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Weltgeschichten unserer Korrespondenten

Brasilien Die teure Unvollendete

An der Nord-Süd-Eisenbahn zwischen Pampas und Amazonas wird seit 30 Jahren gebaut. Ihre Geschichte ist eine Parabel auf Brasilien.
22.08.2018 - 22:41 Uhr Kommentieren
Die Bahnstrecke Ferrovia Norte-Sul in der Nähe von Imperatriz im Bundesstaat Maranhão. In 30 Jahren Bauzeit wurde erst ein Teil der Strecke fertiggestellt. Quelle: Reuters
Die Nord-Süd-Eisenbahn in Brasilien

Die Bahnstrecke Ferrovia Norte-Sul in der Nähe von Imperatriz im Bundesstaat Maranhão. In 30 Jahren Bauzeit wurde erst ein Teil der Strecke fertiggestellt.

(Foto: Reuters)

Salvador Die Kolumne am 13. Mai 1987 in der Zeitung „Folha de São Paulo“ in Brasilien schlug ein wie eine Bombe. Der Journalist Jânio de Freitas behauptete darin, dass beim Vergabeverfahren für die Nord-Süd-Eisenbahn die Gewinner schon vorher bekannt gewesen seien. Mit einem einfachen Trick konnte er das beweisen: Im Annoncenteil hatte er Tage zuvor die 18 Baufirmen und die ihnen zugeteilten Trassen in einer Kleinanzeige aufgelistet.

Die Infos hatte ihm ein Informant zugespielt. Mit der unbemerkt gebliebenen Veröffentlichung wollte Freitas vermeiden, dass die Ausschreibung einfach abgeblasen und der Skandal im Sande verlaufen würde.

Es ging um einen Gesamtauftrag von 2,5 Milliarden Dollar. Es war damals die weltweit größte Ausschreibung für ein Eisenbahnprojekt. Die Bahnlinie sollte über 4.500 Kilometer die Minen und Farmen im Landesinnern Brasiliens mit den Häfen am Amazonas und dem industriellen Ballungsgebiet um São Paulo bis in den Süden verbinden.

Freitas’ Enthüllung wurde in Brasilien gefeiert wie ein Sieg der Fußball-Seleção. Gerade waren die Militärs abgetreten und die jahrelange Zensur abgeschafft. Freitas’ Scoop zeigte, dass die Medien in der bleiernen Zeit ihre Bissigkeit als vierte Gewalt nicht verloren hatten. Seine Enthüllung zählt heute zu den Klassikern des investigativen Journalismus.

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    Drei Dekaden später lässt sich sagen: Die Euphorie erwies sich als verfrüht. Das Verfahren wurde nach einem Jahr eingestellt. Niemand wurde verhaftet oder gar verurteilt. Die „Ferrovia Norte Sul“ ist immer noch nicht fertig. Sie ist eine Parabel dafür, was in Brasilien schiefgegangen ist und wieso das Amazonasland 80 Jahre nach Erscheinen der Eloge Stefan Zweigs „Ein Land der Zukunft“ geblieben ist.

    Zwanzig Jahre und vier Präsidenten nach Freitas’ Kolumne wurde das erste Teilstück mit der bescheidenen Länge von 215 Kilometern eingeweiht. Präsident Nummer 5 eröffnete 2007 eine Trasse von 720 Kilometern nach Norden. Sie verbindet Farmen und Zellulosefabriken mit dem Amazonas. In die Züge mit den 80 Waggons passt so viel Soja wie in 200 Lkw. Damit ist die Bahnstrecke aber – vorsichtig ausgedrückt – wenig ausgelastet.

    Mehr Volumen auf die Schienen zu bekommen wäre eigentlich kein Problem. Die Anschlussstraße in den Süden ist seit vier Jahren fertig. Doch auf dem 855 Kilometer langen Stück wurden Verladebahnhöfe „vergessen“. Also fahren dort bis heute nur Testzüge. Vom Südteil der Ferrovia sind angeblich auch schon 90 Prozent fertig. Die Verbindung nach São Paulo sollte dieses Jahr stehen. Wegen der Krise in Brasilien verzögert sich das.

    Fazit: Von den geplanten 4.800 Kilometern Schienen sind 1.575 Kilometer verlegt, die kaum genutzt werden. Das liegt auch daran, weil die Nord-Süd-Bahn von der Organisation von Anfang an falsch aufgegleist wurde: Ein staatliches Unternehmen namens Valec betrieb die Schienenwege. Es legte auch die Tarife fest, welche die Farmer und Händler für die Fracht bezahlen sollten.

    Und schließlich funktionierte das Unternehmen auch noch als Aufsichtsorgan. Es kontrollierte also auch sich selbst. Den Großfarmern und Tradern war die Machtkonzentration suspekt. Sie setzten weiterhin auf Trucks, um ihre Produktion in die Häfen zu bekommen. Inzwischen sitzen der langjährige Präsident der Behörde sowie sein Sohn hinter Gittern. Sie sind zu jahrelangen Strafen verurteilt worden wegen Korruption, Geldwäsche und Kartellbildung.

    Auch die Baufirmen, die beim ersten Skandal vor 31 Jahren mit gezinkten Karten gespielt haben, sind jetzt wieder in den gewaltigen Korruptionsskandal Brasiliens verwickelt. Sie heißen Odebrecht, Andrade Gutierrez, Queiroz Galvão e Mendes Jr. Wären sie damals verurteilt worden, sagt Freitas, hätten sich die Beziehungen zwischen Baufirmen, Staat und Politik anders entwickelt. Ein unkalkulierbarer Reichtum für Bildung, Gesundheit, Wohnen und Sicherheit ist den Brasilianern in diesen drei Jahrzehnten verloren gegangen.

    Zu Jahresende sollen wieder Konzessionen für die Norte-Sul ausgeschrieben werden. Kein Zweifel: Von der Skandal-Geschichte der Ferrovia wird es bald weitere Kapitel geben.

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