Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Volkssport ade – Russlands Regierung will Pilzsammler kontrollieren

Mit einer neuen Initiative bringt Moskau viele Russen gegen sich auf: Für das Sammeln von Pilzen und Beeren soll zukünftig eine Lizenz nötig sein.
Kommentieren
Viele russische Sammler verkaufen ihre Pilze. Quelle: action press
Pilzzeit in der Gegend um Kostroma

Viele russische Sammler verkaufen ihre Pilze.

(Foto: action press)

Moskau Während Deutschland unter der Hitze stöhnt, wartet der Juli in Russland mit herbstlichen Temperaturen und Regen auf. Für die Russen – zumindest in wetterfester Kleidung – der ideale Zeitpunkt für einem Waldspaziergang. Fischen und Jagen, Pilze und Beeren sammeln, sind in Russland viel häufiger verbreitet als in Westeuropa. 

Einst ein Vergnügen ausschließlich Adliger, besitzen inzwischen gut 3,5 Millionen Menschen in Russland eine Jagdlizenz – zehnmal mehr als in Deutschland. Geschossen wird auf (fast) alles, was sich im Wald bewegt: Bären, Elche, Hirsche, Schweine, Hasen, Rebhühner und Wildgänse – und immer wieder auch andere Jäger selbst.

Jahr für Jahr kommt es zu tödlichen Unfällen. Nicht selten ist dabei Alkohol im Spiel. Die „Besonderheiten der russischen Jagd“ war schon das Thema einer gleichnamigen Komödie aus dem Jahr 1995, in der es freilich mehr um die Liquidierung größerer Wodka-Vorräte als der heimischen Fauna ging.

Zugegeben: Die Jagdlust teilt längst nicht jeder Russe. So beschwor Ex-Schwergewichtsboxer Nikolai Walujew, der inzwischen für die Kremlpartei „Einiges Russland“ in der Duma rhetorische Tiefschläge austeilt, vor einigen Jahren einen wahren Shitstorm in den russischen sozialen Netzwerken gegen sich herauf, als er sich mit einem von ihm erschossenen Bären dort zur Schau stellte.

Immerhin für die Duma ist das Thema Jagd so wichtig, dass sie in dieser Woche die Jagd mit Pfeil und Bogen gesetzlich erlaubte. Beobachter spotteten, dass die Abgeordneten das Gesetz speziell für sich erließen, denn dieses blutige Vergnügen ist ausschließlich etwas für Reiche.

Russische Sammelleidenschaft

Das Angeln, mehr noch aber das Sammeln von Pilzen und Beeren, ist hingegen ein wahrer Volkssport im flächengrößten Land der Erde, das auch abseits der Taiga noch gewaltige Waldmassen zu bieten hat. Hoch im Norden wächst die Moltebeere, nach der es angeblich Nationaldichter Alexander Puschkin auf dem Sterbebett verlangte. In den gemäßigten Breiten bedecken Moosbeeren, Walderdbeeren, oder Preisel- und Blaubeeren die Waldböden.

Aus der Großstadt raus und rein ins Grün, heißt es speziell am Wochenende. An den Straßenrändern sind dann überall parkende Autos zu sehen, während im Wald mal hier, mal dort ein farbiger Kleiderfetzen aufblitzt. Für einen Teil der Bevölkerung ist dies sogar mehr als ein Freizeitvergnügen.

Sie haben ein Gewerbe daraus gemacht, verkaufen am Straßenrand oder auf den Wochenmärkten ihren Fund, seien es Blaubeeren, saftig gelbe Pfifferlinge oder auch den edlen Steinpilz, der im russischen Bely Grib – Weißer Pilz – genannt wird.

Beim Kauf lassen die Russen allerdings Vorsicht walten. Blaubeeren aus Weißrussland gelten auch 30 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl immer noch als radioaktiv verseucht. Die Beeren aus dem zentralrussischen Gebiet hingegen sind bedenkenlos genießbar.

Nun sorgt allerdings eine Initiative der Regierung für Aufregung. Sie will die Kontrolle über das Sammeln von Pilzen und Beeren dem Landwirtschaftsministerium übertragen. Auf diese Weise sollen Ernte und Exportpotenzial in dem Bereich gesteigert werden, heißt es.

Die Russen jedoch sehen darin einen neuen Versuch, ihnen neue Abgaben aufzuerlegen. Die Idee, eine Lizenz zum Beerensammeln einzuführen, stieß auf enormen Unmut bei der Bevölkerung. Das Landwirtschaftsministerium hat eilig versichert, dass „keine Verbote oder Beschränkungen“ geplant seien.

Trotzdem warten die Russen nun misstrauisch auf weitere Gesetzesinitiativen. Eine Sammellizenz, soviel ist sicher, wird kaum ein Russe beantragen. Und in jeden Hain und auf jede Wiese einen Förster zu stellen, wird am Ende für die Regierung teurer als mögliche Lizenzeinnahmen.

Mehr: Russland will die Klosterstadt Sergijew Possad umbauen und so ein neues Zentrum der Orthodoxie schaffen – und das will was kosten. Lesen Sie hier mehr.

Startseite

Mehr zu: Weltgeschichte - Volkssport ade – Russlands Regierung will Pilzsammler kontrollieren

0 Kommentare zu "Weltgeschichte: Volkssport ade – Russlands Regierung will Pilzsammler kontrollieren"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.