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Weltgeschichten unserer Korrespondenten
Legendär ist der Bernina-Express

Zugfahren in den Alpen: Die Schweizer haben eines der besten Eisenbahnsysteme in Europa.

(Foto: dpa-tmn)

Weltgeschichte Wenn Schweizer Pendler signalrot anlaufen

Verspätungen sind relativ: Was in Deutschland noch als pünktlich zählt, verdirbt in der Schweiz schon die Statistik.
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Zürich Und dann auch noch das: Die Schweizer Eisenbahn kommt zu spät. Nicht nur einmal, sogar mehrfach. Vergangene Woche erreichte jeder vierte Zug aus Bern den Hauptbahnhof von Zürich mit Verspätung.

Was in Deutschland als alltäglich gilt, brachte die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) in die Schlagzeilen. „Zwei Verspätungen an einem Morgen“, meckert der „Tagesanzeiger“. Und die Boulevardpostille „Blick am Abend“ spricht gar von einer „Horrorstrecke“, als sei ein vollbesetzter Zug entgleist.

Dabei fahren die Schweizer mit dem besten Eisenbahnsystem in Europa, wenn nicht sogar der ganzen Welt: In einer Studie der Beratungsfirma BCG liegt das Eisenbahnsystem der Eidgenossen noch vor Dänemark, Finnland und Deutschland.

Doch mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche. Schweizer Pendler laufen schon dann signalrot an, wenn eine S-Bahn ausnahmsweise mal drei Minuten zu spät in den Bahnhof rollt. Verspätung ist eben relativ. Was in Deutschland noch als pünktlich zählt, verdirbt in der Schweiz schon die Statistik. Und die fällt für den November so schlecht aus wie nie zuvor.

Die entnervten Reaktionen der Schweizer auf die Verspätungswelle lassen sich nur als enttäuschte Liebe verstehen. Denn zum öffentlichen Nahverkehr führen unsere Nachbarn ein quasi-familiäres Verhältnis.

Falls Sie etwa eine ältere Dame an der Straßenbahnstation in Zürich fragt, ob eine Cobra kommt, dann ist das kein Grund zur Panik. Gemeint ist keine aus dem Zoo ausgebüxte Giftschlange, sondern ein Straßenbahnmodell mit niedrigem Einstieg – und das nennt man in Zürich liebevoll beim Namen: „Achtung, die Cobra kommt!“ Und das meistens auf die Sekunde genau.

Luxus auch im Zug: Wer in einen Intercity steigt, tritt auf Teppichboden. Im Familienwagen wartet eine Kinderrutsche. Und sogar für Hunde gibt es eine Bahncard 100, die auch in vielen Zahnradbahnen gilt.

Nirgends in Europa beherrscht man die Kunst des Bahnfahrens so wie hier. Deshalb spricht die Schweizer Bahn auch nicht von einer geänderten Wagenreihung, wenn ein Zug ausnahmsweise verkehrt herum in den Bahnhof einfährt – sondern von einer veränderten Wagenkomposition, als gehe es nicht um schnöden Nahverkehr, sondern um eine Bach-Sinfonie.

Nur so ist zu verstehen, dass schon die kleineren Malheure der vergangenen Wochen unsere Nachbarn in regelrechte Selbstzweifel stürzen. Wurde das Netz durch den jahrelangen Ausbau zu komplex, um noch beherrscht zu werden? Regieren in der pünktlichkeitsverwöhnten Schweiz demnächst vielleicht sogar deutsche Verhältnisse?

Die SBB kann sich die Probleme selbst nicht erklären, denn Auslöser waren verschiedene Ursachen: eine Oberleitungsstörung hier, ein Fahrzeugdefekt da. „Eine Lösung hier und jetzt zu formulieren“, sagte ein Bahnsprecher, „ist im Moment sehr schwierig.“ Da hilft wohl nur warten.

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