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Brasilien Ein unscheinbares Kino-Ereignis sorgt für viel Wirbel

Das Goethe-Institut zeigt einen 20 Jahre alten Film über Frantz Fanon – und trifft damit genau den Nerv der Zeit einer Gesellschaft des Jahres 2018.
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Die Aufführung des 1996 gedrehten Films über Frantz Fanon, den Anti-Kolonialismus-Vordenker, hat für viele Diskussionen im brasilianischen Salvador de Bahia gesorgt. Quelle: picture-alliance / Mary Evans Pi
Filmszene aus „Frantz Fanon: Black Skin, white mask“

Die Aufführung des 1996 gedrehten Films über Frantz Fanon, den Anti-Kolonialismus-Vordenker, hat für viele Diskussionen im brasilianischen Salvador de Bahia gesorgt.

(Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi)

SalvadorDas Event im brasilianischen Salvador de Bahia fand an einem symbolischen Ort statt. Vom Glauber Rocha-Kino in der Oberstadt des Zentrums hat man einen phantastischen Blick über die Allerheiligen-Bucht. Es ist das Art-Kino der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole im Nordosten Brasiliens. Renoviert hat das vor 100 Jahren als „Kursaal“ eröffnete Kino der Banco Itaú, die größte Privatbank Brasiliens.

Dessen Besitzer fördern Filmkunst. Der bekannte brasilianische Regisseur und Produzent Walter Salles stammt aus der Familie. Benannt ist das Kino nach dem verstorbenen Avantgarde-Regisseur Glauber Rocha, der aus Bahia kommt. Mehr Kinotradition geht also kaum.

Gewählt hatte den historischen Ort das lokale Goethe-Institut für eine Vorführung des 1996 gedrehten Film über Frantz Fanon, den Anti-Kolonialismus-Vordenker. Es ist ein Film von Issac Julien, dem britischen Künstler und Filmemacher sowie zeitweise Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

Juliens Familie stammt von den Antillen, so wie Fanon. Der Künstler war zusammen mit seinem Co-Regisseur und Kurator Mark Nash anwesend. Sie waren für einen Monat Gäste des Goethe-Instituts in Bahia. Das betreibt seit 2016 ein Residenzprogramm, bei dem internationale Künstler für einige Wochen dort leben, schaffen und sich mit den lokalen Künstlern austauschen. 

Der Leiter des Goethe-Instituts hatte zuvor gefürchtet, dass zu wenig Zuschauer kommen könnten, um die 200 Plätze des Kinos zu füllen. Doch in wenigen Stunden meldeten sich 1200 Interessierte – und man hatte Mühe diejenigen zu beruhigen, die keinen Einlass mehr bekommen hatten.

Es wurde laut. Der Leiter wurde als Rassist beschimpft. 95 Prozent des Publikums im Avantgarde-Kino bestand aus der schwarzen intellektuellen Elite der Stadt, dem Zentrum der afrobrasilianischen Kultur Brasiliens. Mitten im Trubel stand Julien. Niemand erkannte ihn, obwohl inzwischen ein etablierter Künstler ist, dessen Fotoinstallationen in führenden Galerien weltweit stehen. „Warum so viel Aufregung?“, fragte Julien erstaunt. „Es ist doch nur ein 20 Jahre alter Dokumentarfilm.“

Im politisierten London zu Beginn der 80er-Jahre diskutierten Immigranten von den Antillen wie Julien intensiv über den Denker Fanon. In Salvador entwickelt der Film fast 40 Jahre später eine Aktualität und Spannung, die er in einem europäischen Off-Kino kaum erhalten hätte.

Es ist ein impressionistisches Portrait Fanons. Nachgespielte Szenen zeigen seine Biografie als Psychiater und späteren Politiker zwischen Martinique, Frankreich und Algerien. Den Weg von Fanons psychologisierenden Erstwerk „Schwarze Haut, weiße Masken“ – so auch der Titel des Films – bis zum revolutionären „Die Verdammten dieser Erde“.

In der Fragerunde danach hatte man zeitweise den Eindruck, dass der Film noch weitergehe: Eine Dozentin will ihre Frage lieber von „ihrer schwarzen Schwester“ übersetzen lassen, statt von der weißen Übersetzerin auf der Bühne. Fanon sagte, dass eine Sprache sprechen bedeute, eine Kultur zu übernehmen.

Doch Julien wie Nash können die holprig übersetzte Frage nicht verstehen. Die Zuschauer kritisieren, dass sie den Film erst jetzt zu sehen bekommen. Das Werk über Fanon wie auch seine sonstigen Arbeiten würden regelmäßig in São Paulo und Rio gezeigt, sogar portugiesisch untertitelt, erklärt Julien. Er kann nicht ahnen, dass die fehlende Sichtbarkeit seiner Filme an der Überheblichkeit des „hochentwickelten“ São Paulo gegenüber dem „unterentwickelten“ Nordosten liegen könnte.

Die staatlichen Kulturverwalter im Süden scheinen bisher nicht auf die Idee gekommen zu sein, den Film nach Salvador zu verleihen. Kulturarbeit im Ausland kann überraschend spannend sein: Ein deutsches Kulturinstitut zeigt in Brasilien den 20 Jahre alten Film eines britischen Künstlers über Fragen der Entkolonialisierung – und trifft damit genau den Nerv der Zeit einer Gesellschaft des Jahres 2018.  

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