Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Warum jedes Jahr Millionen Russen bei schärfstem Frost ins Wasser gehen

Alljährlich tauchen Millionen Russen ins Eiswasser ab. Das Bad soll von Sünden befreien und auch noch Heilkräfte haben.
1 Kommentar
Das Eisbaden soll nach Angaben der russisch-orthodoxen Kirche die Seele reinigen und auch noch Heilkräfte haben – auch wenn es nicht immer ohne Erkältungsfolgen bleibt. Quelle: imago/ITAR-TASS
Eisbaden in Moskau

Das Eisbaden soll nach Angaben der russisch-orthodoxen Kirche die Seele reinigen und auch noch Heilkräfte haben – auch wenn es nicht immer ohne Erkältungsfolgen bleibt.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Moskau„Die spinnen, die Russen“, hätte René Goscinny dazu wohl seinen Comic-Helden Obelix sagen lassen. Und Albert Uderzo hätte den wohlbeleibten Gallier sich mit dem Zeigefinger heftig an die Stirn klopfend gemalt. Denn Jahr pro Jahr tauchen Millionen Russen Mitte Januar ab. Ins Eis.

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar wird in Russland das Epiphanias-Fest gefeiert. In den Ostkirchen wird dieser Tag als Tag der Taufe Jesu begangen, entsprechend heißt er im russischen auch „Kreschtschenie“ („Taufe“). Obwohl das Epiphanias-Fest kein offizieller Feiertag in Russland ist, hat es sich nach dem Ende des von oben verordneten atheistischen Kommunismus zu einem der beliebtesten religiösen Feste verwandelt und inzwischen regelrechten Eventcharakter angenommen. Jedes Jahr pilgern Millionen Russen bei schärfsten Frost zu den Eislöchern, die speziell für diese Nacht in die oft zugefrorenen Seen und Flüsse geschlagen werden.

Grund für die Popularität gerade bei den jungen Russen ist wohl, dass die Teilnahme einerseits viele Menschen innere Überwindung kostet, und dass andererseits der Adrenalinspiegel während des Eisbads enorm nach oben steigt. Die Kälte durchdringt den Körper bis in die Knochen, die Haut fühlt sich an wie nach tausend Nadelstichen. Schon das Zuschauen verursacht bei einigen Gänsehaut. Trotzdem bildeten sich auch in diesem Jahr wieder lange Schlangen vor den Eislöchern.

Immerhin war es diesmal zumindest in Moskau weniger kalt als noch in manchen Vorjahren. Denn ausgerechnet Mitte Januar stellen sich normalerweise die kältesten Tage des Jahres ein. Die Russen nennen das Wetterphänomen auch Täuferfrost.

Nach altem Brauch müssen die Gläubigen dreimal vollständig im Wasser untertauchen. Vor jedem Eintauchen des Kopfes bekreuzigen sie sich, dann geht es aus den kalten Fluten so schnell wie möglich ins warme Handtuch und die eigenen Klamotten.

Natürlich darf bei so einer Mutprobe Wladimir Putin nicht fehlen – und so ist der Kremlchef nach Angaben seines Pressesprechers Dmitri Peskow an diesem Wochenende irgendwo im Moskauer Umland ins Eisloch getaucht. Da sich Putin diesmal dabei ausnahmsweise nicht filmen ließ, verbreiteten die russischen Agenturen zu der Meldung eilig Archivbilder aus früheren Jahren.

Die russisch-orthodoxe Kirche will das Eisbaden allerdings nicht als Nervenkitzel verstanden wissen: Mit dem Untertauchen heile man Körper und Geist, betonen die Priester. Nach dem Vorbild von Patriarch Kyrill in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale weihten Gottesdiener landesweit das Wasser, um ihm seine Kraft zu verleihen.

Immerhin: Auch der russische Katastrophenschutz steht traditionell an den Weihern, um die Eisbader anschließend mit heißem Tee und Decken wieder aufzuwärmen, oder im Notfall einzugreifen. Erkältungen kommen immer wieder mal vor, aber größere Unfälle sind eigentlich selten.

Wer sich nicht ins Wasser traut, kann es übrigens auch abgefüllt in Flaschen zum Trinken nehmen, versichert die Kirche. Auch das habe reinigende Wirkung.

Freilich ist die Wirkung des kirchlichen Segens auf das Wasser umstritten. So kommt es immer wieder zu Vergiftungsfällen. 2010 etwa vergifteten sich in Sibirien gleich 100 Menschen mit dem Weihwasser. Mit Erbrechen und Durchfall mussten sie ins Krankenhaus.

Ursache waren Stäbchenbakterien. Der Kommentar des Pfarrers zu dem Vorfall war eher lapidar: Das Wasser trage zur Reinigung des Menschen bei – auf welche Weise sei dabei aber nicht gesagt, erklärte er.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Weltgeschichte - Warum jedes Jahr Millionen Russen bei schärfstem Frost ins Wasser gehen

1 Kommentar zu "Weltgeschichte: Warum jedes Jahr Millionen Russen bei schärfstem Frost ins Wasser gehen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ich kannte bisher nur strengen Frost. Nun gibt es auch scharfen Frost. Wieder was gelernt ;-)