Russen. Doch zwischen den beiden Nationen knirscht es im Urlaub mitunter gewaltig.
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Die türkische Mittelmeerküste wird bei russischen Touristen immer beliebter. Quelle: dpa
Strand in Alanya

Die türkische Mittelmeerküste wird bei russischen Touristen immer beliebter.

(Foto: dpa)

Moskau „Maxim, Sie sollten jetzt ins Bett gehen, Ihr Flug ist am Vormittag und da müssen Sie früh aufstehen“, mahnt die türkische Rezeptionistin – sichtlich um ihre eigene Contenance bemüht – den vor ihr stehenden jungen Russen. Maxim ist ein echter Hüne wie aus dem berühmten Bild „Bogatyri“ („Recken“) von Viktor Wasnetzow.

Doch Unmengen an billigem Alkohol bringen auch Recken zum Schwanken. Mit Mühe hält er sich aufrecht, mit einer Hand krallt er sich an der Deckendekoration fest, den Bauch gegen den Tresen gelehnt, um ihm Stand zu verleihen. Zum Schlafengehen sei es noch zu früh, befindet er trotzdem lallend.

In der Lobby des Hotels in Alanya an der türkischen Mittelmeerküste herrscht eine ausgelassene, teils aggressive Trunkenheit. An der Bar wird ununterbrochen ausgeschenkt. Einige Gäste grölen russische patriotische Lieder, andere diskutieren erregt und lautstark miteinander, oder mit dem Personal, wenn es um Ruhe bittet. Ein paar wenige sind dagegen schon in den Dämmerzustand verfallen und fläzen sich auf den Sitzmöbeln. Es scheint, als habe jemand diese Gruppe zusammengebracht, um alle bestehenden Vorurteile über russische Urlauber zu bestätigen.

Auch ich gehöre zu einer russischen Reisegruppe. Vier Familien, die vom ersten Eindruck des Hotels sichtlich geschockt sind. Zumal es nicht das Hotel ist, in dem wir eigentlich untergebracht werden sollten. Doch das lang im Voraus gebuchte Fünf-Sterne-Hotel Longbeach weist uns an der Tür einfach ab. Überfüllt! Daran führt kein Argument vorbei, nicht einmal die Tatsache, dass wir mehrere kleine Kinder dabei haben und es schon kurz vor 21 Uhr ist. „Alles voll“, versichert der Mann an der Rezeption.

Hotel und Reiseveranstalter werden sich später gegenseitig die Schuld für die Überbuchung zuweisen. Am Ende müssen wir unsere Koffer packen und in einem klapprigen Kleinbus in unser Ausweichquartier fahren. Das soll ebenfalls ein Fünf-Sterne-Hotel sein, doch tatsächlich gibt es dort bei unserer Ankunft praktisch nichts mehr – außer türkischem Whisky- und Rum-Verschnitt an der Bar.

Das Abendbrot ist jedenfalls schon vorbei, was die Mägen der Kleinen mit einem Knurren quittieren. Die Unterbringung in den wohl billigsten Zimmern in Sicht- und Hörweite der hoteleigenen Klimaanlage hellt die Stimmung nicht auf – genau so wenig wie das Frühstück in Kantinenatmosphäre am nächsten Morgen. Wie sich herausstellt, ist unsere Notunterkunft eigentlich schon für den Winter geschlossen und hat angesichts des Andrangs behelfsmäßig schnell noch einmal geöffnet, um Reibach zu machen.

In Internetforen ist zu lesen, dass auch deutsche Urlauber schon mit einer solchen dubiosen Geschäftspraxis in der Türkei konfrontiert wurden. Doch die Umsiedlung aus dem Longbeach betrifft praktisch ausschließlich Russen, während Gästen aus anderen Ländern Quartier gewährt wird. Es ist schon eine auffällige Benachteiligung der staatlich verordneten „besten Freunde“ und größten Touristengruppe.

Die Zahl der russischen Urlauber in der Türkei hat sich vervielfacht, seit Erdogan und Kremlchef Wladimir Putin vor zwei Jahren ihren Streit um den Abschuss eines russischen Kampfjets beilegten. Inzwischen kommen sogar mehr Russen als vor der Krise. Im vergangenen Jahr wurden die Deutschen als größte Türkeiurlaubergruppe von den Russen abgelöst. Fast fünf Millionen Russen flogen 2017 zur Erholung in das Land – 32 Millionen ausländische Touristen waren insgesamt in der Türkei.

Währenddessen ist das Personal von den neuen Dauerurlaubern völlig überfordert und in unserem Fall sichtlich genervt. Der Betreiber der türkischen Sauna im Hotel klagt über das fehlende Benehmen der Russen und unterhält uns mit Geschichten darüber, wie einige Gäste angeblich Dutzende Handtücher und andere Gebrauchsgegenstände gestohlen hätten. Der implizierte Vorwurf in seiner Stimme bringt uns freilich nicht dazu, bei ihm eine Massage zu buchen. Angesichts dieser Verhältnisse wird auch langsam klar, warum viele Russen ihren Frust im Alkohol ertränken.

Immerhin ist es nach zwei Tagen vorbei: Mit dem gleichen Klapperbus, der uns gebracht hat, geht es zurück zum Longbeach.

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version des Textes wurde angegeben, dass 32 Millionen Russen die Türkei 2017 besucht haben. Tatsächlich waren es rund 5 Millionen, 32 Millionen Touristen kamen insgesamt in die Türkei.

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