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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Weltgeschichte Wie sich Irland und die Schweiz um die Knochen von James Joyce streiten

Der irische Schriftsteller James Joyce wurde in Zürich begraben. Auf seine Heimat war er nicht gut zu sprechen, doch jetzt soll er trotzdem zurück nach Irland.
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Fast 80 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers wollen irische Politiker dessen sterbliche Überreste zurückholen.
Skulptur James Joyce

Fast 80 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers wollen irische Politiker dessen sterbliche Überreste zurückholen.

Zürich Ein Buch in der Hand, den Blick nachdenklich in die Ferne gerichtet – so wacht die Statue von James Joyce über das Grab des irischen Schriftstellers in Zürich. Joyce starb 1941 in der Limmatstadt. Sein Ehrengrab am Rand Friedhofs Fluntern ist eine Pilgerstätte für seine literarischen Verehrer. Noch.

Denn fast 80 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers wollen irische Politiker dessen sterbliche Überreste zurückholen. Und zwar rechtzeitig zum 100-jährigen Jubiläum von Joyce‘ Meisterwerk „Ulysses“ im Jahr 2022. Das morbide Anliegen stößt in Zürich auf wenig Begeisterung – und sorgte für ein internationales Presseecho. Der englische Guardian spricht gar vom „Battle of the Bones“, also der „Schlacht der Knochen“.

Joyce gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Moderne. Dass er in Zürich seine letzte Ruhestätte fand, liegt auch an seinem schwierigen Verhältnis zu seiner irischen Heimat. Joyce hatte nach dem Jahr 1912 keinen Fuß mehr auf irischen Boden gesetzt. „Keiner, der etwas Selbstachtung hat, bleibt in Irland“, sagte er einst in einer Vorlesung. Sein Meisterwerk „Ulysses“ war in Irland als „obszön“ und „anti-irisch“ verboten worden. Vor allem seine kritische Haltung zum Katholizismus manövrierte ihn ins Abseits.

Bei Joyce‘ Tod soll der irische Außenminister gar ein trockenes Telegramm an die Diplomaten in der Schweiz geschickt haben: „Bitte senden Sie Details über seinen Tod. Falls möglich, finden Sie heraus, ob er als Katholik starb“. Die Bitte seiner Frau, Joyce ein Grab in Irland zu gewähren, wurde damals abgelehnt.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Trotz der Kritik sei Joyce nun mal Irlands führender Autor, argumentiert der Dubliner Stadtrat Dermot Lacey. „Es scheint so, als würde er gerne hier beerdigt, und es wäre schön, dies zum hundertjährigen Jubiläum der Veröffentlichung eines der wichtigsten Bücher der literarischen Moderne zu tun“.

Auch der Dubliner Stadtrat Paddy McCartan unterstützt das Begehren. „Das Exil war ein Schlüsselelement seines Werks, aber muss es ihm in die Unendlichkeit folgen?“, fragt McCartan. „Ich glaube nicht, dass das Teil des Plans war”.

Doch in Zürich tut man sich mit dem Wunsch der Iren schwer. Noch liegt kein formelles Gesuch aus Irland vor, aber die Totenruhe wird nur in begründeten Ausnahmefällen gestört. „Wenn ein solches Gesuch eingeht, würden wir es sorgfältig prüfen“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Zuständig wäre dabei wohl der Stadtrat, da es sich um ein Ehrengrab handelt.

James-Joyce-Stiftung ist skeptisch

Bei der Zürcher James-Joyce-Stiftung sieht man das Begehren der Iren skeptisch. „Soweit ich weiß, hat sich Joyce nie dazu geäußert, dass er in Irland begraben werden will“, sagt Fritz Senn, der Leiter der Stiftung. Joyce habe auch nie die irische Staatsbürgerschaft angenommen.

Senn sieht noch ein weiteres Problem: In dem Ehrengrab auf dem Friedhof Fluntern seien neben Joyce‘ Ehefrau und seinem Sohn Giorgio auch dessen Gattin Asta Osterwalder beigesetzt, und die habe mit Irland überhaupt nichts zu tun.

Nicht nur deshalb bezweifelt Senn, dass die Überführung zustande kommen wird. Denn dazu bräuchte es wohl die Zustimmung von dessen Enkel Stephen James Joyce. Dieser hat sich bislang nicht zur Sache geäußert und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. „Ich glaube nicht, dass es dazu kommt“, sagt Stiftungsleiter Senn.

Gut möglich also, dass nach der „Schlacht der Knochen“ alles bleibt, wie es war. Zumal man in Irland mit einem ähnlichen Fall schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat: Im Jahr 1948 wurden die sterblichen Überreste des Schriftstellers William Butler Yeats aus Frankreich auf die Insel überführt. Das dachte man jedenfalls.

Heute weiß man, dass dabei die falschen Knochen exhumiert wurden.

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