Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte – Schweiz Wer Schweizer werden will, sollte wissen, wo das Raclette herkommt

Obwohl David Lewis in der Schweiz aufgewachsen ist, wurde ihm die Einbürgerung verweigert. Er wusste nicht, in welchem Landesteil das Raclette erfunden wurde. Der kuriose Fall zeigt, wie schwierig es sein kann, Schweizer zu werden.
Kommentieren
Der Raclette-Käse wurde im Schweizer Kanton Wallis erfunden. Doch das wusste der einbürgerungswillige Engländer nicht. Quelle: E+/Getty Images
Alles Käse

Der Raclette-Käse wurde im Schweizer Kanton Wallis erfunden. Doch das wusste der einbürgerungswillige Engländer nicht.

(Foto: E+/Getty Images)

ZürichDavid Lewis begegnet der Niederlage mit britischer Ironie. „Kaffee, gemacht von einem Engländer“, hat er auf die Tafel vor seinem Laden in der Innenstadt von Zürich geschrieben. Eigentlich wollte der Brite, der seit seiner Kindheit in dem Alpenland lebt, seinen Kaffee längst als Schweizer anbieten. Doch man lässt ihn nicht.

Die Gemeinde Freienbach, in der Lewis wohnt, will ihm und seinem Sohn keinen schweizerischen Pass verleihen. Ein Grund dafür: Lewis konnte nicht sagen, woher das Raclette stammt. Wer hat’s erfunden? Lewis dachte, die Käsespezialität komme aus der Westschweiz – dabei stammt sie aus dem Kanton Wallis im Süden des Landes.

Die Story brachte den Briten auf die Titelseite der schweizerischen Zeitung „Blick“. „Einbürgerung verweigert – weil er nicht alles über Raclette wusste. Und Capuns nicht kannte.“ Das Boulevardblatt erklärte ihrer Leserschaft sicherheitshalber, was es mit den „Capuns“ auf sich hat. Denn dass sich dahinter ein traditionelles Gericht aus dem Kanton Graubünden verbirgt, dürfte sogar mancher Eidgenosse nicht wissen.

Der kuriose Fall zeigt, wie schwierig es sein kann, Schweizer zu werden: Angehende Eidgenossen müssen mitunter schwierige Einbürgerungstests meistern, sich Abstimmungen stellen, manchmal sogar Hausbesuche der Polizei überstehen.

Obwohl David Lewis als Kind in die Schweiz kam und dort den Großteil seines Lebens verbracht hat, scheiterte sein Antrag. Das Fazit der Einbürgerungsbehörde fällt vernichtend aus. Lewis sei „weder in die kommunalen, kantonalen und schweizerischen Verhältnisse eingegliedert, noch mit den Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (…) vertraut“, heißt es im Protokoll.

Dabei hatte der 43-Jährige zuvor den schriftlichen Einbürgerungstext bestanden. Mit Deutsch und Französisch spricht er gleich zwei Landessprachen. Er ist nicht vorbestraft, engagiert sich in der Nachbarschaftshilfe seiner Gemeinde und fühlt sich in der Schweiz zuhause. Nach dem Studium wurde er Analyst in der Finanzbranche, arbeitete also in einer der Paradebranchen des Landes.

Dann macht er seine Liebe zum Kaffee zum Beruf: Im März hat Lewis in der Zürcher Hornergasse sein eigenes Kaffeehaus namens „Just Coffee“ eröffnet.

Zeit für einen Kaffee und ein paar Fragen: „Herr Lewis, was lief da schief?“ Man merkt Lewis an, dass ihn die Sache noch immer frustriert. „Klar, ich habe viele Sachen nicht gewusst“, sagt er. „Vielleicht hätte ich mich besser vorbereiten sollen.“ Er sei mit der Eröffnung seines Ladens beschäftigt gewesen.

Ein Viertel der Bewerber wird abgelehnt

Lewis hatte sich auf ein freundliches Gespräch eingestellt, doch stattdessen fühlte er sich bei der Anhörung wie in einer Prüfung. Schon die ersten Fragen der Kommission nach dem Raclette und den Capuns bringen ihn aus dem Konzept. Er kann keinen einzigen Regierungsrat nennen, hat keine Ahnung vom Milizsystem und weiß auch nicht, wie eine Abstimmung zustande kommt.

„Ich verstehe, dass es Regeln für die Einbürgerung geben muss“, sagt Lewis. „Ich will mich auch nicht in die Politik einmischen. Aber was an Detailwissen verlangt wird, ist doch übertrieben.“

Den konkreten Fall von David Lewis kann die Gemeinde Freienbach wegen des Amtsgeheimnisses zwar nicht kommentieren. Aber: „Die Frage nach dem Raclette ist nicht entscheidend dafür, ob jemand eingebürgert wird“, sagt Andrea Fehr, die stellvertretende Gemeindeschreiberin von Freienbach. Bei der Anhörung der Einbürgerungsbehörde gehe es um eine „Gesamtwürdigung“ der Antworten. „Wir wollen herausfinden, wie gut die Person in der Gemeinde verankert ist.“

So sollten die Kandidaten etwa die Dörfer der Gemeinde und wichtige Anlässe nennen können. Dass Fragen zum politischen System der Schweiz oder der Gemeinde gestellt würden, gehe auch aus der schriftlichen Einladung zu der Anhörung hervor.

Die Einbürgerung gelingt nicht jedem: Im Schnitt wird in Freienbach etwa ein Viertel der Kandidaten abgelehnt. Andrea Fehr sieht keinen Grund, das Verfahren zu ändern: „Natürlich sind die Kandidaten enttäuscht, wenn sie abgelehnt werden“, sagt sie. „Aber jeder, der die formalen Anforderungen erfüllt, kann es nochmal versuchen.“

Schweizer zu werden ist schwer: Die solide Wirtschaft und der hohe Lebensstandard locken Menschen aus der ganzen Welt in das Alpenland. Rund zwei Millionen Ausländer leben in der Schweiz – das entspricht fast einem Viertel der Bevölkerung. Rund 46.000 Menschen wurden im vergangenen Jahr eingebürgert. Deutsche stellten dabei die größte Gruppe.

Wer den roten Pass erhalten will, muss nicht nur diverse formelle Voraussetzungen erfüllen, darunter ein zehnjähriger Wohnsitz in der Schweiz, ein einwandfreies Führungszeugnis und ausreichende Sprachkenntnisse. Anders als in Deutschland, wo ein schriftlicher Test genügt, müssen sich angehende Schweizer in vielen Kantonen auch mündlichen Anhörungen unterziehen. Mancherorts stimmt sogar die Gemeindeversammlung über die Aufnahme der Neubürger ab.

Was angehenden Schweizern bei der Einbürgerung an Detailwissen abverlangt wird, dürfte selbst manche Eidgenossen zum Schwitzen bringen. Im vergangenen Sommer sorgte eine junge Frau aus dem Aargau für Schlagzeilen, weil ihr Gesuch abgelehnt wurde. Ihr Fehler: Sie konnte nicht sagen, wie Altöl korrekt entsorgt wird. Und auf die Frage nach dem Nationalsport antwortete sie mit „Skifahren“ statt mit „Schwingen“, der traditionsreichen Variante des Ringens. Erst im zweiten Anlauf wurde ihr Gesuch bewilligt.

Der Brite gibt sich nicht geschlagen

Auch wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht, sollten sich angehende Schweizer nicht wundern: Mit dem sogenannten Zahnbürstenbesuch wollen die Beamten sicherstellen, dass eine Ehe keine Scheinehe ist. Das Vorgehen der Behörden ist auch in der Schweiz umstritten – und wurde in der Komödie „Die Schweizermacher“ aus den 1970er-Jahren verewigt, der in der Schweiz bis heute als erfolgreichster Film aller Zeiten gilt.

Da verknallt sich ein Beamter in eine einbürgerungswillige Tänzerin, die zwar ihr ganzes Leben in dem Land verbracht hat, sich den spießbürgerlichen Konventionen der Schweizer aber partout nicht unterwerfen möchte. „Wir glauben, dass die Assimilation jener Zustand ist, bei welcher der bei uns anwesende Ausländer nicht mehr auffällt“, erklärt ein Beamter den angehenden „Schweizermachern“.

Auch David Lewis hat manchmal das Gefühl, mit seiner Art anzuecken. „Ich will mich integrieren“, sagt Lewis. Aber manchmal scheint es ihm, als laufe er gegen eine unsichtbare Wand. Lewis wohnt zwar in Freienbach, verbringt wegen seiner Arbeit aber viel Zeit in Zürich.

In seinem Laden bietet er Produkte aus aller Welt an: Die heiße Schokolade stammt aus Australien, die Kaffeebohnen stammen von einer Berliner Rösterei, und die Milch kommt aus der Schweiz. „Ich will meinen Kunden nur die besten Produkte anbieten“, sagt Lewis. Und die stammten nun mal nicht in jedem Fall aus der Schweiz.

Allein der Antrag auf Einbürgerung hat Lewis rund 3.200 Franken (rund 2.770 Euro) gekostet. Doch der Brite gibt sich nicht geschlagen. Er wird bald einen neuen Antrag zur stellen und hofft, dass es diesmal klappt.

Lewis fühlt sich zwar in der Schweiz zuhause, doch den britischen Sinn für Ironie hat er sich bewahrt. „Wer weiß“, sagt er, „vielleicht biete ich dann mal Raclette zum Kaffee an.“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Weltgeschichte – Schweiz - Wer Schweizer werden will, sollte wissen, wo das Raclette herkommt

0 Kommentare zu "Weltgeschichte – Schweiz: Wer Schweizer werden will, sollte wissen, wo das Raclette herkommt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%