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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Russland baut seinen „Vatikan“ für zwei Milliarden Euro auf

Russland will die Klosterstadt Sergijew Possad umbauen und so ein neues Zentrum der Orthodoxie schaffen – und das will was kosten.
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Das Kloster gehört seit 1993 zum Unesco-Welterbe.
Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Possad

Das Kloster gehört seit 1993 zum Unesco-Welterbe.

Moskau Es ist ein Facelift für die Vitrine des Moskauer Patriarchats: Die Klosterstadt Sergijew Possad soll aufwendig renoviert und zum Zentrum der Orthodoxie aufgebaut werden. Das Geld dafür sollen die gottesfürchtigen Tschekisten im Kreml geben.

An meine erste Fahrt nach Sergijew Possad kann ich mich noch gut erinnern: Das erste, was mich verblüffte, waren mehrere Russen, die in Bahnhofsnähe ein Bierchen tranken, oder Eis aßen – bei Minus 20 Grad auf der Straße.

Dann erinnere ich mich, wie ich mich durch fast meterhohen Schnee kämpfen musste, die Straßenreinigung hatte gerade einmal die wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt geräumt. Dafür war der Eindruck, den das Dreifaltigkeits-Sergios-Kloster dann auf mich machte, umso gewaltiger.

Umgeben von weißen Kremlmauern leuchten die Zwiebeltürme des Klosters in blau, grün und gold auf einer Anhöhe über der Stadt. Hoch ragt der einzeln stehende Glockenturm über den Komplex hinaus. Auch wenn er damals noch nicht mit der größten Glocke der Christenheit – deren 72 Tonnen entsprechen dem dreifachen Gewicht der Glocke im Kölner Dom – ausgestattet war und einigen Stellen im Kloster der Putz von den baufälligen Wänden abblätterte, war das Ensemble überwältigend. Ein Eindruck, der sich Pilgern wohl jahrhundertelang bei Erreichen des Wallfahrtsorts einprägte.

Vor fünf Jahren, zum 700. Jahrestag des von der orthodoxen Kirche heilig gesprochenen Klostergründers Sergios von Radonesch wurden Kloster und Stadtzentrum schon einmal für eine erkleckliche Summe auf Vordermann gebracht.

Zum Jubiläum feierten nicht nur die gut 100.000 Einwohner der Stadt und zehntausende Gläubige, sondern auch die Politprominenz. Patriarch Kyrill führte Kremlchef Wladimir Putin persönlich an den goldschweren Ikonen und Altären im Innern der Klosterkirchen vorbei.

Mitten im Goldenen Ring

Doch inzwischen sind die Ansprüche des Moskauer Patriarchats gestiegen, nicht zuletzt verschärft durch den Konflikt mit dem Patriarchat von Konstantinopel um die Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Sergijew Possad soll nach den Vorstellungen der russisch-orthodoxen Kirche eine Art Vatikan werden, das neue Glaubenszentrum der Ostkirche. Dazu muss die Stadt, die dem touristischen so genannten Golden Ring um Moskau angehört, massiv umgebaut werden.

Das Konzept sieht vor, den Straßenverkehr umzuleiten und ganze Stadtviertel im Zentrum neu aufzubauen. Insgesamt 800.000 Quadratmeter an neuem Wohnraum sind geplant. Neben dem Kloster soll ein orthodoxes Kulturzentrum entstehen, ein riesiger Komplex, der zugleich Museen, Bibliotheken, Hotels, ein 3-D-Kino, ein Kongresszentrum und sogar das Oberste Kirchengericht beherbergen soll.

Staatliche und städtische Einrichtungen werden ebenfalls in einem Zentrum gebündelt, das auf der gegenüberliegenden Seite des Klosters liegt, das somit als Wasserscheide zwischen staatlicher und religiöser Beamtenschaft dient. Selbst ein eigener Flughafen ist angedacht – und das, obwohl Sergijew Possad nur etwas mehr als 50 Kilometer von Moskau entfernt ist.

Geld für Umbau kommt nicht von der Kirche

Ein ambitioniertes Projekt: Schätzungen zufolge liegen die Kosten für den Umbau bei etwa zwei Milliarden Euro. Das Geld will aber nicht die durchaus begüterte orthodoxe Kirche spenden. Es soll zu 90 Prozent aus dem föderalen Haushalt kommen, den Rest muss die Region Moskau beisteuern. Zum Vergleich: In den vergangenen zwei Jahren hat der Kreml für Stadtverschönerungsmaßnahmen insgesamt in Russland gerade einmal 700 Millionen Euro bereitgestellt.

Trotzdem stehen die Chancen gut, dass die Finanzierung kommt. Zwar stammt nicht nur Putin selbst, sondern ein Großteil der neuen Führung in Russland aus dem Dunstkreis sowjetischer Geheimdienste. Doch längst haben die einstigen Vorkämpfer des „wissenschaftlichen Atheismus“ umgesattelt und die Orthodoxie zum „geistigen Band“ erklärt, dass das Imperium zusammenhält.

Die Verhandlungen innerhalb der Regierung über die Finanzierung haben längst begonnen. Nur mit den Bewohnern von Sergijew Possad hat es bisher niemand von Kirche und Obrigkeit für nötig befunden, darüber abzustimmen.

Mehr: Papst Franziskus und der russische Präsident Putin wollen sich erneut treffen. Wegen des Ukraine-Konflikts war das letzte Treffen besonders brisant.

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